25.07.2020 12:26

Im Sommer wie im Winter

So sah der Unterricht aus, als die Tuberkulose wütete

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts wütete in vielen Ländern die Tuberkulose – auch in den USA. Schulunterricht fand damals trotzdem statt. Die Schüler mussten sich dafür nur warm anziehen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Vor rund 100 Jahren wütete die Tuberkulose. Die bakterielle Infektionskrankheit bedrohte viele Menschen weltweit. (Im Bild: Eine Riesenspinne, welche für Tuberkulose steht, fängt in ihrem Netz die Menschen ein, erstellt vom italienischen Roten Kreuz)

Vor rund 100 Jahren wütete die Tuberkulose. Die bakterielle Infektionskrankheit bedrohte viele Menschen weltweit. (Im Bild: Eine Riesenspinne, welche für Tuberkulose steht, fängt in ihrem Netz die Menschen ein, erstellt vom italienischen Roten Kreuz)

Wikimedia Commons/Wellcome Images/CC-BY 4.0
Trotzdem fand vielerorts Schulunterricht statt, so wie hier in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island. Dieser war – dank der Idee zweier Ärztinnen – deutlich luftiger als man ihn sonst kennt.

Trotzdem fand vielerorts Schulunterricht statt, so wie hier in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island. Dieser war – dank der Idee zweier Ärztinnen – deutlich luftiger als man ihn sonst kennt.

Library of Congress/George Grantham Bain Collection
Der erste wurde in einem leerstehenden Backsteingebäude in der Hauptstadt Providence geschaffen. Dafür wurde zunächst ein Stockwerk so umgebaut, dass es auf jeder Seite raumhohe Fenster hatte, die dann fast immer offen gehalten wurden. (Im Bild: das Gebäude heute)

Der erste wurde in einem leerstehenden Backsteingebäude in der Hauptstadt Providence geschaffen. Dafür wurde zunächst ein Stockwerk so umgebaut, dass es auf jeder Seite raumhohe Fenster hatte, die dann fast immer offen gehalten wurden. (Im Bild: das Gebäude heute)

Wikimedia Commons/Kenneth C. Zirkel/CC BY-SA 3.0

Darum gehts

  • Schon früher gab es Seuchen – etwa die Tuberkulose.
  • Trotzdem fand damals Unterricht statt, vielerorts einfach draussen.
  • Dies entweder in umgebauten Klassenzimmern, in Parks, auf Dächern und sogar auf Schiffen.
  • Davon profitierten die Schüler nicht nur in gesundheitlicher Hinsicht.

Die Pandemie ist noch lange nicht vorbei, aber der Schulbetrieb ist bereits wieder angelaufen. Manchen Lehrern und Eltern dürfte angesichts der hohen Infektiosität des neuartigen Coronavirus etwas mulmig zumute sein. Aktuell wird deshalb etwa eine Maskenpflicht diskutiert, wie sie Luzern schon für Gymi- und Berufsschüler eingeführt hat.

Auch vor rund 100 Jahren sahen sich Teile der Menschheit mit einer hochansteckenden Krankheit konfrontiert: der Tuberkulose, einer bakteriellen Infektionskrankheit, die – wie Sars-CoV-2 auch – durch Tröpfchen übertragen wird. Auch damals stand man vor der Frage, ob und wie sich Schulunterricht abhalten liesse.

Konsequentes Lüften schon damals A und O

In den USA setzte man auf eine ungewöhnliche, aber sehr erfolgreiche Massnahme, die auf Mary Packard und Ellen Stone aus dem Bundesstaat Rhode Island zurückgeht: Die beiden Ärztinnen schlugen im Jahr 1907 vor, sogenannte Freiluftschulräume einzurichten.

Der erste Schulraum wurde in einem leerstehenden Backsteingebäude in der Hauptstadt Providence geschaffen. Dafür wurde zunächst ein Stockwerk so umgebaut, dass es auf jeder Seite raumhohe Fenster hatte, die dann fast immer offen gehalten wurden. Der dadurch ständig herrschende Durchzug sorgte dafür, dass die Konzentration an Tuberkulose-Erregern im Raum tief blieb.

Auch heute gilt konsequentes Lüften als eine der wichtigsten Massnahmen, um die Ansteckungsgefahr in Innenräumen möglichst klein zu halten, wie unlängst 239 Forscher in einem offenen Brief an die WHO festhielten.

Spezielle Decken und warme Steine an den Füssen

Trotz eisiger Temperaturen sassen die Schulkinder in Providence auch während des Winters in dem luftigen Klassenzimmer. Spezielle Decken, sogenannte «Eskimo Sitting Bags» (siehe Bildstrecke), an deren Fussende sich aufgeheizte Specksteine befanden, hielten die Kinder stets warm, berichtet die «New York Times». So warm, das kein einziges von ihnen krank wurde.

Auch mit Tuberkulose infizierte sich kein Schüler. Und so wurden innerhalb von zwei Jahren insgesamt 65 Freiluftschulen im ganzen Land geschaffen, die entweder nach dem Vorbild des Providence-Modells eingerichtet oder einfach im Freien abgehalten wurden. Im New Yorker Stadtteil Bronx führte etwa die Privatschule Horace Mann den Unterricht auf dem Dach durch; eine weitere Schule in der Stadt hielt ihn auf einer verlassenen Fähre ab. Wieder andere verlegten den Unterricht kurzerhand in den Park.

Outdoor-Unterricht hat viele Vorteile

Die Kinder wurden damals übrigens nicht nur nicht krank, sie dürften auch noch in anderer Hinsicht von dem luftigen Unterricht profitiert haben. So gibt es immer mehr Belege, dass – vor allem jüngere – Schüler von nach draussen verlagerten Lektionen profitieren.

Aufmerksam und weniger auffällig

So zeigte eine 2018 im Fachjournal «Frontiers of Education» publizierte Studie mit insgesamt 161 Kindern mit speziellen Bedürfnissen, dass die Teilnehmer eines naturwissenschaftlichen Klasse nach der Verlegung der Unterrichtseinheiten nach draussen deutlich aufmerksamer waren als diejenigen, die weiterhin im Klassenzimmer unterrichtet wurden. Zudem zeigten sie weniger auffälliges Verhalten.

Weniger Suspendierungen

Kenneth Jessup, Direktor der John-M.-Patterson-Primarschule in Philadelphia kann die wissenschaftliche Erkenntnis bestätigen. Seit es auf ihrem Pausenhof einen Spielplatz hat, auf dem die Schüler nicht nur spielen, sondern sich auch um die dort wachsenden Pflanzen kümmern, Sport treiben und Kurse belegen können, ist die Zahl der Suspendierungen von 50 pro Jahr auf 0 zurückgegangen.

Bessere Noten

Gemäss Forschern aus Bangladesh scheint sich Freiluft-Unterricht auch positiv auf die Noten auszuwirken, wie sie im Fachjournal «Environment & Behavior» berichten. Laut der Studie schnitten die Klassen besser in Naturwissenschaften und Mathematik ab, die auf dem Schulhof und nicht im Klassenzimmer unterrichtet wurden.

Ansteckungsgefahr draussen fast 20-mal niedriger

Laut einer Studie von japanischen Forschern könnte es sich auch während der Corona-Pandemie lohnen, über eine Verlagerung des Unterrichts an die frische Luft nachzudenken. Wie das Team um Motoi Suzuki von National Institute of Infectious Diseases im April 2020 auf dem Preprint-Server Medrxiv.org schrieb, ist die Wahrscheinlichkeit, sich mit Sars-CoV-2 im Freien zu infizieren, fast 20-mal niedriger als in Innenräumen.

Bei Versammlungen im Freien sei das Risiko geringer, da der Wind Viruströpfchen zerstreut und das Sonnenlicht einen Teil des Virus abtöten kann, so die Erklärung des Teams. «Freiräume verhindern, dass sich das Virus in grossen Mengen ansammelt und eingeatmet wird», zitiert die «New York Times» Julian W. Tang, Virologe an der University of Leicester. Genau das könne in Innenräumen passieren, wenn infizierte Menschen über lange Zeiträume ausatmen.

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30 Kommentare
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Vorsorge

26.07.2020, 13:29

Vermutlich sind jetzt Strickkurse für Wollsocken und Wollmützen angesagt.

Peter Banker

25.07.2020, 14:53

Was!? Die Kinder sollen in stickigen Räumen lernen und sich nicht im Wald vergnügen, das einzige was zählt sind Noten!

Lisa

25.07.2020, 14:27

Es ging nicht nur darum, die Erregerzahl in den Räumen klein zu halten, sondern die frische Luft war auch gut für die Lunge. Eine Freiluftschule gab es ab 1928 (bis 1943, als das Gebäude abgerissen wurde) auch auf dem Üetliberg - wir müssen also nicht nach Amerika, um das Thema zu studieren.