Japan: Benimm-Kampagne im Land der guten Manieren
Aktualisiert

JapanBenimm-Kampagne im Land der guten Manieren

In Japan verrohen die Sitten. Zumindest wenn man der Benimm-Kampagne der japanischen Bahngesellschaften glauben will. Grabschern, Dränglern und Zugaufspringern wird jetzt der Kampf angesagt.

Eine junge Frau biegt sich im Zugabteil mit einer Spezialzange die Augenwimpern nach oben. Ein junges Pärchen nascht genüsslich und denkt gar nicht daran, dem Mann mit dem Gipsbein Platz zu machen. Ein junger Mann lümmelt sich über zwei Sitzplätze und blättert breitbeinig in einem Buch.

Solch flegelhafte Szenen lassen sich in Japan beobachten - auf Postern. Sie sind Teil einer Kampagne japanischer Bahngesellschaften, mit der die Bürger zu gutem Benehmen angehalten werden sollen - zur Verwunderung manch durchreisender Ausländer. Denn gerade Japan ist ein Land, das solche Mahnungen eigentlich am allerwenigsten nötig zu haben scheint.

«Achtung, der Zug fährt ein, bitte treten Sie hinter die gelbe Linie», ertönt es auf dem Bahnhof Hiyoshi. Innerhalb markierter Umrandungen formieren sich Japaner brav zu drei geordneten Dreier- Reihen.

Weiss für die, die den nächsten Zug nehmen, daneben Rot für die, die den Zweiten abwarten und Gelb für alle, die den folgenden Zug nehmen. Wie überall sehen die Bahnsteige genauso blitzblank aus wie die Abteile.

Keine Schmierereien, keine zerkratzten Scheiben, nirgendwo Müll. Selbst wild gekleidete Punks kann man dabei beobachten, wie sie sich erst eine Zigarette anstecken, wenn sie in den ausgewiesenen Raucherzonen den Aschenbecher erreicht haben.

Regeln zunehmend missachtet

Doch es gibt Ausnahmen. Immer wieder kommt es vor, dass Japaner noch schnell ins Abteil springen, während die Zugtüren schon schliessen, obwohl ständig in Durchsagen und auf Postern davor gewarnt wird.

Auch gibt es immer wieder Leute, die sich an Fahrkartenschaltern vordrängeln. Viel schlimmer sind die «chikan», Grapscher in den chronisch überfüllten Zügen der Grossstädte. Damit solche Unsitten unterbleiben, appellieren die Bahnbetreiber auf bunten Postern daran, «manaa» zu bewahren - das Wort ist dem englischen «manner» entlehnt und bedeutet Benehmen oder Betragen.

«Wir hängen die Manaa-Schilder auf, damit die Leute selber darauf achten», erläutert Tatsuya Edakubo, Sprecher der Bahngesellschaft Tokyo Metro, den Sinn der allgegenwärtigen Hinweise für gutes Benehmen. Auch wenn die Passagiere ein Verhalten störe, spreche kaum einer den anderen an.

Stattdessen beschwerten sich die Leute beim Bahnbetreiber. «Wir bekommen schon Anrufe von unseren Kunden, die sich über verschiedene Verhaltensweisen anderer Fahrgäste beklagen», sagte Edakubo.

«Daher hängen wir diese Schilder auf, damit unsere Gäste angenehm mit der Bahn fahren können». Das seien auch keine Vorschriften, sondern nur Aufforderungen zu manaa und Aufmerksamkeit.

Mahnung per Lautsprecher

Neben den Postern werden die Japaner auch akustisch ständig zu korrektem Benehmen aufgefordert. «Eine Bitte an unsere Fahrgäste: Bitte schalten Sie Ihr Mobiltelefon im Bereich der Vorzugssitzplätze aus.

Schalten Sie die Geräte andernorts auf »manaa mode« und sehen Sie bitte von Telefongesprächen ab», dringt es aus den Abteillautsprechern. Dabei kommt es nur selten vor, dass jemand in Japan im Zug telefoniert. Und wenn, dann scheint es den «Tätern» so unangenehm zu sein, dass sie meist schnell die Hand davor halten.

Ob sich in Japan jemand höflich oder unhöflich verhält, hängt grundsätzlich von den Beteiligten und der sozialen Situation ab. Eine Voraussetzung ist, dass zwischen den Menschen eine Beziehung besteht, mag sie auch noch so flüchtig sein.

Wenn ein Autofahrer mit einem anderen Fahrer, der in seine Strasse biegen will, Augenkontakt hatte, wird er sich meist verpflichtet fühlen, dem anderen die Vorfahrt zu überlassen. Blickt er dagegen beharrlich geradeaus, will er eine «Beziehung» vermeiden, die ihn zu höflichem Verhalten zwingt.

Beim Bahnfahren scheinen die meisten Fahrgäste solche Beziehungen zu empfinden. Zumindest fallen - gemessen an den Millionen von Menschen, die jeden Tag in Japans Grossstädten wie Tokio die Bahnen benutzen - nur relativ wenige aus der Rolle.

«Bitte mach' das im Garten»

Aber genau an die richten sich die Bahnbetreiber mit ihren permanenten «manner»- Appellen. Am pfiffigsten ist eine Posterkampagne der Tokyo Metro. Eines der Poster zeigt in einer kleinen Bildserie eine Szene, wie man sie durchaus gelegentlich in Japan beobachten kann:

Ein Mann holt auf dem Bahnsteig mit einem Schirm zum Golfschlag aus. In dieser Szene ist der Schirm so nass, dass die Tropfen überall umherspritzen. Darüber der Titel: «Bitte mach' das im Garten».

Die Motive des beliebten Zeichners Bunpei Yorifuji wechseln jeden Monat. Takeshi Kuroda von der Bahngesellschaft Tokyu Dentetsu ist überzeugt, dass solche Hinweise etwas bringen. «Wir haben die Bitten immer über Lautsprecher durchgegeben. Seit zwei Jahren haben wir Werbeschilder, weil wir den Kunden entgegenkommen wollten, die sich beschweren», erzählt Kuroda.

«Wir merken schon den Effekt dieser Schilder. Beispielsweise bekommen wir weniger Anrufe von Kunden, die sich über Leute mit lauten Kopfhörern beschweren», sagt der Beamte.

(sda)

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