Lockdown: Beizer fühlen sich von Berset im Stich gelassen
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LockdownBeizer fühlen sich von Berset im Stich gelassen

Coiffeurgeschäfte und Blumenläden dürfen bald wieder Geld verdienen. Restaurants hingegen kommen im Exit-Plan des Bundesrates nicht vor. Wirte und Gastroverbände sind frustriert.

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les/jas
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Am Donnerstag hat der Bundesrat an einer Medienkonferenz den Plan für den Corona-Exit vorgestellt. Blumenläden etwa dürfen am 27. April wieder öffnen.

Am Donnerstag hat der Bundesrat an einer Medienkonferenz den Plan für den Corona-Exit vorgestellt. Blumenläden etwa dürfen am 27. April wieder öffnen.

Keystone/Gaetan Bally
Das Gleiche gilt für Coiffeursalons.

Das Gleiche gilt für Coiffeursalons.

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Restaurants hingegen bleiben bis auf Weiteres geschlossen.

Restaurants hingegen bleiben bis auf Weiteres geschlossen.

Keystone/Peter Klaunzer

Am 27. April gehts los: Dann dürfen zum Beispiel Gärtnereien oder Coiffeure wieder loslegen. Das hat der Bundesrat am Donnerstag entschieden. In zwei weiteren Schritten folgen Mitte Mai etwa Schulen und am 8. Juni unter anderem Zoos, die ebenfalls wieder öffnen dürfen. Wie es aber mit den Restaurants weitergehen soll, bleibt weiterhin unklar; in der Exit-Strategie des Bundesrates gibt es dazu keinen Plan. Auf Nachfrage erklärte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga an der Medienkonferenz vom Donnerstag lediglich, es sei nun an der Gastrobranche, Konzepte zur schrittweisen Wiedereröffnung zu erarbeiten.

Solch einen Massnahmenkatalog aber hätten GastroSuisse und Hotellerie Suisse bereits formuliert, sagt Ruedi Bartel von Gastro Thurgau. «Dieser wurde Bundesrat Berset zugeschickt. Aber bis jetzt wurde darauf nicht geantwortet. Auch nicht auf Anfrage.» Und Bruno Schneider, Vizepräsident von GastroSG befürchtet, dass viele Betriebe früher oder später schliessen müssen, wenn nun keine Lösungen für die Gastrobranche gebracht werden.

«Schwer enttäuscht»

Der Gang ins Restaurant bleibt auf unbestimmte Dauer aus. «Wir sind schwer enttäuscht, das ist ein mutloser Entscheid», sagt Franz Caluori, Präsident von GastroGraubünden. Caluori hätte sich eine Perspektive oder zumindest einen kleinen Hoffnungsschimmer gewünscht: «Jetzt müssen wir noch länger ausharren, obwohl viele schon jetzt vor dem finanziellen Ruin stehen.»

Doch Caluori bleibt optimistisch: «Gar kein Eröffnungsdatum ist besser als eines, das erst für den späten Sommer angesetzt ist. Wenn die Fallzahlen weiter zurückgehen, bin ich zuversichtlich, dass die Restaurants schon vor dem 8. Juni öffnen können.» Und auch für den Sommer hat er bereits Hoffnungen: «Unser Ziel ist, dass im Sommer alle Schweizer im Bündnerland Ferien machen.»

Wirteverband verlangt drastische Mietsenkung

Maurus Ebneter vom Wirteverband Basel-Stadt findet es schade, dass in der Medienmitteilung des Bundes das Gastrogewerbe nicht erwähnt wurde. «Schliesslich haben wir 210'000 Mitarbeitende. Irgendeine Perspektive brauchen wir.» Er kritisiert vor allem, dass bislang die Mietfrage noch nicht geklärt ist. Für Ebneter steht fest, dass die Mieten um 90 Prozent herabgesetzt werden müssten. «Viele im Gastgewerbe sind wie gelähmt durch die Krise. Daher ist es nötig, dass der Bundesrat in Sachen Mieten dringend ein Machtwort spricht.»

Strenge Schutzmassnahmen für Beizer realistisch

Auch beim Verband GastroSuisse zeigt man sich enttäuscht. «Mit der Nicht-Kommunikation lässt uns der Bundesrat völlig im Ungewissen und ohne Perspektive», so Präsident Casimir Platzer. Für ihn wäre eine Lockerung des gastgewerblichen Stillstands unter Einhaltung strenger Schutzmassnahmen durchaus realistisch. Dem Bundesrat habe man einen Plan vorgelegt, der vorsehe, die Anzahl der Gäste pro Quadratmeter zu limitieren. Zudem brauche es einen Mindestabstand zwischen den Tischen und eine Schutzmaskenpflicht mindestens hinter den Kulissen. Im Service sollten nur dann Masken getragen werden, wenn die Distanzregeln nicht eingehalten werden könnten.

«Öffnung der Restaurants ist essentiell»

In der Politik gibt es kontroverse Stimmen zum bis auf weiteres bestehenden Beizen-Lockdown. Der Schaffhauser SVP-Nationalrat Thomas Hurter kritisiert den Entscheid des Bundesrats: «Ich begrüsse, dass wir einen Schritt Richtung Normalität machen. Dass aber Coiffeure und Tattoo-Studios zu den Ersten gehören, die öffnen dürfen, finde ich seltsam. Wir sprechen doch davon, dass wir die Wirtschaft wieder ankurbeln wollen?» Um das zu erreichen, sei die Gastrobranche genau so wichtig. Und: «Eine Öffnung der Restaurants ist auch deshalb essentiell, da sie eine wichtige soziale Funktion haben - natürlich alles mit den nötigen Schutzmassnahmen.»

«Ich verstehe den Ansatz des Bundesrats», sagt hingegen die St. Galler SP-Nationalrätin Claudia Friedl. «Beim Coiffeur betreut eine Person eine Kundin oder einen Kunden. Die Schutzmassnahmen sind dort gut umzusetzen.» In Restaurants sei es schwierig, die Anti-Corona-Regeln einzuhalten. «Die Abstandsregeln des Bundes sind in der Gastronomiebranche kaum umsetzbar, in die Beiz geht man ja gerade, um gesellig zusammenzusitzen.» Dennoch verstehe sie den Frust der Wirte und hofft auf baldige Lösungsansätze zusammen mit der Branche.

Bundesrat hat Sommer «auf dem Radar»

Bundesrat Alain Berset äusserte in einem Interview mit SRF sein Verständnis dafür, dass es für die Wirte hart sei, dass für ihre Branche noch keine genau Prognose vorliege. «Ja, das ist schon sehr schwierig», sagte er. Aber er sieht auch Probleme beim Einhalten der Distanzregeln in Restaurants. «Das ist nicht einfach umzusetzen in Restaurants und Bars. Wer hat Lust in einem Restaurant zu essen mit zwei Metern Abstand? Wer hat Lust, in einer Bar ein Bier zu trinken mit zwei Metern Abstand?»

Aber der Bundesrat habe entschieden, dieses Problem anzugehen, «und zu schauen, wo eine etappenweise Öffnung möglich ist», so Berset weiter. Seine Kollegin, Bundespräsidentin Sommaruga, machte den Wirten an der Exit-Pressekonferenz dann ebenfalls immerhin ein wenig Hoffnung: Im Sommer, wenn die Reisemöglichkeiten eingeschränkt seien, sei es sicher ein Bedürfnis, Restaurants besuchen zu können. «Das hat der Bundesrat auf dem Radar.»

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