Hurrikan: Beim nächsten «Gustav» bleiben alle zu Hause
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HurrikanBeim nächsten «Gustav» bleiben alle zu Hause

Angekündigt war «Gustav» als «Mutter aller Stürme». Was kam, war aber höchstens die Enkeltochter. Deshalb sind jetzt die zwei Millionen Menschen, die aus New Orleans und dem Umland evakuiert wurden, ziemlich sauer.

Sie wollen so schnell wie möglich zurück nach Hause und viele sagen bereits, dass sie beim nächsten Mal nicht mehr fliehen werden. In den Notunterkünften ist nun immer wieder der Vorwurf zu hören, die Behörden hätten mit der Anordnung der Evakuierung übertrieben.

«Beim nächsten Mal wird es schlecht aussehen, weil Leute wie wir nicht fliehen werden», sagt Catherine Jones aus Silsbee im US-Staat Texas. Die 53-Jährige hat drei Tage lang mit ihrem behinderten Sohn auf einem Feldbett in einer Kirche ausgeharrt. Die Behörden hätten überzogen, sagt sie.

Die Vertreter des Katastrophenschutzes hingegen verteidigen ihre Entscheidung. In Anbetracht eines möglicherweise verheerenden Hurrikans, dessen Verlauf und Stärke schlecht vorgehergesagt werden könnten, sei es besser, einmal zu oft als einmal zu wenig zu evakuieren.

Seit Hurrikan «Katrina», dem vor drei Jahren 1600 Menschen zum Opfer gefallen sind, sind die Börden sehr vorsichtig geworden. Die Dämme in New Orleans haben gehalten, es gab keine Katastrophe. Doch «Gustav» hatte sich rechtzeitig abgeschwächt und war auch nicht direkt auf die Stadt getroffen. Und als im Süden Louisianas Bäume auf Häuser stürzten, Strassen überspült wurden und Hochspannungsleitungen einknickten, war auch niemand mehr da, der verletzt werden konnte. Die Versicherungen schätzen die Sachschäden immerhin auf zwei bis zehn Milliarden Dollar. Bei «Katrina» waren es 41 Milliarden Dollar.

Chertoff zufolge hat Evakuierung Schlimmstes verhindert

«Der Grund, wieso es keine dramatischen Rettungsgeschichten gibt, ist, dass die Evakuierung erfolgreich war», sagt Innenminister Michael Chertoff. Die Leute hätten den Anweisungen Folge geleistet und sich in Sicherheit gebracht. Ein Katastrophenschutzbeauftragter aus Louisiana befürchtet allerdings, dass die Menschen beim nächsten Mal einfach zu Hause bleiben werden. «Das ist eine grosse Sorge», sagt der Logistikbeauftragte des Staats, Pat Griffin. «Nach ein, zwei oder drei solchen Stürmen wird es für die örtlichen und die staatlichen Behörden noch schwieriger werden, die Menschen zu überzeugen.»

Die atlantische Hurrikansaison wird noch etwa drei Monate dauern, in dieser Zeit sind theoretisch jederzeit neue Stürme möglich. Drei haben sich derzeit bereits gebildet, allen voran «Hanna», die als erstarkender tropischer Sturm Kurs auf die US-Küste nimmt und gegen Ende der Woche als Hurrikan Florida und Georgia erreichen könnte. Rod Ferrand aus einem Vorort von New Orleans hat die eine Flucht wegen «Gustav» schon gereicht: «Beim nächsten grossen ankommenden Sturm wird keiner weggehen wollen.»

Millionen ohne Strom, Geschäfte und Tankstellen geschlossen

Viele der Geflohenen sind vor allem unzufrieden, weil sie nach dem Durchzug des Hurrikans Anfang der Woche nicht sofort wieder zurück durften. Ray Nagin, der Bürgermeister von New Orleans, hatte die Menschen aufgefordert, nicht vor Donnerstag zurückzukommen, die Autokolonnen haben sich aber längst in Bewegung gesetzt. Nagin warnte, dass weite Gebiete immer noch keinen Strom hätten, Krankenhäuser mit Notbesetzung arbeiteten und das nächtliche Ausgehverbot auf absehbare Zeit weiter gelte. In Louisiana waren zeitweise noch eine Million Haushalte ohne Strom, die meisten Geschäfte und Tankstellen waren am Dienstag immer noch geschlossen.

In manchen evakuierten Gegenden hat «Gustav» kaum Regen oder Sturm gebracht. «Gustav wer?», titelte etwa die Zeitung «The Beaumont Enterprise» aus Texas. Viele Rückkehrer sind angesichts der Nächte auf Feldbetten in Notlagern frustriert. Nagin aber erklärt, er würde wieder eine Evakuierung anordnen: «Uns drohte möglicherweise ein riesiger Sturm der Kategorie fünf.» Das wäre für die Menschen verheerend gewesen, sagte Nagin. Nachdem die benachbarten Regionen die Evakuierung wieder aufgehoben haben, erlaubte schliesslich auch Nagin die Rückkehr ab Mittwoch.

Curtis Helms ist am Samstag in T-Shirt, kurzen Hosen und mit nur 20 Dollar in der Tasche aus New Orleans geflohen. In einer Notunterkunft in Alabama trug er am Dienstag noch die gleichen Kleider. Er sei nur geflohen, weil Nagin gedroht habe, jeden ins Gefängnis zu stecken, der sich noch auf die Strasse wage, sagt der 47-Jährige. «Aber jetzt wäre ich lieber zu Hause, selbst wenn es keinen Strom gibt.» (dapd)

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