Polizeibilanz: «Bei verletzten Kindern ist die Belastung enorm»
Publiziert

Polizeibilanz«Bei verletzten Kindern ist die Belastung enorm»

Der Kanton St. Gallen verzeichnet 2016 doppelt soviele Tötungsdelikte wie im Vorjahr. Nicht immer kommen die Polizisten mit dem Erlebten klar.

von
nab
Tatort Salez SG: Blick in das verkohlte und beschädigte Abteil, in dem Simon S. Zugpassagiere mit einer brennbaren Flüssigkeit angegriffen hat.

Tatort Salez SG: Blick in das verkohlte und beschädigte Abteil, in dem Simon S. Zugpassagiere mit einer brennbaren Flüssigkeit angegriffen hat.

Reporter 20 Minuten

Die St. Galler Polizei hat ein gewalttätiges Jahr hinter sich: 2016 kam es auf Kantonsgebiet zu 14 Tötungsdelikten (siehe Box) – doppelt so viele wie im Jahr davor. Für die aufgebotenen Polizisten jedesmal eine enorme Belastung. «Besonders zugesetzt hat den Polizisten die Zugattacke von Salez», wie Hanspeter Krüsi, Sprecher der Kapo St. Gallen, sagt .

Damals, am 13. August, stieg Simon S.* mit Brandbeschleuniger und Messern bewaffnet in den Zug. Auf der Fahrt von Buchs nach Sennwald übergoss er eine Frau mit brennbarer Flüssigkeit und zündete sie an. Weitere Zugpassagiere gerieten in Brand. Verletzt wurde auch ein sechsjähriges Kind. Mit einem Messer stach der Täter zudem auf eine Zugspassagierin ein und verletzte sich anschliessend selbst so schwer, dass er verstarb.

«Vor allem wenn Kinder verletzt oder getötet wurden, ist die emotionale Belastung enorm», so Krüsi. Nach dem Vorfall von Salez seien alle eingesetzten Polizisten zu einer Veranstaltung eingeladen worden. «Dort konnte jeder erzählen, was ihn belastet und wie er damit umgeht.» Beschrieben hätten die Polizisten ihren Zustand mit Sätzen wie: «Der Körper war zwar bereits am nächsten Einsatzort, der Kopf aber immer noch bei den Opfern in Salez.»

Polizisten proben den Ernstfall

Jeder Mensch verarbeite solche Ereignisse anders, so Krüsi weiter. Manche würden das Gespräch suchen, andere machten das mit sich selbst aus. Der Mediensprecher habe nach rund 30 Jahren bei der Polizei aber feststellen können, dass das Gespräch mit einem Spezialisten kein Tabuthema mehr sei. «Früher wollte man als Polizist nicht schwach wirken», so Krüsi. Heute sei es normal, dass man sich Hilfe holt. Grundsätzlich hätten die Polizisten jederzeit die Möglichkeit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wenn die emotionale Belastung dennoch zu hoch ist, gebe es zudem die Möglichkeit, betroffene Polizisten vom Aussendienst in den Innendienst zu versetzen. In seltenen Fällen könne man auch nach einer Lösung innerhalb der kantonalen Verwaltung suchen und einen Beamten ganz aus dem Polizeidienst nehmen.

Grundsätzlich würden die Polizisten auf solche Ereignisse vorbereitet, so Krüsi. Das fange bereits im Auswahlverfahren für die Polizeischule an und werde dann trainiert. «Schritt für Schritt führen wir die Schüler ans Thema heran», so der Mediensprecher. Anfangs würden sie nur darüber sprechen, dann kämen Bilder dazu, bis die Schüler schliesslich eine richtige Leiche zu Gesicht bekämen. Trotzdem weiss Krüsi: «Wie sie im Ernstfall darauf reagieren, können sie nicht proben.»

*Namen der Redaktion bekannt

Ausgewählte Fälle der Kantonspolizei St. Gallen

16.04.2016 Versuchte Tötung in St. Gallen, Burgstrasse: Der Beschuldigte schoss mit einer Schussswaffe vom Kinderspielplatz her zweimal auf den Geschädigten.

02.05.2016 Tötungsdelikt in Lichtensteig: Der Geschädigte wurde von seinen beiden Töchtern als vermisst gemeldet. Nach Durchsuchung des Hauses und der Wohnung konnte der Vermisste tot unter dem Bett gefunden werden. Der Beschuldigte wurde im Januar 2017 von Thailand nach St. Gallen ausgeliefert.

12.05.2016 Tötungsdelkt in St. Gallen, Webergasse: Der Beschuldigte trat auf der Webergasse an das Opfer heran und schoss ihm mitunbekannter Handfeuerwaffe aus nächster Distanz in den Kopf.

25.05.2016 Versuchte Tötung in St. Gallen, St. Jakob-Strasse: Der Beschuldigte begab sich zur Liegenschaft St. Jakob-Strasse 93, um Drogengeschäften nachzugehen. Nach einer körperlichen Auseinandersetzung eskalierte der Streit, und es kam zu einer mehrfachen Schussabgabe.

13.08.2016: Tötungsdelikt und versuchte Tötung Salez: Simon S. stieg mit Brandbeschleuniger und mit mehreren Messern in den Zug. Während der Zugfahrt übergoss er eine junge Frau mit der brennbaren Flüssigkeit und zündete sie an, worauf weitere Zugspassagiere in Brand gerieten. Danach stach S. mit dem Messer auf eine Zugspassagierin ein und verletzte sich anschliessend selbst tödlich. Bei der Attacke starben drei Menschen (inklusiv Täter), drei Personen wurden verletzt.

27.09.2016 Versuchte Tötung in St. Gallen, Iddastrasse: Nach einem verbalen/tätlichen durch den Beschuldigten verursachten Streit mit seinem Vater und seinem Bruder nahm der Beschuldigte das Taschenmesser des Vater und stach damit zuerst auf seinen Bruder und dann auf seinen Vater ein.

26.10.2016: Tötungsdelikt in Bronschhofen: Der Geschädigte wurde durch den Beschuldigten erwürgt bzw. erstickt.

Deine Meinung