Lehrer über fluchende Schüler: «Bei ‹Hurensohn› kenne ich kein Pardon»
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Lehrer über fluchende Schüler«Bei ‹Hurensohn› kenne ich kein Pardon»

Schon Primarschüler benutzen Kraftausdrücke. Lehrer erklären, was sie im Alltag erleben und wie sie damit umgehen.

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vro
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In der Schule wird geflucht. Während Schimpfwörter früher ein Tabu waren, gehören sie heute schon beinahe dazu. (Symbolbild)

In der Schule wird geflucht. Während Schimpfwörter früher ein Tabu waren, gehören sie heute schon beinahe dazu. (Symbolbild)

Keystone/Martin Ruetschi
Laut Beat Zemp, Präsident des Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, findet eine Sprachverwilderung statt. Die Schüler lernen die Schimpfwörter über Social Media oder von älteren Personen in ihrem Umfeld.

Laut Beat Zemp, Präsident des Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, findet eine Sprachverwilderung statt. Die Schüler lernen die Schimpfwörter über Social Media oder von älteren Personen in ihrem Umfeld.

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Ob «Figg di» oder «Du Assi» – Schüler benutzen Flüche, selbst wenn sie deren Bedeutung nicht genau verstehen. Lehrer oder Eltern sollten auf solche Ausdrücke reagieren, rät der Kinderpsychologe Philipp Ramming.

Eine Primarlehrerin der 5. und 6. Klasse hat ihre eigene Strategie, wie sie mit Fluchen im Klassenzimmer umgeht: «Ich erkläre meinen Schülern immer Folgendes: Auch ich fluche ab und an in meinem Alltag. Ich bin so erzogen worden, dass Kraftausdrücke in Massen verwendet werden dürfen. In gewissen Situationen ist ein ‹Ach, Scheisse, verdammt noch mal› auch meine Reaktion. Wichtig ist aber, dass man sich bewusst ist, in welchen sozialen und gesellschaftlichen Situationen dies angebracht ist und in welchen nicht. In der Schule eben beispielsweise nicht.»

«Fluchen gibt Kuchen»

Murmle ein Kind einmal leise «Scheisse», wenn etwa ein Stift auslaufe, müsse es aber kaum Konsequenzen befürchten. «Bei anderen Schimpfwörtern, besonders bei sexualisierten wie ‹Hurensohn› oder ‹Figg dini Mueter›, kenne ich aber kein Pardon, das geht einfach gar nicht und hat sofort Konsequenzen», erzählt die junge Lehrerin. Ein weiteres Hilfsmittel sei, den Schülern die Bedeutung der Worte zu erklären. «Viele Kinder wissen nämlich gar nicht, was sie da überhaupt rauslassen.»

Eine andere Lehrerin der gleichen Stufe hat sich eine andere Strategie ausgedacht: «Fluchen gibt Kuchen – die Schüler müssen einen selbst gebackenen Kuchen für die ganze Klasse mitbringen. So werden sie sich erstens bewusst, was sie sagen, und zweitens bestraft man damit auch ein bisschen die Eltern, da diese meistens den Kuchen backen», erzählt sie.

«Wir haben einander Tschernobilly gesagt»

Eine andere Lehrerin unterrichtet die 2. Klasse an einer ländlichen Schule, wie sie schreibt. «Zum Glück ist es bei uns noch nicht so schlimm, aber vor allem das ‹Hey Alte› hat bei uns schon sehr Anklang gefunden.» Auch «What the fuck» sei beliebt, selbst die Kleinen würden es manchmal verwenden. «Sie hören es halt von den Älteren und können schon sehr gut einschätzen, in welchem Zusammenhang es verwendet wird – wenn sie zum Beispiel sehen, wie viele Hausaufgaben es gibt.»

Dass Schüler fluchen, gab es natürlich auch schon früher. «Wir haben dann ein ‹Fluechkässeli› aufgestellt», schreibt Leserin Karina. «Jeder, der fluchte, musste 50 Rappen bezahlen, was heute so circa fünf Franken entsprechen würde. Glaubt mir, die Flucherei war bald zu Ende.» Ein anderer Leser schreibt: «Wir haben einander vor 25 Jahren ‹Tschernobilly› gesagt. War moralisch auf der gleich tiefen Ebene.»

«Wir versuchten es vor den Lehrern zu vermeiden»

Trotzdem gibt es Unterschiede zu früher: «Haben wir auch gemacht, einfach auf dem Pausenplatz und unter uns, sicher nicht lauthals im Klassenzimmer oder gegenüber Lehrpersonen», kommentiert Leser Karl Lager.

RuD schliesst sich an: «Kraftausdrücke auf dem Pausenhof gabs schon zur meiner Zeit. Also vor 20 Jahren. Und damals kannten wir so etwas wie Youtube oder Facebook nicht. Allerdings versuchte man dies vor den Lehrern zu vermeiden. Die jetzige Generation nicht.»

Und Leserin SonjaA sagt: «Kürzlich fluchte die Tochter meiner Kollegin, 8 Jahre alt, wie ein Pirat daher, und sie brauchte Wörter, die ich in ihrem Alter nicht verstanden hätte. Von einer auf der Strasse arbeitenden Frau bis zu einem behinderten Mitmenschen kam da so ziemlich alles vor.»

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