Seit Lockdown-EndeÜbergriffe auf Frauen im Ausgang nehmen zu
Seit dem Ende des Lockdowns im Juni sind die Erstberatungen massiv angestiegen. Hat die neu erlangte Freiheit durch die Lockerungen einen Einfluss?
- von
- Céline Krapf
Darum gehts
- Die Anzahl Beratungen von Frauen wegen sexueller Gewalt im Kanton Zürich haben im Juni massiv zugenommen.
- Vermutet wird ein Zusammenhang mit den Lockerungen.
- Die Täter sind meist Bekannte, die Übergriffe fanden zu einem grossen Teil im oder nach dem Ausgang statt.
Die Frauenberatung in Zürich schlägt Alarm: Die Anzahl Hilfesuchender wegen sexueller Gewalt schnellte im Juni massiv in die Höhe. Mehr als doppelt so viele Personen suchten bei der Frauenberatung sexuelle Gewalt um Rat.
Und der Trend hält an: Im Juli verzeichnete die Beratungsstelle bereits über 20 Erstberatungen. «Normalerweise haben wir so viele in einem Monat», sagt Geschäftsleiterin Corina Elmer. «Gemeldet haben sich in erster Linie Opfer, die von schweren Gewalttaten wie Vergewaltigung, Nötigung oder Schändung betroffen waren.»
Die Tendenz zeigt sich auch beim Frauen-Nottelefon in Winterthur, einer Beratungsstelle für Opfer von sexueller und häuslicher Gewalt. Auch hier wurde im Juni im Vergleich zum Vorjahr nahezu eine Verdopplung der Fälle festgestellt.
Täter sind meist Bekannte
Gründe für den Anstieg können die Beratungsstellen nur erahnen. «Die Mehrheit der uns gemeldeten Fälle nach dem Lockdown ist im oder nach dem Ausgang passiert», sagt Corina Elmer, Sprecherin der Frauenberatung in Zürich. «Wir können uns vorstellen, dass die Menschen nach dieser langen Zeit ohne Partys ausufernder Feiern. Damit steigt die Bereitschaft Grenzen zu verletzen.» Dies könne dazu führen, dass vermehrt sexuelle Gewalt ausgeübt werde. Vielfach würden sich Delinquent und Opfer kennen: «Die Täter sind meistens Bekannte.»
Weiter vermutet Elmer einen Zusammenhang mit der Sperrstunde: «Statt im Club zu bleiben, muss man weiterziehen – und geht zu früher Stunde dann wohl eher mit jemandem nach Hause.» Zudem seien bei einzelnen Fällen neben dem Einfluss von Alkohol auch K.O.-Tropfen im Spiel.
«Die Freiheit, wieder rauszugehen und sich gemeinsam zu amüsieren, kann einen Einfluss haben», sagt Dirk Baier vom Institut für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule ZHAW. «Man begibt sich jetzt wieder eher in Risikosituationen, bei denen sexuelle Gewalt stattfinden kann.»
Ein Stadt-Phänomen?
Die wieder erlangten Freiheiten könnten aber auch einen positiven Einfluss haben auf die generelle Meldebereitschaft: «Durch die Lockerungen kann das soziale Umfeld wieder eine beratende Rolle einnehmen und Frauen können sich gegenseitig ermutigen oder unterstützen, wenn es darum geht Vorfälle zu melden», sagt Baier.
Nicht alle Regionen spüren eine Veränderung: So ist beispielsweise in ländlichen Regionen wie im Thurgau, St.Gallen oder Chur keine Tendenz zu mehr sexueller Gewalt auszumachen, wie die regionale Beratungsstelle auf Anfrage von 20 Minuten angeben. Das heisst aber nicht, dass sexuelle Gewalt in ländlichen gebieten nicht zugenommen habe, sagt Baier: «Es kann auch an regionalen Unterschieden liegen, wie beispielsweise der Datenerhebung in der Beratung.»


