Prozess in Bozen: «Benno Neumair war für seine Eltern ein Kind zweiter Klasse»

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Prozess in Bozen«Benno Neumair war für seine Eltern ein Kind zweiter Klasse»

Vor einem Gericht in Bozen wurde die erste Verhandlungsphase im Prozess gegen Benno Neumair abgeschlossen. Der 31-Jährige wird beschuldigt, seine Eltern getötet zu haben. Das sind die wichtigsten Zeugenaussagen in den monatelangen Verhandlungen.

von
Karin Leuthold
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Benno Neumair steht seit rund sieben Monaten im italienischen Bozen vor Gericht.

Benno Neumair steht seit rund sieben Monaten im italienischen Bozen vor Gericht.

Screenshot VB33
Der 31-Jährige wird beschuldigt, am 4. Januar 2021 seine Eltern Laura Perselli und Peter Neumair kaltblütig getötet zu haben.

Der 31-Jährige wird beschuldigt, am 4. Januar 2021 seine Eltern Laura Perselli und Peter Neumair kaltblütig getötet zu haben.

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Der Fall sorgt in Italien für viel Aufmerksamkeit.

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Darum gehts

Im Prozess gegen Benno Neumair vor dem Landgericht in Bozen in Italien wurde am Dienstagabend die Verhandlungsphase abgeschlossen. Rund 100 Zeugen und Zeuginnen sowie zahlreiche Gutachter und Gutachterinnen sagten im Prozess aus.

Der 31-jährige Benno Neumair wird beschuldigt, am 4. Januar 2021 seine Eltern kaltblütig getötet zu haben. Danach soll der Sohn die Leichen seines Vaters Peter Neumair (63) und seiner Mutter Laura Perselli (68) in der Etsch entsorgt haben. Wochenlang versuchte er, die Polizei mit falschen Hinweisen zu täuschen. Erst als er sich von den Ermittlern und Ermittlerinnen in die Enge getrieben fühlte, gestand er die Tat

Ein Überblick der wichtigsten Aussagen vor Gericht:

Ex-Freundin Nadine Reiter

Die deutsche Pflegefachfrau erzählte den Geschworenen, dass sie Benno Neumair im September 2019 über Tinder kennen gelernt habe, kurz danach sei er aus Bozen zu ihr nach Neu-Ulm gezogen. Die ersten acht Wochen seien wunderschön gewesen – «dann verschlechterte sich unsere Beziehung», sagte Reiter. 

Ihr Freund habe an Stimmungsschwankungen, Schlaf- und Essstörungen gelitten. Zudem habe sie merkwürdige Geldbewegungen auf ihrem Bankkonto entdeckt. Nach einem heftigen Streit ging das Paar auseinander, doch die Eltern ihres Freundes sollen Reiter gebeten haben, es mit Benno «noch einmal zu versuchen».

Zwei Tage später kam es zu einem schweren Vorfall: Nadine Reiter entdeckte Benno im Badezimmer, wie er ein Messer in der Hand hielt, die Spitze gegen sein Gesicht gerichtet. Die Freundin konnte Bennos Mutter alarmieren, die die Polizei rief. Wenig später wurde der Mann zwangsweise in eine psychiatrische Abteilung eingewiesen.

Bennos Schwester Madè Neumair

Madè Neumair, die seit einigen Jahren in München wohnt, hatte sofort den Verdacht, dass ihr Bruder hinter dem Verschwinden der Eltern stecken würde. Doch Benno habe ihr gegenüber widersprüchliche Angaben gemacht. Madè begann daraufhin, die Telefonate mit Benno aufzuzeichnen. In den Gesprächen sei ihr bald klar geworden, dass ihr Bruder lüge. Die Tonaufnahmen wurden im Gerichtssaal vorgespielt.

Zwei Tage nach der Tat sei sie nach Bozen gereist. «Ich hatte das Gefühl, dass mit Mama und Papa irgendwas Schlimmes passiert sein muss. Und ich vermute, dass mein Bruder dahinter stecken könnte», hatte die Ärztin der Polizei damals gesagt. Misstrauisch sei sie erst dann geworden, als Benno behauptete, ausgerechnet in der Tatnacht nicht zu Hause geschlafen zu haben. Dies, so die Aussage der Schwester, hatte er «höchstens einmal getan».

Zudem fand sie es komisch, dass er das Auto der Eltern fuhr, zumal ihm das Laura Perselli verboten hatte.
Madè Neumair erzählte vor Gericht, dass ihr Bruder im Fitnesszentrum trainiert und Substanzen zum Muskelaufbau zu sich genommen habe. «Sie veränderten seine Persönlichkeit stark», sagte die Schwester. Nach der Entlassung aus der psychiatrischen Klinik habe Benno eine schlimme Phase gehabt, ihre Eltern wollten ihrem Sohn helfen – und nahmen ihn wieder bei sich auf, sagte sie.

Psychiatrische Gutachter

Benno Neumair ist gesellschaftlich gefährlich – zu diesem Schluss kamen drei Gutachter, die von den Anwälten des Angeklagten bestellt worden waren. Die Tötung der Eltern sowie eine gewalttätige Auseinandersetzung im Gefängnis, die der Mann mit einem Häftling hatte, bestätigen «eine potenziell gefährliche Aggressivität» des Angeklagten.

Bereits zuvor hatten Psychiater und Psychiaterinnen Benno Neumair eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. 

Eine psychiatrische Gutachterin beschrieb Benno Neumair als «extrem manipulativ». Bei der Tötung seiner Eltern sei der Angeklagte «voll zurechnungsfähig» gewesen, meinte die Expertin. Sie schloss eine Handlung im Affekt aus. Benno Neumair habe seine Tat nie bereut.

Benno Neumair

Anfang September sagte Benno Neumair vor Gericht aus. «Ich habe versucht, alles zu vergessen», so der wegen zweifachen Mordes angeklagte Mann. Zum Tathergang wollte er sich nicht äussern. Er erzählte nur, dass er am Nachmittag vor der Tötung seiner Eltern krank gewesen sei, dass er in den vergangenen Tagen kaum geschlafen und sich mit seinem Vater hin und wieder über Geldangelegenheiten gestritten hatte. 

Elisabetta Perselli, die Tante von Benno Neumair

Die Tante des Angeklagten sagte vor Gericht, sie habe nach dem Verschwinden ihrer Schwester und ihres Schwagers keinen Verdacht geschöpft, dass ihr Neffe dafür verantwortlich sein könnte, da er sich nach ihrem Wissen noch nie aggressiv verhalten hätte. «Ich traf Benno eines Tages und bemerkte, dass er Haifisch-ähnliche Augen hatte. Unbeweglich und ausdruckslos, die keine Emotionen vermittelten. Das hat mich sehr beeindruckt.»

Elisabetta hat auch Benno im Gefängnis besucht: «Meiner Meinung nach ist er ein verzweifelter Mann», sagte sie. Bei ihrer Aussage erwähnte die Frau auch das manchmal problematische Verhältnis zu ihrer Schwester: «Laura hatte einen schwierigen Charakter», so Elisabetta.

Jugendfreund von Laura Perselli

Am letzten Verhandlungstag sagte ein Jugendfreund von Laura Perselli, der Mutter von Benno Neumair, aus. «Laura hielt Benno für einen Sohn zweiter Klasse, während Madè ein Kind erster Klasse war.» Die Eltern sollen zwischen Benno und Madè grosse Unterschiede gemacht haben. «Ich habe Laura offen gesagt: ‹Denk daran, dass du auch ein anderes Kind hast, nicht nur Madè›», zitiert das Portal «Alto Adige» den Zeugen.

Urteil rund um den 19. November verkündet

Im Mittelpunkt des Prozesses steht die Frage nach Benno Neumairs Zurechnungsfähigkeit. Das Strafmass wird wesentlich davon abhängen. Das Verfahren wird vom 17. bis 19. November fortgesetzt. Dann wird das Urteil erwartet.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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