Kino trifft Medizin: Bei Hitchcock reagierte der Wachkoma-Patient

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Kino trifft MedizinBei Hitchcock reagierte der Wachkoma-Patient

Was und wie viel Menschen im Wachkoma von ihrer Umwelt mitbekommen, ist schwierig zu sagen - aber entscheidend für die Behandlung. Ein neuer Ansatz könnte Licht ins Dunkel bringen.

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Ist er bei Bewusstsein oder nicht? Vor dieser Frage stehen Ärzte, die Wachkoma-Patienten betreuen, regelmässig. Die Antwort darauf ist meist unklar. Denn die bisherigen Tests sind nicht eindeutig.

Auf der Suche nach einer besseren Methode haben Forscher der Western University in Kanada nun einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen.

Das Team um Lorina Naci vom Brain and Mind Institute zeigte zunächst zwölf gesunden Probanden den Alfred-Hitchcock-Kurzfilm «Bang! You're Dead» (1961), der besonders spannend war. Gleichzeitig wurde ihre Hirnaktivität im Magnetresonanztomografen (MRT) aufgezeichnet.

Diesen Film sahen die Probanden. (Video: Youtube/Alfred Hitchcock Presents)

Spannung lässt sich im Gehirn ablesen

Dabei zeigte sich, dass ihr Gehirn ähnlich wie in realen Situationen reagiert: Die Neuronen im frontalen und parietalen Cortex begannen synchron zu feuern. Diese Bereiche sind für die Verarbeitung und Bewertung von Sinnesreizen zuständig. Sie werden aber auch dann aktiv, wenn wir überlegen, wie wir auf eine Situation reagieren - ein Beweis dafür, dass jemand bei Bewusstsein ist.

Die Signale waren so eindeutig, dass die Forscher erkennen konnten, ob die Probanden gerade eine spannende Stelle beobachteten oder nicht. Denn in Ruhemomenten traten diese Aktivitäten nicht auf, wie Naci und ihre Kollegen in den «Proceedings of the National Academy of Sciences in the United States of America» schreiben.

Eindeutiges Ergebnis

Um herauszufinden, ob auch vermeintlich bewusstlose Menschen ähnlich reagieren, wiederholten Naci und ihre Kollegen das Experiment mit zwei Patienten, die nach Unfällen aufgrund schwerer Hirnverletzungen seit mehreren Jahren im Wachkoma lagen. «Obwohl beide bei wenigen Anlässen Objekte mit den Augen verfolgt hatten, zeigte keiner von ihnen Zeichen höheren Bewusstseins oder irgendeine Form der Kommunikation», so die Forscher.

Umso überraschender war das Ergebnis: Während das Gehirn des einen keine Aktivitäten aufwies, reagierte der andere tatsächlich auf die Handlung im Film - und das obwohl alle früheren Tests auf das Gegenteil hingedeutet hatten. «Wir haben erstmals nachgewiesen, dass ein Patient mit unbekanntem Bewusstseinszustand genauso Informationen aus seiner Umwelt aufnehmen und analysieren kann wie gesunde Menschen», sagt Naci in einer Mitteilung der Hochschule.

Laut ihr könnte das Hitchcock-Verfahren auch in anderen Fällen helfen. «Schon heute wissen wir, dass einer von fünf Wachkoma-Patienten als ohne Bewusstsein fehldiagnostiziert wird», so Naci. Ihre Methode könnte dazu beitragen, diese Zahl zu senken.

Das steckt hinter der Studie. (Video: Youtube/Western University)

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