Konflikte während Corona - «Bei manchen Covid-Streitereien geht es darum, Macht zu zementieren»
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Konflikte während Corona«Bei manchen Covid-Streitereien geht es darum, Macht zu zementieren»

Die beste Freundin greift dich an, weil du dich nicht gegen Corona impfen lässt? Oder du sitzt im Bus und der Passagier neben dir trägt keine Maske? So vermeidest du Streit.

von
Anja Zingg
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Bruno Meili hilft als Mediator, Konflikte zu schlichten. 

Bruno Meili hilft als Mediator, Konflikte zu schlichten.

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Er gibt Tipps, wie man in Streitsituationen miteinander umgeht. (Symbolbild)

Er gibt Tipps, wie man in Streitsituationen miteinander umgeht. (Symbolbild)

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«Bei Covid-Situationen sind oft von Beginn an starke Emotionen dabei», so Meili. (Symbolbild)

«Bei Covid-Situationen sind oft von Beginn an starke Emotionen dabei», so Meili. (Symbolbild)

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Darum gehts

  • Die Covid-Impfung oder Massnahmen führen immer wieder zu Diskussionen im privaten Umfeld.

  • Corona könne eine Projektfläche für andere Konflikte sein, so Mediator Bruno Meili.

  • Er gibt Tipps, wie mit Streit umgegangen werden kann.

In der Schule, unter Freunden, am Arbeitsplatz: Regelmässig geraten wir in Diskussionen über Corona-Massnahmen oder das Impfen. Wie können wir uns verhalten, wenn wir nicht wollen, dass jedes Gespräch mit Andersdenkenden eskaliert? Mediator Bruno Meili gibt Tipps.

Ich bin ungeimpft. Meine beste (geimpfte) Freundin gibt mir die Schuld, dass die Fallzahlen steigen. Sie ist extrem wütend, es kommt zu hitzigen Diskussionen.
Das ist sehr typisch für die Covid-Situation. Es sind von Beginn an sehr starke Emotionen mit dabei. Beide Parteien fühlen sich bedroht. Die Freundin fürchtet um ihr Leben, ich um meine persönliche Freiheit. Ausserdem ist die Angst da, dass die andere Person einen nicht versteht oder gar ablehnt. Dieser Angst kann man entgegenwirken, indem man zuhört. Und zwar aufmerksam und empathisch. Man lässt sein Gegenüber ausreden und fasst am Schluss zusammen, was die Freundin gesagt hat. Das hat eine sehr starke Wirkung. Die Freundin weiss, dass sie gehört und verstanden wurde. Und was auch ganz wichtig ist: die Mimik und Gestik. Wie man etwas sagt, ist fast wichtiger, als was man sagt. Typische Abwehrhaltungen wie Stirnrunzeln, Augenbrauen hochziehen oder den Körper abdrehen gilt es zu vermeiden. All das sieht man übrigens auch, wenn jemand eine Maske trägt.

Ich sitze im Tram und der Passagier neben mir trägt keine Maske und hustet. Ich bitte die Person, die Maske zu tragen. Sie schnauzt mich an.
Es ist wichtig, dass ich bei der höflichen Bitte bleibe, die Maske aufzusetzen. Aber ich lasse vorher erkennen, dass auch ich die Maske lästig finde. So bekunde ich das gleiche Interesse und zeige Verständnis für seinen Widerstand. Man deeskaliert die Situation.

In unserem Mehrfamilienhaus wohnt ein Nachbar, der nie eine Maske trägt und sich auf keinen Fall impfen lassen will. Ich habe Angst, dass er mich anstecken könnte. Wie gehe ich mit ihm um?
Eine Möglichkeit ist die Nullvariante, das heisst, das Thema Corona wird komplett ausgeklammert, um Streit zu vermeiden. Das geht aber nicht immer, vor allem dann nicht, wenn man das Ansteckungsrisiko reduzieren will. Falls das Gespräch gesucht wird, sollte man sich vorab zwei Punkte gut überlegen. Erstens: Bin ich bereit, eine andere Meinung zu akzeptieren? Das heisst nicht, sie zu teilen, aber sie zu respektieren. Kann ich akzeptieren, dass nicht meine Meinung die einzig richtige ist und alle anderen falsch sind, sondern dass es unterschiedliche Meinungen gibt? Zweitens: Habe ich ein echtes Interesse daran, eine gute Beziehung zu dieser Person zu führen? Und was bin ich bereit in Kauf zu nehmen, damit die Beziehung funktioniert? Sind diese zwei Punkte erfüllt, kann man das Gespräch beginnen. Ich empfehle, dass man sich vorab überlegt, welche gemeinsamen Interessen es zwischen mir und meinem Nachbarn gibt und damit das Gespräch beginnt. Zum Beispiel: «Wann spielen wir wieder einmal Schach?» Und von da an kann man sich dann vorwärts tasten. Oftmals geht es bei einem Coronakonflikt auch darum, das Machtgefälle zu zementieren: Wer schreibt wem vor, an welche Regeln er sich halten muss. Oder Covid wird benutzt, um bestehende Konflikte abzuhandeln.

Was ist Mediation?

Drittperson unterstützt

Mediation ist ein freiwilliges Verfahren, bei dem eine speziell ausgebildete Drittperson die Parteien darin unterstützt, eine Lösung bei einem Konflikt zu finden. Mediationen können privat in Anspruch genommen werden. In gewissen Kantonen, zum Beispiel in Zürich, besteht ausserdem die Möglichkeit, statt eines Schlichtungsverfahrens eine Mediation durchzuführen.

Ich habe mich als Einzige in meiner Familie nicht geimpft. Alle Familienmitglieder sind Impfbefürworter. Soll ich verheimlichen, dass ich nicht geimpft bin? Vorneweg: Heimlichtuerei und Mediation passen nicht zusammen. Und in diesem Fall ist das sicher auch nicht nachhaltig. Der Konflikt wäre lediglich aufgeschoben. Zuerst halte ich fest, welches Bedürfnis ich mit meiner Familie teile, also das Schutzbedürfnis vor Corona. Ausserdem ist uns allen die Familie wichtig. Dann halte ich fest, dass ich einen anderen Corona-Weg gehen möchte und bitte die Familie, dafür Verständnis zu haben. Auch in diesem Fall gilt: So weit als möglich sachlich bleiben und Emotionen auf die positiven und verbindenden Aspekte reduzieren.

Meine Freunde geben mir das Gefühl, dass ich nicht mehr willkommen bin, weil ich nicht geimpft bin. Was soll ich tun, damit ich nicht ausgestossen werde? Nehmen wir an, diese Freunde würden es ebenso bedauern wie ich selber, wenn Covid unsere Beziehung zerstören würde. Unsere gemeinsamen Interessen sind dann einerseits die Beziehung aufrechtzuerhalten und zweitens, eine Ansteckung zu vermeiden. Ich kann mich daher fragen, was kann ich dieser Person anbieten, das dem gemeinsamen Interesse entgegenkommt? Eine Impfung kommt für mich nicht in Frage, aber ich kann den Freunden aufzeigen, dass ich genügend Abstand halte zu ihnen und in meinem Alltag immer eine Maske trage und häufig meine Hände desinfiziere und wasche. In solchen Fällen lohnt es sich, sich auf das Gespräch vorzubereiten, indem ich mir überlege, was ich anbieten kann anstelle der Massnahmen, die von mir gewünscht werden. Und ich darf auch daran erinnern und sachlich darüber diskutieren, ob unsere Meinungsverschiedenheit die Beziehung gefährden soll und kann.

Auch auf Twitter bewegen Streitigkeiten wegen Covid.

Ich finde, jeder darf selbst entscheiden, ob er oder sie sich impfen lassen möchte. Es geht aber niemanden etwas an. Wie gehe ich damit um, wenn mich jemand nach meinem Impfstatus fragt?
Das ist eine schwierige Frage. Wer die Kompetenz für sich in Anspruch nimmt, selber zu entscheiden, muss auch die Verantwortung tragen können, die mit dem Entscheid verbunden ist. In diesem Fall: Andere nicht zu gefährden. Wie kann ich also sicherstellen, dass ich auch ohne Impfung keine Gefahr darstelle für Mitmenschen? Wenn ich in der Lage bin, überzeugend darzulegen, dass ich meine Verantwortung wahrnehme, kann ich auch ehrlich und offen sagen, wie es mit meiner Impfung steht. Der Grundsatz der Mediation ist, dass alle, die reden, offen und ehrlich sagen sollen, was sie denken und wie sie handeln. Wer an einer Beziehung interessiert ist, muss in der Lage sein, kontroverse Themen zu besprechen und Divergenzen auszuhalten.

Mein Partner und ich streiten immer, wenn es um das Thema Covid geht. Hilft eine Mediation? Auch eine gute Beziehung wird durch die Pandemie belastet, aber sie hält das aus. Eine Mediation empfehle ich, wenn es komplexer wird. Wenn alte Konflikte verknüpft sind mit der Covid-Frage und vorhergehende Diskussionen immer wieder aktiviert werden. Bei mir in der Beratung war zum Beispiel ein Paar, welches eine gute, solide und längere Paarbeziehung führte. Doch sie drohte daran zu scheitern, dass die eine Person sich ohne zu zögern impfen liess, während dies für die andere nicht in Frage kam. Irgendwie fanden sie aber doch, es wäre schade, sich deswegen zu trennen. Wir haben die Beziehung und all die Erlebnisse und Gefühle, die damit verbunden waren, angeschaut, das Für und Wider gewogen und alte Konflikte bereinigt. Die Ambivalenz „Trennen oder Bleiben?“ konnte so geklärt werden, die Beziehung war stärker als das Virus.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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