Wahlen in Italien: «Beppe Grillo bringt alles durcheinander»

Aktualisiert

Wahlen in Italien«Beppe Grillo bringt alles durcheinander»

Alle reden von Silvio Berlusconi. Für Autor Dante Andrea Franzetti aber ist Komiker Beppe Grillo das wahre Problem bei den Wahlen in Italien. Er hofft auf einen Sieg der Vernunft.

von
Peter Blunschi
Der Komiker Beppe Grillo und seine Bewegung sind die grosse Unbekannte bei den Wahlen am Wochenende in Italien.

Der Komiker Beppe Grillo und seine Bewegung sind die grosse Unbekannte bei den Wahlen am Wochenende in Italien.

Vor eineinhalb Jahren schien Silvio Berlusconi erledigt. Jetzt feiert er im Wahlkampf ein Comeback. Hat er reelle Chancen, noch einmal an die Macht zu kommen?

Franzetti: Eigentlich nicht, aber die Lage ist unübersichtlich. Seit dem 9. Februar werden keine Umfragen mehr veröffentlicht. Damals waren noch rund 30 Prozent der Wähler unentschlossen. Ausserdem gibt es keine klare Wahl mehr zwischen links und rechts. Der Komiker Beppe Grillo und seine Protestpartei Movimento 5 Stelle bringen alles durcheinander. Hinzu kommt das komplizierte Wahlgesetz, das die Bildung von klaren Mehrheiten erschwert. Da kann einiges passieren. Es sind die spannendsten Wahlen in Italien seit Jahrzehnten.

Im Rest Europas fragt man sich, warum die Italiener immer noch auf Berlusconi hereinfallen.

Ich bin selber ein Stück weit ratlos. Aber man darf seine Medienmacht nicht unterschätzen, er kontrolliert rund 50 Prozent des italienischen Medienmarktes. Auch bei der öffentlich-rechtlichen RAI ist sein Einfluss noch immer spürbar. Und die Leute vergessen schnell, besonders in der heutigen Zeit, wo sie mit Informationen bombardiert werden. Ausserdem besitzt die heutige Wirtschaft eine derartige Komplexität, dass vielen gar nicht klar ist, wie sehr Berlusconi mitschuldig ist an den hohen Zinsen und der wirtschaftlichen Misere. Lieber hören sie auf seine Verschwörungstheorien über die Deutschen und die EU.

Seine gebrochenen Versprechen und seine Skandale spielen keine Rolle?

Wenn man die italienischen Zeitungen liest, erfährt man fast täglich von neuen Skandalen. Davon sind alle politischen Lager betroffen. Man sieht das anhand des derzeit aktuellen Skandals um die Misswirtschaft bei der Bank Monte dei Paschi in Siena, der ältesten Bank der Welt. Ihr Kontrollorgan ist von der Linken dominiert. Dies ist ein wichtiges Argument von Silvio Berlusconi: Alle sind gleich korrupt, ich bin keine Ausnahme.

Selbst Italiener sagen, Berlusconi sei ein Spiegelbild des ganzen Landes.

Zum Teil trifft das zu. Steuerbetrug ist in der Mentalität der Bevölkerung verankert.

Ein grosses Thema im Wahlkampf ist die Immobiliensteuer, die vom derzeitigen Regierungschef Mario Monti eingeführt wurde.

Sie betrifft die Italiener stark. 75 Prozent besitzen ein Eigenheim, und für die neue Steuer geht ihr 13. Monatslohn drauf. Berlusconis ganzer Wahlkampf ist auf diesem Thema aufgebaut. Er verspricht, die Steuer zurückzuzahlen, und hat in den letzten Tagen sogar Formulare verschickt, die wie ein Scheck aussehen. Viele Wähler glauben daran, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass er im Fall eines Wahlsiegs sein Versprechen halten wird.

Ist die Angst der Europäer vor Berlusconi übertrieben?

Die Europäische Union hat Italien ein relativ enges Korsett verpasst. Auch Berlusconi muss sich daran halten. Ein richtiges, seriöses Programm hat er ohnehin nicht. Das haben nur Monti und der linke Partito Democratico (PD) von Pier Luigi Bersani.

Was ist mit Beppe Grillo?

Auch er hat kein Programm, oder höchstens ein unrealistisches, wie die Abschaffung des Euro und die Rückkehr zur Lira. Grillo verkörpert die Fundamentalopposition gegen das System, er will den Staat neu gründen. Für viele Italiener hat das emotional eine gewisse Plausibilität, wenn man an die erwähnten Skandale denkt.

Wird er so gut abschneiden, wie die Umfragen andeuten?

Das ist die grosse Frage. Er zieht viele Berlusconi-Wähler an, die vom Cavaliere enttäuscht sind. Aber Grillos Profil bleibt diffus. Vieles erinnert an die Piratenpartei in Deutschland. Die Kandidaten seiner Bewegung sind vollkommen unbekannt. Ausserdem tritt Grillo kaum im Fernsehen auf. Er kommuniziert in erster Linie via Internet und öffentliche Auftritte.

Zu denen Zehntausende pilgern.

Ja, aber viele kommen nicht, um den Politiker zu sehen, sondern den Komiker.

Könnte es sein, dass die Italiener am Ende davor zurückschrecken werden, einen solchen Politclown zu wählen?

Die Frage ist, wie mündig die Bürger sind. In Griechenland haben sie trotz der Frustration über die harte Sparpolitik ziemlich vernünftig gewählt. Ich hoffe, dass die Italiener auch so denken. Wenn es kritisch wurde, haben sie schon in der Vergangenheit immer einen Weg gefunden. Als sich die Eurokrise zuspitzte, zauberten sie Mario Monti aus dem Hut. Die Italiener haben auch nie so unseriös gewirtschaftet wie die Griechen und die Spanier, die viel Geld von der EU erhielten und es fast nur in unproduktive Bauprojekte investiert haben.

Kann man also doch auf eine stabile Regierung hoffen?

Ich denke, es wird eine stabile Mitte-links-Regierung geben. Aber sicher bin ich mir nicht.

Dante Andrea Franzetti

Der 53-jährige Schriftsteller und Journalist Dante Andrea Franzetti ist Sohn eines Italieners und einer Schweizerin. Von 1994 bis 1998 war er Italienkorrespondent des «Tages-Anzeigers». Zuletzt veröffentlichte er im Lenos-Verlag das Buch «Zurück nach Rom», eine persönliche Sicht auf die italienische Hauptstadt. Franzetti lebt in Zürich und Rom.

Zersplitterte Parteienlandschaft

Am 24. und 25. Februar finden in Italien vorgezogene Parlamentswahlen statt. Die Parteienlandschaft ist traditionell zersplittert. Dieses Mal kämpfen vier grosse Bündnisse und Bewegungen um die Stimmen der Wähler. Das Mitte-Links-Bündnis um Spitzenkandidat Pier Luigi Bersani liegt den letzten Umfragen zufolge an der Spitze. Das von Silvio Berlusconi angeführte konservative Lager holte jedoch deutlich auf. Gleiches gilt für die populistische Internet-Protestbewegung «Movimento 5 Stelle» (Bewegung fünf Sterne) des Komikers und Internetaktivisten Beppe Grillo. Sie kam zuletzt auf bis zu 18 Prozent der Stimmen und könnte damit als drittstärkste Kraft ins Parlament einziehen. Der Zentrumsblock des scheidenden Ministerpräsidenten Mario Monti ist hingegen an die vierte Stelle abgerutscht. Auf den Wirtschaftsprofessor setzen Brüssel und die Märkte.

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