Ernährungssicherheit: Bei Selbstversorgung gibt es nur noch das zu essen
Aktualisiert

ErnährungssicherheitBei Selbstversorgung gibt es nur noch das zu essen

Würde die Schweiz die Grenzen dichtmachen, gäbe es fast nur noch Brot, Milch und Äpfel – streng rationiert. Schoggi und Alkohol wären Mangelware.

von
Nikolai Thelitz

Europa im Jahr 2020. Krisen haben den Kontinent destabilisiert. Die Schweiz hat die Grenzen für jeglichen Personen- und Warenverkehr gesperrt. Achteinhalb Millionen Menschen müssten mit den Mitteln ernährt werden, die uns im Inland zur Verfügung stehen. Was wie ein Horrorszenario tönt, ist momentan Thema in der Politik. Das Parlament debattiert am Mittwoch über die Initiative für Ernährungssicherheit, die den Selbstversorgungsgrad der Schweiz steigern will (siehe Box).

Doch was würden wir essen, wenn überhaupt keine Importe mehr zugelassen wären? Wenn sich die Schweiz vollständig selbst versorgen müsste?

Eine Auswertung zeigt: Auf Kaffee, Schoggi oder Alkohol müssten wir grösstenteils verzichten, denn Kakao und Kaffee stammen fast ausschliesslich aus dem Import, und nur 15 Prozent des Alkohols stammt aus inländischer Produktion. Zitrusfrüchte und Bananen würden vollständig aus dem Menüplan fallen. Ganz ohne Vitamine müsste die Schweiz trotzdem nicht leben: Der Bedarf an Äpfeln und Birnen ist durch die inländische Produktion grösstenteils gedeckt, bei Kirschen gibt es gar einen Überschuss – wenn auch nur in der Erntesaison.

Brot, Kartoffeln, Fleisch und Milchprodukte wären weiterhin vorhanden – wenn auch rationiert. Besonders Milchprodukte werden genug hergestellt. Dort gibt es einen Selbstversorgungsgrad von 115 Prozent. Der Fleischbedarf wird zu 84 Prozent durch inländische Produktion gedeckt, Kartoffeln stammen zu 74 Prozent aus der Schweiz, Getreide zu 59 Prozent.

Insgesamt 58 Prozent des Konsums sind momentan durch die inländische Produktion abgedeckt – ohne Futtermittel-Importe für Tiere wären es noch 50 Prozent. Damit steht die Schweiz im internationalen Vergleich schlecht da. Länder wie Australien (173 Prozent), Frankreich (111 Prozent) oder die USA (124 Prozent) haben laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) einen weitaus grösseren Selbstversorgungsgrad und könnten sich auch bei kompletter Abschottung selbst ernähren.

«Alle Hühner und Schweine sofort schlachten»

Doch auch bei hoher Selbstversorgung könnten wir nicht einfach wie bis anhin Fleisch essen, denn die Hochleistungsmast ist von Futterimporten abhängig, wie Agronom Eric Meili betont. Meili betreibt selbst Weidewirtschaft und hat einen radikalen Plan zur Umgestaltung der Schweizer Landwirtschaft.

Herr Meili, wie müsste die Schweizer Landwirtschaft verändert werden, wenn plötzlich die Grenzen zu sind?

Wir müssten alle Hühner und Schweine sofort schlachten, denn das Getreide, das für die Tierfütterung verwendet wird, müsste für die Ernährung der Menschen zur Verfügung stehen.

Müssten wir denn hungern?

Nein, aber alles wäre streng rationiert. Auf den nur ca. 400'000 Hektaren Ackerland in der Schweiz könnte die Bevölkerung vielleicht knapp mit Getreide und Kartoffeln versorgt werden. Wir müssten unsere Lebensmittel rationieren, so dass jedem Bürger nur noch 2000 Kalorien pro Tag zustünden, denen, die körperlich arbeiten, etwas mehr. Man müsste Märkli verteilen, die man gegen Nahrungsmittel eintauschen könnte.

Gäbe es kein Fleisch mehr?

Doch! Statt auf Hühner und Schweine sollte man aber auf Wiederkäuer wie Rinder oder auch Schafe und Ziegen setzen. Wiederkäuer können sehr gut auch ohne Kraftfutter auf dem Grünland ernährt werden.

Wie viel würde die Weidewirtschaft denn hergeben?

Die Schweiz hat 1,2 Millionen Hektar Grünland inklusive Alpweiden, darauf könnte man im Ernstfall so viel Rinder weiden lassen, dass jeder Schweizer etwa 0,5 Liter Milch und 40 bis 50 Gramm Rindfleisch pro Tag essen könnte.

Also wären wir sicher versorgt?

Nicht unbedingt. Für die Nahrungsmittelproduktion braucht es auch Diesel, der ebenfalls zur Neige gehen dürfte. Wie lange der Treibstoff in den Notlagern für die Produktion reichen würde, ist unklar.

Agronom und Bio-Bauer Eric Meili

Nationalrat sagt Ja

Der Nationalrat hat sich am Mittwoch für die Volksinitiative «Für Ernährungssicherheit» des Bauernverbandes ausgesprochen. Er empfiehlt sie mit 91 zu 83 Stimmen bei 19 Enthaltungen zur Annahme. Damit stellte er sich gegen die Anträge seiner Kommission und des Bundesrats.

Die Initiative will die inländische Nahrungsmittelproduktion stärken und fordert vom Bund unter anderem wirksame Massnahmen gegen den Verlust von Kulturland.

Markus Ritter, CVP-Nationalrat und Präsident des Bauernverbandes, will mit der Initiative für Ernährungssicherheit jedoch gar keine hundertprozentige Selbstversorgung. «Die Bevölkerung in der Schweiz wächst jedes Jahr stark. Es wäre bereits gut, wenn wir den heutigen Selbstversorgungsgrad halten können.»

Der Wirtschaftsverband Economiesuisse warnt vor dem «protektionistischen Ansinnen» der Initiative: Eine sichere Lebensmittelversorgung sei nicht mit einer hohen Inlandproduktion gleichzusetzen: «Die autarke Schweiz ist ein Mythos», schreibt sie.

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