Ansteckungsgefahr: Beiss-Attacken machen Polizei zu schaffen

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AnsteckungsgefahrBeiss-Attacken machen Polizei zu schaffen

Polizisten im Einsatz werden wiederholt bespuckt, gekratzt oder gebissen. Wegen Krankheitsgefahr für die Beamten zieht das jeweils ärztliche Abklärungen nach sich.

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qll/kaf/mk/som/taw

Ein Einbrecher ist am frühen Sonntagmorgen in Hombrechtikon ZH in flagranti erwischt worden. Der 38-jährige Ägypter verletzte bei der Verhaftung einen Polizisten mit einem Biss in die Hand. Nun werden sowohl der Festgenommene als auch der Polizist auf übertragbare Krankheiten hin untersucht. «Das ist Routine bei Bissverletzungen», erklärt Thomas Wartmann, Sprecher der Kantonspolizei Zürich. «Solche Verletzungen sind heikel, weil Krankheiten übertragen werden können.»

In Estavayer-le-Lac FR hat am Sonntagmorgen ein 36-jähriger, aggressiver Gast in einer Bar einen Polizisten mit einem Fusstritt verletzt und einen weiteren ins Gesicht gespuckt. Der Mann wurde festgenommen. Die Staatsanwaltschaft ordnete eine Blutprobe an, um allenfalls übertragbare Krankheiten im Speichel des Mannes zu analysieren. Auch der bespuckte Polizist wird sich während einer gewissen Zeit einer Reihe von medizinischen Kontrollen unterziehen, um allenfalls übertragbare Krankheiten auszuschliessen.

Polizisten mit Urin beworfen

Laut Wartmann kommt es immer wieder vor, dass Polizisten während eines Einsatzes gebissen werden. Genaue Zahlen hat er aber nicht. «Natürlich lernen Polizisten in Aus- und Weiterbildungen, solche Verletzungen zu vermeiden.» Ganz verhindern könne man sie aber nicht.

Auch der Basler Polizei ist dieses Phänomen bekannt. «Bei Biss- und Kratzverletzungen müssen die Polizisten zum Arzt und sich checken lassen», erklärt Sprecher Martin Schütz. «Bei Spuckattacken kommt es darauf an, wer gespuckt hat und wo der Polizist getroffen wurde. Eine Spuckattacke in Schleimhautgegenden kann ein Grund für einen Arztbesuch sein.»

Einsatzkräfte der Kantonspolizei Bern wurden ebenfalls bereits gebissen, gekratzt und angespuckt. «So hat beispielsweise dieses Wochenende eine angehaltene Person bei einem Drogenschnelltest ein Polizist mit Urin beworfen», erzählt Sprecherin Ramona Mock. Polizei-Angreifer würden wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte angezeigt. «Weiter begeben sich die betroffenen Polizisten umgehend zur ärztlichen Kontrolle, wobei teilweise auch bereits erste präventive Massnahmen ergriffen werden müssen, beispielsweise die Einnahme von Medikamenten», so Mock.

Handschuhe und Spuckschutz

Einen ähnlichen Fall gab es kürzlich auch im Kanton Thurgau: «Bei einer Verkehrskontrolle an Heiligabend biss eine alkoholisierte Frau einer Polizistin in den Finger. «Sie musste ärztlich behandelt werden», sagt Daniel Metzler, Sprecher der Kantonspolizei.

Laut Metzler haben Polizisten Latex- oder Schutzhandschuhe, um sich zu schützen. Auch können sich Polizisten beispielsweise gegen Hepatitis impfen lassen. Dies sei vor allem im Umgang mit vielen Personen wie im Transportdienst sinnvoll. Auch gebe es in den Polizeiautos einen Spuckschutz. «Diesen kann man der spuckenden Person wie eine Art Kragen anlegen und die Mundpartie abdecken», so Metzler. «Er kommt zum Einsatz, wenn man weiss, dass eine Person eine ansteckende Krankheit hat oder schon gespuckt hat.»

«Es ist Zeit, dass der Staat ein Zeichen setzt.»

Max Hofmann, Generalsekretär des Verbandes Schweizerischer Polizeibeamter, weiss: «In den letzten Jahren wurden Polizisten in der Schweiz während der Ausübung ihrer Arbeit sechs- bis siebenmal pro Tag angegriffen und verletzt.» Waren es im Jahr 2000 etwas über 770, sind es 2012 über 2500 Fälle. In wie vielen dieser Fälle Polizisten gebissen, gekratzt oder angespuckt wurden, kann er nicht genau sagen. Doch: «Dass sich ein Polizist nach solchen Angriffen medizinischen Kontrollen unterziehen will und darf, ist normal. Man weiss ja nie, ob und welche ansteckenden Krankheiten der Angreifer hatte.»

Da die Angriffe auf Polizisten zugenommen haben, forderte Hofmann am Montag, dass die Politik endlich aktiv wird: «Seit Jahren fordern wir härtere Strafen, doch es rührt sich kein Stein.» Und er betont: «Wir werden in diesem Jahr den Druck auf die Politik nochmals erhöhen, damit die unhaltbaren Zustände endlich angegangen und beseitigt werden. Es ist Zeit, dass der Staat ein Zeichen setzt.»

«Bissverletzungen können schwere Infektionen auslösen»

Marcel Stöckle, Kaderarzt in der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene des Universitätsspitals Basel, sagt im Interview, welche Gesundheitsrisiken bestehen, wenn man von einem Menschen gebissen, gekratzt oder bespuckt wurde.

Wie gefährlich sind Menschenbisse?

Bei Bissverletzungen sind vor allem drei Aspekte zu berücksichtigen: Die Tiefe der Bissverletzung, der Ort und die Bakterien/Viren, die bei einem Biss übertragen werden können. Bissverletzungen von Menschen betreffen eher die Hände, dort liegen die kritischen Strukturen eher oberflächlich und können auch bei nicht tief gehenden Bisswunden verletzt werden. Die Bakterien im Mund können bei Bissverletzungen schwere Infektionen auslösen, insbesondere, wenn tiefgehende Wunden nicht gut gereinigt und desinfiziert werden können oder wenn das Opfer ein eingeschränktes Immunsystem hat.

Wie oft werden Menschen von anderen Menschen gebissen?

Es ist nicht ausserordentlich häufig, dass Personen gebissen werden, aber es kommt immer wieder vor. Polizisten gehören auf Grund ihrer Tätigkeit sicherlich zu der Berufsgruppe mit einem erhöhten Risiko. Deshalb sollten alle Polizisten gegen Hepatitis B, ein Virus, das durch Bissverletzungen übertragen werden kann, geimpft sein. Ebenfalls sollte die Starrkrampfimpfung besonders bei Personen mit erhöhtem Risiko für Verletzungen regelmässig aufgefrischt werden.

Wie sollte man vorgehen, wenn man gebissen, gekratzt oder bespuckt wurde?

Bei Spucke muss nichts Spezielles unternommen werden, da diese zwar unangenehm ist, aber kaum eine Bedeutung bei der Übertragung von Infektionen hat. Bei Kratzern sollte eine Starrkrampfimpfung, die älter als zehn Jahre ist, aufgefrischt werden. Tiefe oder stark blutende Wunden sollten von einem Arzt beurteilt werden. Neben der Sicherstellung eines genügenden Starrkrampfschutzes muss auch über den Einsatz von Antibiotika und allfällige Impfung gegen Hepatitis B entschieden werden. Ebenso müssen Wunden, die im Verlauf eitern oder um die sich eine ausbreitende Rötung bildet, ärztlich beurteilt werden. Auch ist beim Auftreten von Fieber ein Arzt zu kontaktieren.

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