Bezirksgericht Bülach: An Geiselnahme von sechs Frauen beteiligt – Mann zu 7,5 Jahren verurteilt

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Bezirksgericht BülachAn Geiselnahme von sechs Frauen beteiligt – Mann zu 7,5 Jahren verurteilt

Ein 27-jähriger Eritreer hat bei einer Geiselnahme im Sudan mitgeholfen – das sagen zwei Zeuginnen. Das Bezirksgericht Bülach hat ihn am Dienstag schuldig gesprochen.

von
Stefan Hohler
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Vor dem Bezirksgericht Bülach muss sich ein 27-jähriger Eritreer wegen einer Geiselnahme im Sudan im Frühjahr 2015 verantworten.

Vor dem Bezirksgericht Bülach muss sich ein 27-jähriger Eritreer wegen einer Geiselnahme im Sudan im Frühjahr 2015 verantworten.

20min/hoh
Der Mann bestreitet die Tat, es liege eine Verwechslung vor. 

Der Mann bestreitet die Tat, es liege eine Verwechslung vor. 

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Der Mann soll als Dolmetscher mit den Entführern agiert haben. 

Der Mann soll als Dolmetscher mit den Entführern agiert haben. 

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Darum gehts

  • Ein heute 27-jähriger Eritreer soll bei der Entführung von sechs Frauen im Sudan mitgeholfen haben.

  • Eine der Frauen will ihn im Oktober 2017 vor dem Zürcher Migrationsamt in Oerlikon wiedererkannt haben.

  • Heute hat ihn das Bezirksgericht Bülach wegen Geiselnahme zu 7,5 Jahren verurteilt.

Der Fall ist aussergewöhnlich: Eine Flüchtende aus Eritrea will im Oktober 2017 vor dem Zürcher Migrationsamt in Oerlikon einen Mann wiedererkannt haben, der sie und fünf weitere flüchtende Frauen im Frühjahr 2015 im Sudan überfallen und als Geiseln genommen haben soll. Laut Anklageschrift wurden die sechs Frauen misshandelt, vergewaltigt und mit dem Tod bedroht. Die Übersetzung für die Lösegeldforderungen zwischen den Angehörigen der Geiseln in Eritrea und den arabisch sprechenden Nomaden vom Volksstamm der Rashaidas soll der Beschuldigte, ein heute 27-jähriger abgewiesener Asylsuchender aus Eritrea, gemacht haben.

Das Bezirksgericht Bülach hat den Mann im April 2020 wegen Geiselnahme zu einer Freiheitsstrafe von 7,5 Jahren verurteilt. Der Beschuldigte gelangte ans Obergericht, welches den Fall an die Vorinstanz zurückwies. Das Bezirksgericht Bülach habe den Sachverhalt zu wenig geklärt, insbesondere seien zwei wichtige Zeuginnen nicht befragt worden.

«Entführer haben uns schlimm behandelt»

Am heutigen Prozess sagten diese Zeuginnen aus. Es handelt sich um zwei Entführungsopfer im Alter von 25 und 26 Jahren. Der Angeklagte verfolgte die Befragung der beiden Frauen in einem separaten Raum per Video. «War der Beschuldigte an der Entführung beteiligt?», will der Richter wissen. «Ja, ich erkenne ihn vom Aussehen her. Ich bin mir sicher», antwortet die 26-Jährige. Er sei einer der beiden Dolmetscher gewesen, welche den arabisch sprechenden Entführern dienten. «Die Entführer haben uns schlimm behandelt. Wir wurden misshandelt, geschlagen, und vergewaltigt.» Die Geiselnahme habe mehrere Wochen gedauert.

Der Richter will wissen, welche Rolle der Beschuldigte spielte. «Er war als Dolmetscher bei den  Lösegeldforderungen an die Familienangehörigen beteiligt.» Auf die Frage, ob der Beschuldige sie oder die anderen Frauen misshandelt hat, sagt die Zeugin, dass sie von mehreren Männern misshandelt worden sei –  der 27-Jährige habe sie einmal mit einem Kabel geschlagen. «Die Geiselnehmer drohten unsere Nieren zu entnehmen und für 30 Dollar zu verkaufen», sagt sie. «Hat der Beschuldigte persönlich von der Entführung profitiert?» fragt der Richter. «Ich glaube nicht, dass er gratis arbeitete», sagt die Frau. Ihre Angehörigen hätten sie schliesslich für 3000 US-Dollar freigekauft. 

Auch zweites Opfer belastet ihn      

Auch die 25-Jährige, in Deutschland lebende Eritreerin bekräftigte, dass der Beschuldigte als Dolmetscher tätig war. «Die arabischen Geiselnehmer haben mit uns gemacht, was sie wollten.» Es sei schlimm gewesen. Der Beschuldigte habe sich wie die anderen Entführer aufgeführt. Er habe sie aber nicht geschlagen. Ob der Beschuldigte freiwillig mitmachte, fragt der Richter. «Er hat mir gesagt, dass er auch ein Gefangener sei und hat manchmal auch Mitleid gezeigt.» Auch ihre Eltern hätten 3000 US-Dollar für ihre Freiheit bezahlt.

Vor Gericht bestritt der 27-Jährige am Dienstag die Tat. «Ich habe weder übersetzt noch an der Geiselnahme teilgenommen.» Es müsse sich um eine Verwechslung handeln: «Ich kenne die Frauen nicht.» Er befindet sich seit Oktober 2019 in Haft. 

«Aussagen von zwei verwandten Freundinnen»

Der Staatsanwalt verlangte wegen qualifizierter Geiselnahme eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren. Er geht davon aus, dass der Beschuldigte in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum das Vertrauen der  Geiselnehmer gewinnen konnte und von ihnen als Dolmetscher angeheuert wurde. «Es gibt keinen plausiblen Grund, warum die beiden Frauen den Beschuldigten fälschlicherweise einer solch schweren Straftat  bezichtigt haben.»

Der Verteidiger wollte hingegen einen Freispruch und eine Genugtuung für die lange Haft. «Die Fluchtroute meines Mandanten überschneidet sich weder zeitlich noch örtlich mit jener der beiden Frauen.» Der Beschuldigte habe sich zum Zeitpunkt der angeblichen Entführung in Khartoum aufgehalten. Die Frauen hätten auch keine körperlichen Verletzungen von den massiven Misshandlungen davongetragen. «Die einzigen Indizien der angeblichen Entführung sind die Aussagen von zwei verwandten Freundinnen», sagt der Anwalt.

«Keine Anzeichen von einer Absprache der Opfer»

Das Gericht verurteilte den Eritreer am Dienstagabend wegen Geiselnahme zu einer Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren. «Die Entführung hat stattgefunden, das Gericht hat keine Zweifel.» Die beiden Frauen hätten übereinstimmend ausgesagt, Hinweise für eine Absprache liegen nicht vor. Sie hätten ihn auch identifiziert, und es gebe keine Hinweise, wo sich der Beschuldigte in diesem Zeitraum befunden habe. Der Beschuldigte sei ein Mitläufer der Entführerbande gewesen.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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