Verwöhnte Kinder: «Bekommt er nicht, was er will, wird er zum Tier»

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Verwöhnte Kinder«Bekommt er nicht, was er will, wird er zum Tier»

Die Mutter eines 12-jährigen erzählt, wie ihr Sohn sie an den Rand der Verzweiflung treibt. Der Grund: Sie hatte ihn zu sehr verwöhnt.

von
Florian Meier
«Bekommt mein Sohn nicht, was er will, beschimpft er mich als blöde Kuh und rastet total aus». (Symbolbild) (Bild: Colourbox)

«Bekommt mein Sohn nicht, was er will, beschimpft er mich als blöde Kuh und rastet total aus». (Symbolbild) (Bild: Colourbox)

Frau S.*, wie würden Sie einem Fremden Ihren 12-jährigen Sohn beschreiben?

Eigentlich ist er ein süsser kleiner Junge, der niemandem etwas zuleide tun kann. Aber wenn er einmal nicht bekommt, was er will, wird er zum Tier und schreit mich so lange an, bis ich nachgebe.

Wie ist es so weit gekommen?

Ich habe meinem Sohn früher immer alles gekauft, was er wollte. Überall, wo wir hingingen, sah er etwas, das er unbedingt brauchte. Das waren Spielsachen, Heftli oder Süsswaren. Als er älter wurde, wollte er dann immer mehr und teurere Sachen wie beispielsweise Gameboys oder Legos.

Wieso haben Sie ihm all diese Dinge gekauft?

Zu Beginn dachte ich, ich tue ihm so einen Gefallen. Ich bin alleinerziehend. Mit all den Geschenken wollte ich ihm auch ein Stück weit den Vater ersetzen. Ich wollte einfach, dass mein Sohn eine schöne Kindheit hat und auf nichts verzichten muss. Das war ein grosser Fehler.

Wieso?

Irgendwann habe ich gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann und dass ich auch Grenzen ziehen muss – aber es war schon viel zu spät. Als ich begann, auch mal «Nein» zu sagen, rastete mein Sohn völlig aus. Er beschimpfte mich als «dumme Kuh» und hat mich sogar einmal ins Gesicht geschlagen. Ich war total ohnmächtig und wusste nicht mehr weiter.

Gelang es ihnen manchmal auch, konsequent zu bleiben?/b>

Wenn wir nur gestritten haben, konnte ich auch hart bleiben, ja. Aber mein Sohn entwickelte darauf immer schlimmere Strategien. Einmal erzählte er beispielsweise in der Schule, er werde zuhause missbraucht. Auch sagt er mir immer wieder, dass das Leben für ihn keinen Sinn mehr habe und er nicht mehr wisse, wozu er auf der Welt ist. Solche Dinge tun natürlich wahnsinnig weh und machen mir grosse Angst.

Kennen Sie auch andere Eltern, die ähnliche Probleme haben?

Natürlich, jede Menge. Die meisten von ihnen haben aber schon längst aufgegeben und erfüllen ihren Kindern einfach jeden Wunsch, damit sie Ruhe geben. Aber das ist auch für mich ein Problem. Denn mein Sohn will natürlich in sein und dazugehören. So kommt er oft von der Schule nach Hause und will neue Schuhe oder einen neuen Computer, einfach nur, weil die anderen das ja auch alles haben.

Und Sie geben weiter nach?

Natürlich nicht immer. Aber leider habe ich ihm, als er elf war, einen iPad gekauft. Das war mein grösster Fehler. Das Gerät habe ich zwar mittlerweile bei einem Streit aus dem Fenster geworfen, aber leider wurde mein Sohn total süchtig danach. Er begann dann, am Computer zu gamen und verbrachte teilweise 24 Stunden am PC. Heute versuche ich, seine Sucht dadurch einzudämmen, dass ich ihm nur noch zwei Stunden gamen pro Tag erlaube. Aber dabei konsequent zu bleiben, ist extrem schwierig. Er wird so oft aggressiv und beschimpft mich.

Überlegen Sie sich, Hilfe zu holen?

Ja, ich habe mich jetzt an einen Therapeuten gewandt und hoffe, dass das hilft. Alleine weiss ich nicht mehr weiter.

Was soll aus ihrem Jungen werden, wenn er grösser wird?

Ich hoffe sehr, dass er sich bessert. Wenn sich seine Wutausbrüche und die Gamesucht nicht verringern, sehe ich schwarz. Wie soll er so beispielsweise eine Lehrstelle finden?

Was würden Sie heute anders machen und was raten Sie werdenden Eltern?

Ich würde von Anfang an voll konsequent sein. Ein «Nein» muss ein «Nein» bleiben und ein «Ja» muss auch ein «Ja» bleiben. Ich bereue es heute sehr, dass ich das als Mutter nicht geschafft habe. Werdende Eltern müssen wissen, dass sie ihren Kindern keinen Gefallen tun, wenn sie sie verwöhnen, im Gegenteil.

*Name der Redaktion bekannt.

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