13.12.2019 16:46

Gefahr durch Chlorothalonil «Bei Ratten wurde Nierenkrebs gefunden»

Der Bund zieht die Notbremse: Das Pestizid Chlorothalonil wird verboten. Wie gefährlich ist das Pflanzenschutzmittel?

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Das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil  darf  in der Schweiz  per sofort nicht mehr verkauft und ab nächstem Jahr nicht mehr verwendet werden.

Das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil darf in der Schweiz per sofort nicht mehr verkauft und ab nächstem Jahr nicht mehr verwendet werden.

Keystone/Christian Beutler
«Diese Einstufung basiert auf Befunden von Studien an Ratten, in denen Chlorothalonil zu Nierenkrebs führte, Daten im Menschen gibt es dazu nicht», sagt Lothar Aicher vom Schweizerischen Zentrum für angewandte Humantoxikologie.

«Diese Einstufung basiert auf Befunden von Studien an Ratten, in denen Chlorothalonil zu Nierenkrebs führte, Daten im Menschen gibt es dazu nicht», sagt Lothar Aicher vom Schweizerischen Zentrum für angewandte Humantoxikologie.

Patrick Pleul
Aicher: Chlorothalonil selbst sei aber nicht im Trinkwasser vorzufinden, sondern nur die Abbauprodukte des Fungizids, heisst es beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV).

Aicher: Chlorothalonil selbst sei aber nicht im Trinkwasser vorzufinden, sondern nur die Abbauprodukte des Fungizids, heisst es beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV).

Keystone/Christian Beutler

Warum wird das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil vom Markt genommen?

Die Schweiz stuft Chlorothalonil neu als «wahrscheinlich krebserregend» für den Menschen ein. Es darf deshalb per sofort nicht mehr verkauft und ab nächstem Jahr nicht mehr verwendet werden. «Diese Einstufung basiert auf Befunden von Studien an Ratten, in denen Chlorothalonil zu Nierenkrebs führte, Daten im Menschen gibt es dazu nicht», sagt Lothar Aicher vom Schweizerischen Zentrum für angewandte Humantoxikologie.

Chlorothalonil selbst sei aber nicht im Trinkwasser vorzufinden, sondern nur die Abbauprodukte des Fungizids, heisst es beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Aicher sagt, dass bei diesen Abbauprodukten schon als Vorsichtsmassnahme eine gesundheitsschädigende Wirkung nicht ausgeschlossen werden kann, solange man keine Beweise für deren Unschädlichkeit hat. Daneben ist laut Alexandra Kroll vom Ökotoxzentrum auch das Risiko für Fische hoch.

Seit diesem Sommer ist bekannt, dass lokale Grenzwerte für die Abbauprodukte des Fungizids im Grund- und Trinkwasser überschritten sind. Werde ich jetzt krank, wenn ich Wasser trinke?

Der gesetzlich festgelegte Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter, das entspricht 0,0000001 Gramm pro Liter oder ein zehn Millionstel Gramm pro Liter, ist laut Experte Aicher sehr tief und zeigt den Wunsch, dass unser Trinkwasser rein und sauber sein soll. Dieser Grenzwert sei aber nicht aus toxikologischen Studien ermittelt worden: «Eine Überschreitung dieses Grenzwertes zeigt uns nur an, dass das Wasser nach Schweizer Qualitätsstandards als verunreinigt gilt.» Ob ein Gesundheitsrisiko vorliege, könne damit nicht bestimmt werden.

Was passiert, wenn Grenzwerte überschritten werden?

«Wenn die Grenzwerte nicht eingehalten werden, dann müssen die Wasserversorger innert Monatsfrist Sofortmassnahmen durchführen», sagt Paul Sicher, Sprecher des Wasserverbandes SVGW. Dazu gehöre, die Wasserquelle wenn möglich abzustellen oder Wasser aus Nachbargemeinden zuzukaufen.

Ein anderer Weg sei, das verschmutzte Wasser mit reinem Wasser zu verdünnen. «Schlussendlich muss der Höchstwert einfach eingehalten werden, wenn das Wasser aus dem Hahnen kommt», erklärt Sicher. Der Stoff werde aber noch viel länger im Grundwasser nachzuweisen sein, da dieses ein sehr träges System sei. «Wie sich die Abbauprodukte von Chlorothalonil verhalten, ist noch nicht bekannt.»

Gibt es andere Pestizide, die verboten werden müssten?

Bei den älteren Pflanzenschutzmitteln kann es gemäss Aicher aufgrund neuer Risikobeurteilungen zu weiteren Verboten kommen. In der Kritik stehen zurzeit die Pyrethroide. Diese Insektizide stehen im Verdacht, eine stark schädigende Wirkungen auf aquatische Lebewesen und Insekten zu haben. Sicher sagt: «Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass wir verstärkt und wirksam das Grundwasser vor Fremdstoffen schützen müssen, zum Beispiel durch eine verschärfte Zulassung oder spezifische Anwendungsverbote von Pestiziden – auch in Privatgärten.»

Was sagen die Bauern zum Verbot?

«Wir begrüssen den Entscheid, da er Klarheit schafft», sagt Bauernverbandssprecherin Sandra Helfenstein. Die Bauern stünden zu Unrecht in der Kritik. «Auch wir wollen sauberes Trinkwasser. Aber wir sind nur die Anwender und keine Toxikologen. Wir müssen uns darauf verlassen, dass die zuständigen Behörden ihre Arbeit machen.» Laut Helfenstein kommt Chlorothalonil seit 50 Jahren zum Einsatz. «Alternative Mittel sind vorhanden.»

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