22.08.2014 16:00

Gesundheitsförderung

«Beim Essen braucht es einen gewissen Zwang»

Gesundheitsorganisationen geben jährlich mehr als 20 Millionen Franken für Aufklärungsarbeit aus. Experten zweifeln, dass das etwas bringt.

von
Florian Meier
Über 40 Prozent der Schweizer sind zu dick. Das BAG will dem vor allem mit Aufklärungsarbeit entgegenwirken. Das bringe nicht viel, behaupten Kritiker.

Über 40 Prozent der Schweizer sind zu dick. Das BAG will dem vor allem mit Aufklärungsarbeit entgegenwirken. Das bringe nicht viel, behaupten Kritiker.

Laut dem Bundesamt für Statistik ist der Anteil der Übergewichtigen in unserem Land von ca. 30 Prozent im Jahr 1992 auf über 40 Prozent im Jahr 2012 gestiegen. Bei den 15- bis 24-Jährigen hat sich der Anteil sogar verdoppelt, von ca. 10 Prozent auf 20 Prozent. Um diesem Trend entgegenzuwirken, werden in der Schweiz Millionen investiert.

Gesundheitsförderung Schweiz: Ein wesentliches Ziel der Stiftung ist es, die gesunde Ernährung zu fördern. Zurzeit laufen verschiedene Projekte, die vor allem Kinder und Jugendliche zu einem bewussten Essverhalten motivieren sollen. Finanziert wird das grösstenteils von der Schweizer Bevölkerung. Jeder Bürger zahlt mit der Krankenkassenprämie 2,40 Franken an die Stiftung. Jährlich werden ca. 19 Millionen Franken ausgegeben.

Bundesamt für Gesundheit: Das BAG hat 2008 das Präventionsprogramm Ernährung und Bewegung E&B ins Leben gerufen. Das Projekt soll «die Bevölkerung dazu motivieren, sich ausgewogen zu ernähren und genügend zu bewegen». Zu diesem Zweck werden unter anderem Kampagnen wie «fünf am Tag» finanziell unterstützt. Kostenpunkt: 2,75 Millionen Franken pro Jahr.

Schweizerische Gesellschaft für Ernährung: Der Verein mit rund 6000 Mitgliedern veröffentlicht regelmässig Bücher, Broschüren, Poster und CD-ROMs zur allgemeinen Ernährungsinformation. Jährliches Budget: ca. 1,7 Millionen Franken.

Das Ziel dieser Projekte ist klar: Die Bevölkerung soll dazu ermutigt werden, sich gesünder und bewusster zu ernähren. «Wir sind nicht die, die den Bürgern etwas vorschreiben wollen. Es geht darum, Anstösse zu geben und so die Selbstverantwortung zu stärken», heisst es beispielsweise beim BAG.

Klare Regeln gefordert

Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung, überzeugt diese Argumentation nicht: «Gerade beim Thema Ernährung kann nur mit einem gewissen Zwang etwas erreicht werden.» Am besten zeige dies ein Beispiel aus Singapur, wo man radikal gegen Übergewicht in der Bevölkerung vorging: «Wer zu dick war, bekam einfach keine staatliche Stelle mehr». Die Massnahme sei extrem erfolgreich gewesen.

«In der Schweiz ist dies natürlich nicht möglich», erklärt Von Grünigen. Trotzdem würde er es begrüssen, wenn der Bund dem Thema Übergewicht mit klaren Regeln begegnen würde: «Wir hielten es beispielsweise für sinnvoll, Fernsehwerbung für Gemüse und Früchte zu fördern und dafür die Anzahl Spots für Fleischprodukte zu reduzieren.» Auch die Idee einer Fett- oder Zuckersteuer könnte einen positiven Effekt haben. «Solche Systeme schaffen Anreize, die das Handeln der Menschen grundlegend verändern.» Von Grünigen betont aber auch, dass das BAG im Rahmen seiner Möglichkeiten eine gute Arbeit leiste: «Aufklärungsarbeit ist immer noch besser als gar nichts.»

«Es braucht eine innere Überzeugung»

Beda Stadler, Professor für Immunologie an der Universität Bern, geht noch einen Schritt weiter: «Verschiedene Studien haben gezeigt, dass es bei diesem Thema überhaupt nichts bringt, an die Vernunft der Bevölkerung zu appellieren.» Er kenne sogar Arbeiten, die belegen, dass grosse Kampagnen die dicken Leute nur nervös machen: «Das bringt sie dazu, mehr statt weniger zu essen.»

Thomas Mattig, Direktor von Gesundheitsförderung Schweiz, unterstreicht die Wichtigkeit der Präventionsarbeit. Die Eigenverantwortung und die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu fördern, sei der einzig richtige Weg. «Nur wer etwas vom Thema versteht und aus innerer Überzeugung an sich arbeitet, kann sein Essverhalten nachhaltig verändern.»

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