Belgien vor Jahrhundertprozess
Aktualisiert

Belgien vor Jahrhundertprozess

In Belgien beginnt am Montag der Jahrhundertprozess gegen den Kinderschänder Marc Dutroux.

Der 47-Jährige muss sich vor dem Schwurgericht in Arlon wegen dreifachen Mordes sowie Entführung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung in sechs Fällen verantworten. Mitangeklagt sind Dutroux' Komplize Michel Lelièvre, seine Ex-Frau Michelle Martin sowie der Brüsseler Geschäftsmann Michel Nihoul. Dutroux wartet seit August 1996 auf seinen Prozess.

Der Fall um die Dutroux-Bande hatte Belgien in eine Staatskrise gestürzt, es kam zu Massenprotesten, zwei Minister mussten zurücktreten. Empört war die Bevölkerung vor allem wegen einer Pannenserie bei den Ermittlungen von Polizei und Justiz. Ein Untersuchungsausschuss des Parlaments kam sogar zu dem Schluss, dass die beiden achtjährigen Mädchen Julie und Melissa hätten gerettet werden können, wenn die Behörden sorgfältiger gearbeitet hätten.

Dutroux war wegen Vergewaltigung von fünf Mädchen bereits 1989 zu 13 Jahren Haft verurteilt worden, kam wegen guter Führung aber nach drei Jahren frei. Bei der Polizei war Dutroux also kein Unbekannter, als Julie und Melissa im Juni 1995 bei Lüttich verschleppt wurden. Die 17 Jahre alte An und die 19-jährige Eefje aus Hasselt wurden im August in Ostende entführt. Auf der Suche nach den Mädchen durchsuchte die Polizei im Dezember 1995 sogar eines der Häuser Dutroux'. Zu dieser Zeit wurden Julie und Melissa im Keller gefangen gehalten, die Beamten merkten jedoch nichts.

Im Mai 1996 wurde die zwölfjährige Sabine in der Nähe von Tournai verschleppt, im darauffolgenden August die 14 Jahre alte Laetitia in der belgischen Provinz Luxemburg. Ein Zeuge bemerkte am Tatort einen weissen Lieferwagen, der auf den Namen Dutroux angemeldet war. Am 13. August 1996 wurden Dutroux, Martin und Lelièvre verhaftet. Zwei Tage später wurden Sabine und Laetitia aus dem Keller von Dutroux' Haus bei Charleroi befreit. Am 17. August grub die Polizei auf dem Grundstück von Dutroux' Haus in Sars-la-Buissière die Leichen von Julie und Melissa sowie die des Dutroux-Freundes Bernard Weinstein aus. Am 3. September wurden die Leichen von An und Eefje gefunden.

Urteil in zwei bis drei Monaten erwartet

Den Mord an Weinstein hat Dutroux zugegeben. Angeklagt ist er auch wegen Mordes an An und Eefje, den er bestreitet. Wer für den Tod von Julie und Melissa verantwortlich ist, wurde nicht eindeutig festgestellt. Die Mädchen verhungerten. Lelièvre muss sich wegen Mordes an Eefje verantworten. Dutroux' Ex-Frau Martin wird Freiheitsberaubung von Julie, Melissa und An, dem Geschäftsmann Nihoul Entführung und Freiheitsberaubung von Laetitia vorgeworfen.

Nach den Festnahmen stellte sich die Frage, ob Dutroux alleine handelte oder im Auftrag und beschützt von hochgestellten Personen. Die Emotionen der Bevölkerung kochten hoch, nach dem der als Aufklärer geltende Untersuchungsrichter Jean-Marc Connerotte im Oktober 1996 wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen wurde. Die Proteste gipfelten am 20. Oktober in einem «Weissen Marsch» durch Brüssel mit 300.000 Teilnehmern. Letzter Höhepunkt der Affäre war der 23. April 1998, als Dutroux die Flucht gelang. Er wurde zwar schnell wieder festgenommen. Wegen der Panne mussten dennoch Justizminister Stefaan de Clerck und Innenminister Johan Vande Lanotte zurücktreten.

Ein Urteil wird in zwei bis drei Monaten erwartet. Am ersten Prozesstag werden zunächst die zwölf Geschworenen ausgewählt. Für die Verhandlung sind 1.340 Journalisten aus aller Welt akkreditiert. 330 Polizisten sollen für Ordnung in dem kleinen Städtchen an der Grenze zu Luxemburg sorgen. Die Prozesskosten belaufen sich auf rund 4,6 Millionen Euro. (dapd)

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