Europas bestbezahlter Manager: «Beim Aufstehen denke ich nicht an mein Gehalt»
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Europas bestbezahlter Manager«Beim Aufstehen denke ich nicht an mein Gehalt»

Severin Schwan, Chef des weltgrössten Krebsmittelherstellers Roche, spricht mit 20 Minuten über seinen Lohn. Und über die Medikamentenpreise.

von
Isabel Strassheim
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Roche-CEO Severin Schwan steht ganz oben. Wortwörtlich: Hier bei einem Interview auf der Terrasse im 38. Stock des neuen Roche-Turms im Kleinbasel.

Roche-CEO Severin Schwan steht ganz oben. Wortwörtlich: Hier bei einem Interview auf der Terrasse im 38. Stock des neuen Roche-Turms im Kleinbasel.

Keystone/Gaetan Bally
Der Österreicher Schwan begann als Praktikant bei Roche und führt den Konzern seit 2008. Auf dem Foto ist er mit der Konzernführung bei der Präsentation des Jahresabschlusses 2016 zu sehen.

Der Österreicher Schwan begann als Praktikant bei Roche und führt den Konzern seit 2008. Auf dem Foto ist er mit der Konzernführung bei der Präsentation des Jahresabschlusses 2016 zu sehen.

Keystone/Georgios Kefalas
Der ehemalige Lufthansa-Chef Christoph Franz kam 2014 zu Roche. Er leitet den Verwaltungsrat.

Der ehemalige Lufthansa-Chef Christoph Franz kam 2014 zu Roche. Er leitet den Verwaltungsrat.

Keystone/Gian Ehrenzeller

Herr Schwan, wie entwickeln sich die Medikamentenpreise weiter?

Die Preise in der Schweiz sind in den letzten Jahren nur in eine Richtung gegangen: nach unten. Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass sich das ändern wird. In den USA sind Preissteigerungen möglich, bei uns waren die aber immer sehr moderat. Wenn wir die weltweite Entwicklung anschauen, dann sind die Preise bei Roche insgesamt stabil.

Die Schweizer Gesundheitskosten und die Krankenkassenprämien steigen aber.

Die öffentliche Vorstellung über die Medikamentenpreise ist komplett verzerrt. Der Prämienanstieg hat nichts damit zu tun. Die Medikamentenpreise machen nur rund zehn Prozent an den Gesundheitskosten aus und ihr Anteil fällt. Und die Preise für rezeptpflichtige Originalpräparate in der Schweiz liegen im europäischen Durchschnitt – ganz anders als die Preise für Lebensmittel.

Vor allem Krebstherapien werden aber immer teurer, was halten Sie von einem System, das den Preis eines Medikaments nicht pro Packung, sondern nach seiner Wirkung bei einem Patienten bemisst?

Wir sind für das Konzept einer Bezahlung je nach Nutzen eines Medikaments. Es braucht dahin noch viele Zwischenschritte, aber es wird darauf hinauslaufen. Ein erster Schritt dorthin sind unterschiedliche Preise etwa für unser Krebsmittel Avastin: Je nach Krebsart ist seine Wirkung unterschiedlich und entsprechend differenzieren wir bei den Preisen. In der Schweiz sind wir ausserdem Vorreiter bei Preismodellen für Kombinationstherapien.

Was heisst das?

Krebs hält man durch Kombinationstherapien besser in Schach. Ein bestimmter Brustkrebs etwa wird mit Chemotherapie sowie den beiden Roche-Medikamenten Herceptin und Perjeta behandelt. Dafür haben wir mit dem Bundesamt für Gesundheit eine Reduktion im Vergleich zu den Einzelpreisen ausgehandelt, um Wirkung und Preis besser ins Verhältnis zu bringen. Das ist wegweisend für andere Länder. Bei der Umsetzung ist die Schweiz da an der Spitze.

Ökonomisch wären hohe Medikamentenpreise gerechtfertigt, wenn sie helfen, Spitalkosten zu sparen – etwa wenn ein Herzmittel einen Herzanfall verhindern kann. Bei Patienten, bei denen das nicht so ist, müsste es dann aber einen Nachlass geben.

Den grössten Teil machen ja die Spitalkosten aus. Sie können mit Medikamenten sehr viel dabei einsparen. Ich würde bei der Bewertung ihres ökonomischen Nutzens sogar darüber hinausgehen: Wenn sie jemanden etwa mit einer Immuntherapie von Krebs heilen, kommen die Patienten ja nicht nur aus dem Spital heraus, sondern sie gehen wieder arbeiten und leisten ihren Beitrag für die Gesellschaft.

Wie lässt sich aber die Wirkung eines Medikamentes konkret erfassen?

Das kann über lange Zeiträume gehen: Da stellt sich die Frage, ob ich dann erst nach Jahrzehnten für ein Medikament zahle oder soll es eine Rückerstattung geben, wenn der Krebs zurückkehrt? Oder zahle ich für den Zeitraum, in dem ich den Krebs stoppen kann, bevor er wieder zu wachsen beginnt?

Wie sollten die Daten weitergegeben werden?

Grundvoraussetzung ist die elektronische Patientenakte. Wenn jeder Arzt nur handschriftlich die Patientendaten in die Akte schreibt und die verschwindet dann in seinem Archiv, dann haben sie keine Möglichkeit, um diese Daten zu erfassen und dann entsprechend nach Wirkung abzurechnen. Man muss natürlich den Schutz der persönlichen Daten gewährleisten. Aber Patientendaten werden künftig digital erfasst werden. Die elektronische Patientenakte bringt ja sehr viele Vorteile. Sie vermeidet zum Beispiel, dass teure Untersuchungen mehrfach durchgeführt werden oder Patienten sogar suboptimal behandelt werden, weil nicht alle relevanten Daten zur Verfügung stehen.

Kommen wir zu einer anderen Preisfrage: Sie sind von allen Unternehmen des europäischen Börsenindexes mit einem Einkommen von 14,4 Millionen Franken der bestbezahlte Manager – wie fühlen Sie sich?

Mein Befinden hängt nicht von meinem Gehalt ab. Ich stehe in der Früh nicht auf und denke darüber nach, wie viel ich verdiene. Auch wenn ich das aus Führungssicht betrachte, ist es generell so, dass sie Mitarbeitende nicht über lange Zeit über das Gehalt motivieren können.

Sondern?

Nur über die Aufgabe und das Resultat der Arbeit. Und das ist das Privileg, dass sie bei uns im Gesundheitssektor haben. Ich treffe ja immer wieder Patienten und es ist eine unglaubliche Erfüllung, ein inneres Gefühl tiefer Befriedigung, wenn Sie wissen, dass Sie dazu beigetragen haben, dass ein Medikament den Patienten und ihren Familien hilft. Das ist der Moment, in dem ich weiss, wofür ich zur Arbeit gehe. Das ist 100-mal wichtiger als das Gehalt.

Wenn Geld nicht entscheidend ist, warum zahlt die Pharmabranche so viel?

Wir müssen marktgerecht bezahlen, und der Markt für hochspezialisierte Fach- und Führungskräfte ist global.

Roche ist der grösste Bauherr der Schweiz – Sie haben den höchsten Turm des Landes erst vor kurzem fertiggestellt, bauen aber schon an einem noch höheren. Warum?

Die Mitarbeiteranzahl hat wegen des Wachstums der Firma stark zugenommen. Noch immer arbeiten über 3500 Leute von uns in Büros verteilt in der ganzen Stadt. Die wollen wir jetzt wieder zusammenbringen. Unsere globale Zentrale soll sich wieder an einem Ort konzentrieren, so dass die Leute direkt miteinander kommunizieren können.

Die beiden Türme sind auch ein Zeichen für Ihr Vertrauen in die Schweiz als Standort?

Wir haben uns auf Basel und auf die Schweiz festgelegt. Das zeigten auch unsere Investitionen in Kaiseraugst und Rotkreuz, Die Verlässlichkeit und die politische Stabilität sind grosse Pluspunkte der Schweiz. Das spielt für uns eine grosse Rolle. Unsere Investitionszyklen sind ja extrem langfristig.

Das Allerwichtigste für uns ist aber, dass wir gut ausgebildete Leute haben. Wir können nur erfolgreich bleiben, wenn wir die besten Leute gewinnen können.

Seit neun Jahren an der Spitze

Severin Schwan (49) löste 2008 Franz B. Humer als Chef des weltgrössten Krebsmedikamentenherstellers Roche ab. Seit 2013 sitzt der Österreicher zugleich im Verwaltungsrat des Pharmagiganten. Schwans Gehalt besteht zu einem Teil aus Aktien und Aktienoptionen, die bis zu 10 Jahre gesperrt sind. Der Konzern weist das Chefsalär deswegen mit 11,6 Millionen Franken aus. Ohne diese Abzinsung der noch nicht ausgezahlten Aktien (-Optionen) liegt es aber bei 14,4 Millionen Franken - das ist der international vergleichbare Wert. (ish)

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