Tag der Entscheidung: Beizen-Lockdown oder abwarten – diese Optionen hat der Bundesrat
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Tag der EntscheidungBeizen-Lockdown oder abwarten – diese Optionen hat der Bundesrat

Kommt der Teil-Lockdown, nachdem der Druck auf den Bundesrat massiv gestiegen ist? Das ist die Ausgangslage vor der Schicksalssitzung vom Freitag.

von
Daniel Waldmeier
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Der Bundesrat plante ursprünglich, an der Sitzung bloss das weitere Vorgehen festzulegen. Über die Aktivierung von Massnahmen wollte er am 28. Dezember befinden. 

Der Bundesrat plante ursprünglich, an der Sitzung bloss das weitere Vorgehen festzulegen. Über die Aktivierung von Massnahmen wollte er am 28. Dezember befinden.

Reuters
Der Bundesrat schlug den Kantonen drei Massnahmenpakete vor. (Symbolbild)

Der Bundesrat schlug den Kantonen drei Massnahmenpakete vor. (Symbolbild)

imago/PanoramiC
Das Light-Paket: Beträgt der R-Wert am 28. Dezember seit drei Tagen über 1 oder sind die betreuten Intensivpflegebetten zu über 80 Prozent ausgelastet, würden Gastronomie- und Freizeitbetriebe geschlossen. Dieses könnte er nun noch vor Weihnachten beschliessen.

Das Light-Paket: Beträgt der R-Wert am 28. Dezember seit drei Tagen über 1 oder sind die betreuten Intensivpflegebetten zu über 80 Prozent ausgelastet, würden Gastronomie- und Freizeitbetriebe geschlossen. Dieses könnte er nun noch vor Weihnachten beschliessen.

Reuters

Gesundheitsminister Alain Berset und seine Kollegen müssen am Freitag eine heikle Entscheidung fällen: Sollen sie noch vor Weihnachten neue Massnahmen gegen die stagnierenden oder wieder steigenden Corona-Zahlen ergreifen oder kann die Schweiz zuwarten? Vieles deutet auf eine Schliessung der Restaurants hin. Zur Debatte stehen aber auch andere Optionen.

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Abwarten

Das spricht dafür: Noch ist unklar, wie sich etwa die verlängerte Sperrstunde auf die Fallzahlen auswirken wird. Darum wollte der Bundesrat am Freitag ursprünglich bloss das weitere Vorgehen festlegen und je nach Verlauf der Epidemie am 28. Dezember neue Massnahmen beschliessen. Doch in den letzten Tagen ist der Druck auf den Bundesrat, sofortige Massnahmen zu ergreifen, massiv gestiegen.

Beizen-Lockdown

Das spricht dafür: In mehreren Deutschschweizer Kantonen sind die Spitäler am Limit. Diese fordern wie auch die Kantonsärzte griffige Massnahmen. Alain Berset beantragt dem Bundesrat darum, ein erstes Massnahmenpaket zu zünden. Dieses sieht laut dem laut dem «Tages-Anzeiger» vor, dass Gastrobetriebe, Fitnesscenter sowie Kultur- und Freizeitbetriebe am Dienstag schliessen müssen.

Homeoffice für Risikopersonen

Das spricht dafür: Erneut zur Diskussion steht das Recht auf Homeoffice oder eine Beurlaubung für besonders gefährdete Personen wie im Frühling. Die strikte Durchsetzung von Homeoffice ist eine Kernforderung der Covid-Taskforce. Der Kanton Thurgau hat die Homeoffice-Empfehlung bereits für verbindlich erklärt. Laut einer Analyse des BAG wird bei 11 Prozent von rund 46’500 Fällen der Arbeitsplatz als Ansteckungsort vermutet. Seit Juli haben sich demnach mindestens 5109 Personen bei der Arbeit angesteckt, wie Nau.ch berichtet.

Harter Lockdown

Das spricht dafür: Ein harter Lockdown vor Weihnachten mit der Schliessung der Läden mit Ausnahme der Supermärkte wäre die einschneidendste Massnahme – auch aus wirtschaftlicher Sicht. Sie ist laut Beobachtern unwahrscheinlich, obwohl sie von der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes empfohlen wird. Laut deren Präsident Martin Ackermann «zählt jeder Tag».

Appell

Das spricht dafür: Der Bundesrat könnte kommunikativ in die Offensive gehen. Dies ist eine der Massnahmen, die der Bundesrat bei einer negativen Entwicklung den Kantonen vorgeschlagen hat. Wie an Ostern 2020 würde die Bevölkerung dazu aufgefordert, zu Hause zu bleiben und auf nicht notwendige Reisen im In- und Ausland zu verzichten.

Skigebiet-Schliessung

Das spricht dafür: Die Zürcher Regierung will die Skigebiete schweizweit schliessen. Hingegen möchte Alain Berset die einzelnen Kantone entscheiden lassen. Je härtere Massnahmen der Bundesrat ergreift, desto wahrscheinlicher wird jedoch eine schweizweite Schliessung der Skigebiete. So würde sich bei einer Schliessung der Restaurants die Frage stellen, wo sich Skifahrer verpflegen sollten. In einem internen Dokument des BAG heisst es, dass der Bundesrat die Kohärenz zu anderen ergriffenen Massnahmen prüfen müsste: «Beispielsweise wäre schwierig erklärbar, dass die Skigebiete trotz Ladenschliessungen weiterhin offen bleiben sollen.»

Berset plant «Lex Gipfeli»

Laden oder Take-away? Das Verkaufsverbot an Sonntagen führte am Wochenende dazu, dass einige Bäckereien aufmachten, andere nicht. Jetzt soll es eine Ausnahmeregelung geben. Laut dem «Tages-Anzeiger» sollen Bäckereien wieder Brot, Gipfeli und Patisserie verkaufen dürfen. Mit einer «Lex Gipfeli» würde der Bundesrat auf die Kritik reagieren. SVP-Nationalrat Roger Köppel twitterte etwa: «Bundesrat schliesst am Sonntag die Bäckereien. Lächerlich. Eine Frechheit. Nicht mal ein schönes Familienfrühstück mit frischem Brot gönnen sie uns.»

Das sagt die Epidemiologin

Olivia Keiser ist Epidemiologieprofessorin und Mitglied der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes.

Olivia Keiser ist Epidemiologieprofessorin und Mitglied der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes.

Frau Keiser, welche Massnahmen erwarten Sie nun vom Bundesrat?Ich habe keine Erwartungshaltung. Die Situation ist extrem kritisch. Das Pflegepersonal ist, wie man auch seitens der Spitäler hören konnte, am Anschlag. Die Taskforce rät dazu, umgehend sehr starke Massnahmen zu ergreifen. Ich hoffe, dass man auf die Wissenschaft hört.

Bringt eine Schliessung der Läden, wie es sie in Genf gab, tatsächlich so viel?Eine Übertragung beim Einkaufen wird man kaum erfassen können. Das Infektionsrisiko schätze ich persönlich als nicht sehr gross ein. Das Risiko hängt aber natürlich von vielen Faktoren ab: zum Beispiel von den Schutzkonzepten, der Raumgrösse, der Aufenthaltsdauer und der Kundenfrequenz – gerade auch im Weihnachtsverkauf, wo oft viele Leute zusammentreffen. Dass Ladenschliessungen wirken, hat auch damit zu tun, dass die Mobilität sinkt. Die Leute müssen nicht in den ÖV oder treffen sich nicht in Gruppen zum Shoppen.

Apropos Genf: Laut einer neuen Studie haben inzwischen 22 Prozent der Genfer Corona durchgemacht. Reicht das bald für eine Herdenimmunität?Nein, lange nicht. Dafür bräuchte es 60 bis 70 Prozent. Die Studie zeigt auch, dass Kinder im Schulalter gleich häufig eine Covid-Infektion durchmachten wie Erwachsene. Dies deutet darauf hin, dass sich das Virus auch über die Schulen verbreitet.

Vor allem Senioren müssen hospitalisiert werden. Tun diese genug, um sich selbst zu schützen?Das kann ich nicht wirklich beurteilen, aber ein absoluter Schutz ist leider oft nicht möglich, wie die vielen Ansteckungen in Altersheimen gezeigt haben. Klar ist: Persönlich werde ich meine Eltern nur draussen treffen oder ganz kurz mit Maske und Abstand, auch an Weihnachten.

Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie 80-jährig wären?Nicht gross anders als jetzt – ich bin auch jetzt sehr vorsichtig. Die Aussicht auf die Impfung ist ein Lichtblick. Ich würde nichts riskieren und auf das klassische Weihnachtsfest für einmal verzichten respektive im Sommer draussen nachfeiern. Wenn ich noch gut zu Fuss wäre, würde ich wohl einen Spaziergang im Freien machen, um den Kern der Familie zu sehen.

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