Atomare Drohung: «Bei Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands steigt die Eskalationsgefahr»
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Atomare Drohung«Bei Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands steigt die Eskalationsgefahr»

Schweden und Finnland planen einen Beitritt zur Nato. Russland droht mit nuklearen Konsequenzen. Wie ernst der Westen diese Drohungen nehmen muss, sagt Remo Reginold, Direktor des Swiss Institute for Global Affairs.

von
Seline Bietenhard
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Aufgeschreckt vom russischen Säbelrasseln planen Finnland und Schweden einen Beitritt zum Verteidigungsbündnis Nato.

Aufgeschreckt vom russischen Säbelrasseln planen Finnland und Schweden einen Beitritt zum Verteidigungsbündnis Nato.

via REUTERS
Russland drohte im Falle eines Beitritts der Länder mit Konsequenzen, allenfalls auch nuklearer Natur.

Russland drohte im Falle eines Beitritts der Länder mit Konsequenzen, allenfalls auch nuklearer Natur.

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Doch würde Russland die Drohung gegenüber Schweden und Finnland auch in die Tat umsetzen?

Doch würde Russland die Drohung gegenüber Schweden und Finnland auch in die Tat umsetzen?

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Darum gehts

  • Finnland und Schweden wollen der Nato beitreten.

  • Russland drohte im Falle eines Beitritts mit nuklearen Konsequenzen.

  • Ein Experte erklärt, was dies für Auswirkungen hätte, als auch auf die gesamte Welt.

Aufgeschreckt vom russischen Säbelrasseln planen Finnland und Schweden einen Beitritt zum Verteidigungsbündnis Nato. Finnlands Premierministerin Sanna Marin kündigte an, bereits in den nächsten Wochen eine Entscheidung zu treffen. Russland drohte im Falle eines Beitritts der Länder mit Konsequenzen, allenfalls auch nuklearer Natur.

Doch würde Russland die Drohung gegenüber Schweden und Finnland auch in die Tat umsetzen? Remo Reginold, Direktor des Swiss Institute for Global Affairs (SIGA), erklärt im Interview mit 20 Minuten, wie hoch das Risiko dafür ist und welche Auswirkungen ein Nato-Beitritt der skandinavischen Länder hätte.

Wie würde Russland auf einen Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands reagieren?

Die beiden Nato-Beitritte könnten tatsächlich als grössere geopolitische Eskalationsspirale gelesen werden. Es würde das Narrativ stärken, dass Russland das Recht hat, sich bedroht zu fühlen und auch zu reagieren. Russland wird in einem solchen Fall die Drohung, Truppen zu versetzen, Atomwaffen in die Region zu verlegen und die Arktis weiter zu militarisieren, in die Tat umsetzen.

Baut Russland nicht eine Drohkulisse auf, um die beiden Ländern einzuschüchtern und vom Beitritt abzuhalten?

Ein solcher Informationskrieg tobt bereits. Einschüchterung ist dabei nur ein Element, das andere ist die Narrativität. Russland kann damit die Geschichte und die Propaganda dieses «grossen Krieges», also, das Missfallen gegenüber westlicher Ideologien, deren Politik und Kulturen, weiter nähren.

Die CIA warnt vor einem Einsatz taktischer Atombomben. Wie ernst muss diese Drohung einer nuklearen Eskalation genommen werden?

Ein Atomschlag in der Ukraine mit kleineren Sprengköpfen ist ein Szenario, welches zu Recht befürchtet wird. Besonders, wenn weitere massive Verluste russischer Streitkräfte eintreten, könnte dies wahrscheinlicher werden. Russland kann aber aktuell eine Art von Propaganda betreiben, die offenbar in weiten Teilen des Globus ausserhalb des Westens verfängt, etwa in Afrika, Südamerika und Asien. Dort kann Putin die politischen Systeme des Westens abwerten und ihm zuschieben, dass er am Krieg in der Ukraine Mitschuld trägt.

Westliche Werte, wie wir sie bei uns kennen, haben in anderen Kulturkreisen nicht dieselbe hohe Bedeutung, wie in Europa. Ein atomarer Schlag könnte diese narrative Macht, die Russland aufgebaut hat, gefährden und die Wirkung der Propaganda würde verfliegen. Dies würde eher gegen die nukleare Option sprechen. Zudem ist der mögliche atomare Anschlag auch Teil einer amerikanisch getriebenen «Kriegsrhetorik», um den Westen stärker an sich zu binden.

«Ein Nato-Beitritt ist ein zweischneidiges Schwert.»

Remo Reginold

Was würde ein Nato-Beitritt für Schweden und Finnland bedeuten?

Wenn eines der beiden Länder angegriffen werden würde, läuft die gesamte Maschinerie des kollektiven Verteidigungsbündnisses an und es müsste eingegriffen werden. Dies würde Russland gegenüber abschreckend wirken. Ein Nebeneffekt davon ist jedoch, dass sie sich von den USA abhängig machen. Es würde eine Aufrüstungsspirale eintreten. Es würde mich nicht wundern, wenn Schweden und Finnland auch den F-35 kaufen würden. Ein Nato-Beitritt ist ein zweischneidiges Schwert.

Was würde er für den Krieg in der Ukraine bedeuten?

Die Gefahr weiterer Eskalationen steigt damit. Mit einem Nato-Beitritt Finnlands würde ein weiteres Grenzland zu Russland in das Verbündnis aufgenommen. Dementsprechend käme die Nato-Grenze näher an Russland, was für Putin nicht optimal ist. Für die Ukraine und den Krieg in der Ukraine hätte das aber wohl keine direkten Konsequenzen.

«Die beiden Nato-Beitritte könnten als grössere geopolitische Eskalationsspirale gelesen werden.»

Remo Reginold

Warum wollen die beiden Länder ihre langjährige militärische Bündnisfreiheit aufgeben?

Diese Beitrittsabsichten sind im Rahmen der geopolitischen Kommunikationsstrategie zu lesen, dass der Westen noch geeinter und stärker auftreten und sich aufstellen möchte. Der Westen wurde auf dem falschen Fuss erwischt und muss jetzt alle Register ziehen, um auch gegenüber der Welt und Russland stark aufzutreten. Allerdings wirken die meisten Massnahmen, wie diese jetzt auch, etwas überhastet und wenig strategisch. Es scheinen eher kurzfristige emotionale Entscheidungen zu sein.

Als sich Finnland unermüdlich gegen die Sowjetunion wehrte

Finnland erlangte 1917 seine Unabhängigkeit von Russland. 1939 verlangte Moskau von Helsinki die Abtretung einiger Gebiete und Inseln. Doch Helsinki weigerte sich, woraufhin die Sowjetunion Ende November 1939 eine Invasion startete. Die Finnen stellten sich trotz klarer Unterlegenheit zweimal unermüdlich gegen die russischen Truppen, sowohl im «Winterkrieg» 1939/40, als auch im «Fortsetzungskrieg» 1941-1944. Zwar verloren sie Gebiete in den Kriegen, konnten sich aber das Überleben als unabhängiger Staat sichern.

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