Eritreische Männer: «Bei uns wechseln nur Frauen Windeln»

Publiziert

Eritreische Männer«Bei uns wechseln nur Frauen Windeln»

Ein Flüchtling bietet Gesprächsrunden für Väter aus Eritrea an. Seine Hilfe zum Abbau patriarchaler Rollenverständnisse soll nun expandieren.

von
jh
1 / 3
Yohannes Berhane (Mitte) an einer Gesprächsrunde mit eritreischen Vätern. Sie soll helfen, das patriarchale Rollenbild der ostafrikanischen Männer in der Schweiz abzubauen.

Yohannes Berhane (Mitte) an einer Gesprächsrunde mit eritreischen Vätern. Sie soll helfen, das patriarchale Rollenbild der ostafrikanischen Männer in der Schweiz abzubauen.

zvg
Die Teilnehmer der Runde im Berner Breitenrainquartier. Sie wollen sich mit ihren altmodischen Väterbildern konfrontieren und damit besser Eingang in die teils aufgeklärte schweizerische Gesellschaft finden.

Die Teilnehmer der Runde im Berner Breitenrainquartier. Sie wollen sich mit ihren altmodischen Väterbildern konfrontieren und damit besser Eingang in die teils aufgeklärte schweizerische Gesellschaft finden.

zvg
Hier die kleine Runde von eritreischen und somalischen Vätern vor ihrem Treffpunkt an der Flurstrasse 268 im Berner «Breitsch».

Hier die kleine Runde von eritreischen und somalischen Vätern vor ihrem Treffpunkt an der Flurstrasse 268 im Berner «Breitsch».

zvg

«Bist du etwa eine Frau?», hätten ihn seine eritreischen Freunde jeweils gefragt, wenn sie ihn bei Hausarbeiten gesehen hätten, erzählt Samuel Weldhegebriel. Der Flüchtling aus Eritrea ist einer der Teilnehmer der ostafrikanischen Gesprächsrunden, die regelmässig im Berner Breitenrainquartier stattfinden. Eritreische und somalische Väter sollen hier ihre Erfahrungen austauschen und lernen, ihre eigenen Rollenbilder zu hinterfragen.

Neben Bern finden Gesprächsrunden bereits auch in Basel statt. Angebote in Luzern und Aarau sowie für die nigerianische Gemeinschaft in der Schweiz sollen folgen, wie die «Berner Zeitung» schreibt. Yohannes Berhane, der die Männerrunden seit 2014 als Präsident des Vereins «Vater sein in der Schweiz» organisiert, erklärt, dass es vor allem um die Männer- und Frauenbilder der Einwanderer aus Somalia und Eritrea gehe. Oftmals wichen diese stark von den hiesigen ab – und so müssten die Flüchtlinge nach der Ankunft in der Schweiz erst einmal lernen, die Gleichberechtigung der Geschlechter zu akzeptieren. Viele Eritreer seien jedoch skeptisch gegenüber staatlichen Integrationsmassnahmen, und so schätzten es die Männer, dass das Angebot freiwillig sei.

«Nun bin ich offen für Hausarbeit»

«Windeln wechseln, Geschirr waschen, das Haus putzen – in Eritrea machen das ausschliesslich die Frauen», erzählt Vater Weldhegebriel weiter. Viele eritreische Männer führten ihr Leben gern weiterhin entlang ihrer strikten Rollenbilder, gerieten so aber in Konflikt mit den Schweizer Grundwerten. Nach der Scham, die er anfänglich noch verspürt habe, wenn ihn seine männlichen Gäste empört auf seine Hausarbeit angesprochen hätten, sei er dank der Diskussion mit Yohannes Berhane und anderen eritreischen Vätern nun «offen für die Arbeit im Haus» und helfe gern, wo er könne.

Genau darauf zielt Vereinspräsident Berhane mit seinem Angebot ab. Auch ausser Haus müssten sich die Väter umgewöhnen, und etwa regelmässig Ausflüge mit dem Nachwuchs machen. «So können sie eine emotionale Beziehung zu den Kindern aufbauen – und die Mutter hat wenigstens ihre Ruhe zu Hause.» Den Kindern ein gutes Vorbild zu sein, das sei für deren Integration überaus wichtig: «Sie sollen sehen, dass sich hier nicht nur die Frauen, sondern auch die Väter in die Kindererziehung einbringen.»

Integration ist nicht freiwillig

Nicole Wagner, die in Basel als Leiterin der Sozialhilfe für die Umsetzung der Integrationsmassnahmen verantwortlich ist, begrüsst es grundsätzlich, wenn Flüchtlinge Eigeninitiative zeigen. Sie betont: «An erster Stelle steht bei uns aber die Integration per Anordnung. Die Auseinandersetzung mit unseren Gepflogenheiten ist nicht freiwillig, sondern soll auch eingefordert werden.» Die Praxis in Basel zeige, dass dies am besten mit der Einbindung der Flüchtlinge in Tagesstrukturen geschehe. So würden sie durch ein «Fordern und Fördern» bei der Arbeit oder Ausbildung ganz direkt mit unseren Geschlechterverhältnissen konfrontiert – «etwa durch die alltägliche Auseinandersetzung mit einer weiblichen Vorgesetzten».

Neben den Gesprächsrunden bietet Berhane in Bern neu auch Einzelberatungen für private familiäre Probleme an. Wenn erforderlich, könne er so an Fachpersonen weitervermitteln. Damit aber noch mehr eritreischen Vätern Hilfe bei der Auseinandersetzung mit ihren Rollenbildern ermöglicht werde, sei er auf Partner angewiesen: «Wir brauchen die Unterstützung von anderen Organisationen und Stiftungen, die uns beim Ausbau unseres Angebots helfen.»

Kurse über Sexualmoral

Der Bundesrat erwägt,

dem Beispiel Dänemarks und

Norwegens zu folgen und für

Asylsuchende Kurse über die

Sexualmoral in westlichen

Ländern anzubieten. Sollten

die Erfahrungen in Dänemark

und Norwegen positiv sein,

wird das Staatssekretariat für

Migration (SEM) laut Bundesrat

prüfen, ob solche Kurse in

den Bundeszentren durchgeführt

werden können. Heute

erhalten Asylsuchende bei

ihrer Ankunft im Empfangs- und

Verfahrenszentrum ein

Informationsblatt. Auch führt

das SEM mit den Betreuungsunternehmen

Informationsveranstaltungen

durch. (sep/sda)

Deine Meinung