Belgien steht vor einem Scherbenhaufen
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Belgien steht vor einem Scherbenhaufen

Nach fast sechs Monaten zäher Verhandlungen über eine neue Regierung in Belgien hat der Christdemokrat Yves Leterme aufgegeben. Nun liegt die politische Zukunft des Landes wieder in den Händen des Königs.

Leterme informierte am Nachmittag König Albert II. in Brüssel darüber, dass er mit seinem Auftrag zur Bildung einer Mitte-rechts- Regierung gescheitert sei. Der König akzeptierte den Schritt des flämischen Politikers, wie das Königshaus mitteilte.

Der 47-jährige Flame Leterme hatte bereits im August das Handtuch geworfen, doch hatte ihn der König einen Monat später erneut mit der Regierungsbildung beauftragt. Albert II. kann nun nach einer Pause Leterme abermals beauftragen oder einen anderen Politiker mit der Aufgabe betrauen.

Scheitern an altem Streit

Seitdem Letermes flämische Christdemokraten am 10. Juni stärkste Kraft in Belgien wurden, ist das Land ohne neue Regierung - ein beispielloser Vorgang in der Geschichte des Königreichs. Die alte liberal-sozialistische Regierung von Ministerpräsident Guy Verhofstadt führt seither weiter die Geschäfte.

Die Verhandlungen über die Regierung scheiterten am alten Streit zwischen den niederländischsprachigen und frankophonen Kräften in Belgien. Leterme hatte von den vier Parteien, mit denen er über eine Regierung verhandelte, am Freitagabend ultimativ eine Entscheidung über Kernfragen der von ihm geplanten Staatsreform gefordert.

Die vier niederländischsprachigen und frankophonen Parteien der Christdemokraten und Liberalen legten jedoch nicht wie gefordert am Samstag ein klares Bekenntnis ab.

«Das ist nicht nur eine Regierungskrise, das ist eine nationale Krise, welche die staatlichen Strukturen beeinträchtigt», sagte ein frankophoner Abgeordneter.

Wallonen fühlen sich benachteiligt

Im Kern ging es bei der von Leterme angestrebten Reform darum, den Regionen in Belgien mehr Kompetenzen etwa in steuerlichen Fragen zuzubilligen - was die niederländischsprachigen Flamen im reicheren Norden des Landes befürworten, die französischsprachigen Belgier in der Hauptstadtregion Brüssel und in der Wallonie im Süden jedoch ablehnen.

Auch wollte Leterme die Möglichkeit eröffnen, dass die Verfassung im Parlament mit Zweidrittelmehrheit geändert werden kann, ohne dass es die sonst in föderalen Fragen üblichen Absprachen geben muss, die für ein Gleichgewicht zwischen den beiden Sprachengruppen sorgen.

Die Abgeordneten aus Flandern, das allein gut 60 Prozent der belgischen Bevölkerung ausmacht, stellen im Parlament entsprechend die Mehrheit.

Angesichts der grösser werdenden Kluft zwischen Flamen und frankophonen Belgiern halten manche im Land auch eine Spaltung des 1830 gegründeten Königreichs nicht mehr für ausgeschlossen. (sda)

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