Einmarsch in den Gazastreifen: Bei Einbruch der Dunkelheit rollen die Panzer
Aktualisiert

Einmarsch in den GazastreifenBei Einbruch der Dunkelheit rollen die Panzer

Die schweren Artilleriegeschütze fangen an zu donnern, als der rote Sonnenball hinter dem Horizont verschwindet. Schnell wird es dunkel, und die Panzer setzen sich in Bewegung. Wie schwerfällige Phantome rollen die Kettenfahrzeuge in der Nähe der israelischen Ortschaft Nir Am zur fünf Kilometer entfernten Grenze. Nach sieben Tagen ununterbrochener Luftangriffe schlägt Israel auch am Boden gegen die palästinensische Hamas zu.

«Es gibt Ziele, die aus der Luft erledigt werden können, und Ziele, bei denen das nicht möglich ist», sagt die israelische Aussenministerin Zipi Livni. Regierungschef Ehud Barak erklärt aber, dass es nicht um den Sturz der Hamas gehe, sondern allein um die Einstellung der Raketenangriffe aus dem Gazastreifen.

Von einer Anhöhe bei Nir Am ist zu sehen, wie die Panzerkolonnen über Felder zur Grenze rasseln. Ihre Motoren heulen, aber die Scheinwerfer sind verdeckt. Geländefahrzeuge rasen mit hoher Geschwindigkeit eine Strasse entlang. Am sternenklaren Himmel bei Halbmond schwirren Kampfhubschrauber.

In der nahegelegenen Stadt Sderot öffnen einige Cafés nach dem Ende des Sabbats. Aber die Strassen bleiben menschenleer. Sderot ist immer wieder das Ziel von Kassam-Raketen der Palästinenser gewesen. Selbst nach Beginn der Bodenoffensive schlagen wieder sechs Raketen in der Grenzregion ein. Dabei werden vier Menschen verletzt.

Auf der anderen Seite der Grenze durchzucken Blitze den Nachthimmel. Leuchtspurmunition zieht rote Linien in die Nacht und zeigt den Soldaten ihre Ziele.

Löcher in Hauswände gesprengt

Die Truppen meiden die grossen Städte. Augenzeugen berichten aber von Soldaten in Beit Lahija, nördlich der Stadt Gaza und im Dorf Al Attatra. Dort gehen Soldaten den Augenzeugen zufolge von Haus zu Haus, indem sie Löcher in die Wände sprengen. Die meisten Häuser stehen leer, ihre Bewohner sind in Erwartung der Bodenoffensive geflohen. Die Ziele in den Städten werden weiter aus der Luft und von See aus angegriffen. Als die Sonne am Sonntagmorgen aufgeht, stehen schwarze Rauchwolken über dem Küstenstreifen.

Sanitätsfahrzeuge der Armee kommen am Morgen aus dem Gazastreifen zurück. Sie bringen Verletzte in das Krankenhaus der südisraelischen Stadt Beerscheba.

Parallelen zum Libanon-Krieg 2006

Israels bisherige Erfahrungen mit dem Einsatz von Bodentruppen in arabisch besiedelten Regionen ist kaum erfolgreich. 1982 marschierte Israel im Libanon ein - vorgeblich, um palästinensische Kämpfer aus der Grenzregion zu vertreiben. Der wirkliche Plan war aber, wie später bekannt wurde, eine proisraelische Regierung in Beirut zu installieren. Das scheiterte, aber die israelischen Truppen blieben bis 1985 im Libanon, in einem Grenzstreifen im Südlibanon sogar bis 2000. Ein Ergebnis der langen Besetzung war die Bildung der Hisbollah.

Nach einem Vorstoss von Hisbollah-Kämpfern in Nordisrael kam es im Juli 2006 wie diesmal erst zu Luftangriffen, denen dann eine Bodenoffensive folgte. Die Hisbollah fügte Israel schmerzliche Verluste zu, die Regierung wurde unter massiven Druck gesetzt und musste Fehler einräumen.

Im Gazastreifen kam es mehrfach zu kurzzeitigen Truppenvorstössen. Im November 2006 drangen Soldaten in den Norden des Gebiets ein, zogen sich dann aber wieder zurück, als es nach einem Granatentreffer auf ein Wohnhaus mit 18 Toten zu internationalen Protesten kam.

Die Beilegung des Libanon-Kriegs von 2006 könnte aber auch das Modell für eine Lösung des gegenwärtigen Konflikts bieten. Israel hat sich bereits für eine internationale Überwachung eines möglichen Waffenstillstands ausgesprochen, wie sie der Weltsicherheitsrat für den Südlibanon ermöglicht hat. Während der Krieg gegen die Hamas eine neue Stufe erreicht hat, gibt es intensive diplomatische Bemühungen auf der Suche nach Möglichkeiten, wie er beendet werden kann. (dapd)

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