27.06.2019 02:41

Hohe Belastung

Beim Badi-Wasser gilt jetzt besondere Vorsicht!

Zu viel Chlor und Harnstoff: Bei Tests schneiden viele Badis schlecht ab. Wegen des Ansturms setzen sie nun auf mehr Chemie.

von
ehs
1 / 8
Tausende strömen zurzeit in die Badis. Da gilt es, die Wasserqualität im Auge zu behalten.

Tausende strömen zurzeit in die Badis. Da gilt es, die Wasserqualität im Auge zu behalten.

Keystone/Dorothea Mueller
«Je mehr Leute in die Freibäder strömen, desto grösser ist die Belastung für das Wasser», sagt Martin Enz, Geschäftsführer des Verbandes Hallen- und Freibäder.

«Je mehr Leute in die Freibäder strömen, desto grösser ist die Belastung für das Wasser», sagt Martin Enz, Geschäftsführer des Verbandes Hallen- und Freibäder.

Keystone/Steffen Schmidt
Wie ein neuer Bericht des Kantons Zürich zeigt, wurde 2018 bei jedem vierten kontrollierten Becken ein erhöhter Harnstoffgehalt nachgewiesen. In 112 Fällen wurden zu hohe Chlorat-Werte gemessen.

Wie ein neuer Bericht des Kantons Zürich zeigt, wurde 2018 bei jedem vierten kontrollierten Becken ein erhöhter Harnstoffgehalt nachgewiesen. In 112 Fällen wurden zu hohe Chlorat-Werte gemessen.

Keystone/Alessandro Della Bella

Die Hitzewelle beschert den Freibädern in der ganzen Schweiz Tausende Besucher. Da gilt es, besonders auf die Wasserqualität zu achten. «Je mehr Leute in die Freibäder strömen, desto grösser ist die Belastung für das Wasser», sagt Martin Enz, Geschäftsführer des Verbands Hallen- und Freibäder, «deswegen müssen mehr Chemikalien eingesetzt werden». Zudem werde mehr Energie aufgewendet, weil die Pumpen mehr Leistung bringen müssten, um die Durchsätze bei den Filtern zu erhöhen.

Silvio Arpagaus von der Dienststelle Lebensmittelkontrolle und Verbraucherschutz des Kantons Luzern sagt: «Hohe Temperaturen und ein grosser Ansturm, wie wir ihn jetzt haben, sind eine Herausforderung für die Wasserqualität.» Die Frischwasserzufuhr müsse erhöht werden. Mit einem schnelleren Austausch des Wassers könne die Qualität meist gewährleistet werden. Das sei zwar technisch meist kein Problem, koste aber Geld. «Grundlos macht das keinen Badi», so Arpagaus.

Reizungen der Augen

Dass die Wasserqualität häufig ein Problem ist, zeigen neue Daten der kantonalen Labore. Im aktuellen Jahresbericht weist der Kanton Zürich aus, dass 2018 bei mehr als jedem vierten kontrollierten Freibad-Becken ein zu hoher Harnstoffgehalt nachgewiesen wurde. Die aktuell hohen Besucherzahlen begünstigen das: So führt das Kantonale Labor Zürich den hohen Wert auch auf die gute Auslastung der Bäder zurück.

Aus gesundheitlicher Sicht ist Harnstoff relativ ungefährlich, denn der Harn gesunder Menschen ist keimfrei. In einem Freibad können aber Reaktionsprodukte entstehen, die etwa zu Reizungen der Augen und der Schleimhäute führen.

Gefährlich für Kinder

Die aktuelle Situation mit dem schönen Wetter, der hohen UV-Strahlung und vielen Besuchern führt auch dazu, dass mehr Chlor eingesetzt werden muss. Zu viel darf es aber auch nicht sein. Letztes Jahr wurden allein im Kanton Zürich in 112 Fällen zu hohe Chlorat-Gehalte in Freibädern gemessen.

Chlorat ist ein Nebenprodukt von Desinfektionsmitteln. Das Kantonale Labor Bern beschreibt die möglichen Wirkungen so: Ist man Chlorat zu lange ausgesetzt, können die roten Blutkörperchen geschädigt werden. Ausserdem könne Chlorat die Aufnahme von Iod hemmen. Das könne für Kinder oder Personen mit einer Schilddrüsen-Unterfunktion gefährlich werden.

Problemzone Kinderplanschbecken

Auch die Berner Kontrolleure stiessen bei ihren Kontrollen auf viele Mängel. 50 Badis kontrollierten sie letztes Jahr, nur in etwas über der Hälfte wurde ein tadelloser Betrieb vorgefunden. In jedem vierten Fall stellten die Kontrolleure Mängel bei der Wasserqualität fest. Fast immer wurden die Kinderplanschbecken bemängelt, in denen zu wenig Desinfektionsmittel vorgefunden wurden.

Ähnliche Probleme fanden die Kontrolleure 2018 im Kanton Aargau vor. Mehr als jedes siebte kontrollierte Becken war mikrobiologisch oder chemisch ungenügend, heisst es im aktuellen Jahresbericht. Meistens gab es Probleme mit zu wenig oder zu viel Desinfektionsmitteln und einen erhöhten Harnstoff-Gehalt.

Qualität nimmt zu

Trotzdem: In den letzten Jahren sei die Qualität des Wassers gestiegen, das Know-how bei den Badi-Betreibern sei höher als früher, sagt Arpagaus. Bei den Kontrollen beanstandet würden oftmals Betreiber, bei denen die betrieblichen Abläufe unzureichend festgelegt sind.

Martin Enz vom Freibad-Verband ist selbst Geschäftsführer einer Badi. Er sagt, die Wasserqualität in den Badis sei gut. Um beim aktuellen Ansturm Problemen mit dem Chlorat- und Harnstoff-Gehalt vorzubeugen, müsse die Filtration und die Frischwasserzufuhr erhöht und der Einsatz von Chlor und Ozon intensiviert werden.

«Badi-Betreiber sind bereit»

Das sei technisch kein Problem. Zwar hätten die Badis eine Kapazitätsgrenze. «Irgendwann muss man als Bademeister sagen, dass genügend Leute drin sind.» Das liege aber weniger an der Wasserqualität als am Platz, der für die Garderoben und für die Fluchtwege zur Verfügung stehe.

Seiner Erfahrung nach sei die Hygiene der Besucher in den letzten Jahren besser geworden, sagt Enz. Mehr Leute würden duschen, und die Bademeister würden konsequent Besucher auf unhygienisches Verhalten wie etwa das Tragen von Unterhosen unter der Badehose hinweisen.

«Die Badibetreiber sind bereit für die Hitze», sagt Enz. «Wir freuen uns über den Ansturm.» Nach einem kalten Saisonstart sei es noch zu früh, Bilanz zu ziehen. Eines sei aber sicher: «Die Zahlen im Moment sind absolut genial.»

Fehler gefunden?Jetzt melden.