Aktualisiert 26.10.2016 15:15

Individuelle Rabatte«Bei Migros gibt es keine personalisierten Preise»

Bei der Migros laufen derzeit Versuche mit individuellen Rabatten. Migros-Chef Herbert Bolliger über das Projekt und die Angst vor dynamischen Preisen.

von
S. Spaeth
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Die Migros testet derzeit ein System mit individuellen Rabatten. Migros-Chef Herbert Bolliger betont im Interview mit 20 Minuten: «Personalisierte Preise gibt es in der Migros nicht und wird es auch in Zukunft nicht geben.»

Die Migros testet derzeit ein System mit individuellen Rabatten. Migros-Chef Herbert Bolliger betont im Interview mit 20 Minuten: «Personalisierte Preise gibt es in der Migros nicht und wird es auch in Zukunft nicht geben.»

Keystone/Walter Bieri
Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), kritisiert am Rabattsystem die «fehlende Transparenz». Die Konsumentenschüzterin spricht von Geheimnistuerei der Migros.

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), kritisiert am Rabattsystem die «fehlende Transparenz». Die Konsumentenschüzterin spricht von Geheimnistuerei der Migros.

Keystone/Peter Schneider
«Die Kunden reagieren sehr positiv, da sie Angebote für Produkte erhalten, die sie gerne kaufen», sagt Migros-Chef Herbert Bolliger.

«Die Kunden reagieren sehr positiv, da sie Angebote für Produkte erhalten, die sie gerne kaufen», sagt Migros-Chef Herbert Bolliger.

Keystone/Walter Bieri

Herr Bolliger, bei der Migros läuft ein Pilotprojekt mit personalisierten Rabatten. Viele Kunden finden das unfair. Können Sie das nachvollziehen?

Wir machen andere Erfahrungen. Die Kunden reagieren sehr positiv, da sie Angebote für Produkte erhalten, die sie gerne kaufen. Schliesslich profitieren alle Cumulus-Kunden von Angeboten, einfach nicht unbedingt von denselben, sondern von solchen, die sie auch wirklich nutzen können. Ich habe letzten Samstag nach dem Einkauf einen Bon für meine Lieblingsjoghurts bekommen. Das hat mich sehr gefreut und ich werde ihn gerne nächsten Samstag einlösen.

Statt von personalisierten Preisen spricht die Migros von personalisierten Angeboten. Am Ende ist es aber einfach eine Ungleichbehandlung ...

Alle Kunden werden gleich gut behandelt: Wir geben wenn immer möglich allen eine vergleichbare Anzahl Angebote. Aber eben jedem Kunden zu den Produkten, die er auch gerne bei uns kauft. Personalisierte Preise gibt es in der Migros nicht und wird es auch in Zukunft nicht geben. Unser Hund Stella frisst Hundefutter. Deshalb wäre ein Angebot für Katzenfutter für mich nur eine Enttäuschung. Die Unterscheidung hat jedoch ganz und gar nichts damit zu tun, ob ich reich oder arm, Frau oder Mann, katholisch oder reformiert bin. Es geht einzig darum, mich als Kunden mit einem passenden Angebot zu belohnen.

Bekommen alle Kunden Rabatte im selben Umfang?

Ja, alle Kunden bekommen Angebote im gleichen Umfang – einfach nicht für die gleichen Warengruppen. Anstatt dass ein Kunde bei uns 20 Coupons bekommt, von denen er 15 uninteressant findet, möchten wir ihm 20 geben, die zu seinen Konsumgewohnheiten passen. Das ist doch für unsere Kunden eine gute Sache und wir freuen uns, wenn sie uns treu bleiben.

Wird das Personalisieren der Rabatte dazu führen, dass es künftig weniger Aktionen geben wird?

Vorerst ist nicht geplant, dass Aktionen reduziert werden.

Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) wirft Ihnen in einem offenen Brief Geheimnistuerei vor. Die Kunden wüssten nicht, aufgrund welcher Daten die Gutscheine versendet würden. Sie fordert Transparenz …

Frau Stalder vom Konsumentenschutz liest offenbar unser Migros-Magazin zu wenig aufmerksam. Dort haben wir über das Thema personalisiertes Marketing in der Migros berichtet. Zudem hat jedes Cumulus-Mitglied eingewilligt, dass seine Daten für personalisierte Marketing-Aktivitäten genutzt werden können. Auch kann jedes Cumulus-Mitglied jederzeit in Erfahrung bringen, welche Daten die Migros von ihm erfasst. Und für unseren hohen Datenschutz-Standard werden wir regelmässig zertifiziert.

Im Zuge von Dynamic Pricing befürchten Kritiker, Händler würden bei wenig preissensiblen Kunden die Preise erhöhen. Hat die Migros solche Pläne?

Nein, auf gar keinen Fall! Bei uns kommen alle Kunden in den Genuss vom besten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Die Migros investiert viel Geld in die Auswertung der Kundendaten. Dennoch behaupten Sie, die Kaufkraft der Kunden nicht zu kennen. Das tönt unglaubwürdig. Es ist doch bekannt, ob ein Kunde M-Budget- oder Migros-Sélection-Produkte kauft …

Das sagt noch lange nichts über die Kaufkraft eines Kunden aus. Ich selbst gehöre zu den kaufkräftigen Kunden, kaufe aber regelmässig M-Budget-Trockenfleisch und -Hüttenkäse. Wir wissen also nur, welche Produkte unsere Kunden bei uns einkaufen und machen ihnen entsprechende Angebote.

Kritik einstecken musste die Migros kürzlich auch beim Farmer-Streit. Sie verklagte ihren Rivalen Coop, weil er einen Getreideriegel produzierte, der dem Farmer sehr nahe kommt. Dabei ist doch grad die Migros mit Kopien gross geworden …

Beim Farmer-Riegel wurde die gesetzliche Grenze überschritten. Es geht nicht um Sieger oder Verlierer, sondern um fairen Wettbewerb und darum, dass sich alle innerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegen.

Ein Professor und eine Konsumentenschützerin äussern sich zu personalisierte Rabatte.

Dynamisches Pricing

Individuelle Preise im Supermarkt? Eine Konsumentenschützerin und ein Konsumepsychologe sind skeptisch.

Konsumentenschutz protestiert bei Migros-Chef

Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) stört sich an den individuellen Vergünstigungen für Cumulus-Kunden, die die Migros derzeit testet. Der Detailhändler würde nirgends deklarieren, dass für diese Aktionen Einkaufsdaten verwendet würden. Der Vorwurf «Intransparenz» und «Geheimnistuerei». Die SKS fordert darum in einem offenen Brief an Migros-Chef Herbert Bolliger, dass der Detailhändler sämtliche Gutscheine, Aktionen und Vergünstigungen, die unter Verwendung von persönlichen Einkaufsdaten erstellt werden, als solche deklariert. «Wir gehen davon aus, dass die Migros merkt, dass ihre Kundschaft solche Manipulationsversuche – die lediglich ihrer Umsatzsteigerung dienen – nicht goutiert», sagt SKS-Geschäftsleiterin Sara Stalder zu 20 Minuten. (sas)

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