Heftige Reaktionen: Bergün will Fotografier-Verbot wieder aufheben
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Heftige ReaktionenBergün will Fotografier-Verbot wieder aufheben

Dass man in Bergün nicht mehr fotografieren darf, stösst viele vor den Kopf. Doch bald ist das Verbot Geschichte: An der nächsten Gemeindeversammlung soll es aufgehoben werden.

von
lüs
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«Herzliches Fotografierverbot»: Ab heute sind in Bergün diese Hinweistafeln aufgestellt.

«Herzliches Fotografierverbot»: Ab heute sind in Bergün diese Hinweistafeln aufgestellt.

kein Anbieter/zvg
Nur zwei Stimmbürger waren dagegen: Die Bergüner Gemeindeversammlung mit Gemeindepräsident Peter Nicolay (im blauen Hemd) nach der Abstimmung.

Nur zwei Stimmbürger waren dagegen: Die Bergüner Gemeindeversammlung mit Gemeindepräsident Peter Nicolay (im blauen Hemd) nach der Abstimmung.

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Bergün nennt sich selber Bahndorf: Die Albulalinie der Rhätischen Bahn verläuft oberhalb des Dorfes. Die Albulabahn ist seit 2008 Teil des Unesco-Weltkulturerbes.

Bergün nennt sich selber Bahndorf: Die Albulalinie der Rhätischen Bahn verläuft oberhalb des Dorfes. Die Albulabahn ist seit 2008 Teil des Unesco-Weltkulturerbes.

Keystone/Martin Rüetschi

Beinahe einstimmig hat die Gemeindeversammlung von Bergün beschlossen, das Fotografieren im Dorf zu verbieten. Seit Dienstag ist das Verbot in Kraft, Verstösse sollen mit einer Busse von 5 Franken geahndet werden.

Das kostet den Ferienort Gäste. Thomas Müller aus Frankfurt (D), der im Herbst einen Aufenthalt mit 12 Personen in Bergün geplant hatte, sagt zu 20 Minuten, seine Gruppe werde nun doch nicht ins Bündner Bergdorf reisen, sondern nach Meiringen. Und dies, obwohl man ihm bei der Gemeindekanzlei von Bergün versichert habe, dass man es mit der Busse von 5 Franken «nicht so ernst nehmen» werde. Finanziell entgehe Bergün durch die Absage einiges: «Wir hätten 15'000 Franken Umsatz gebracht», sagt der empörte Deutsche.

«Auch positive Rückmeldungen»

Peter Nicolay, Gemeindepräsident von Bergün, bestätigt auf Anfrage, das das Fotografierverbot teilweise heftige Reaktionen ausgelöst habe. Zur Absage aus Deutschland sagt er jedoch, hier handle es sich um einen «Einzelfall». Nicolay: «Ich habe mit den Hoteliers unseres Dorfs gesprochen, sie sagen, es gebe kein Problem mit Stornierungen.» Und Nicolay betont: «Es gab durchaus auch sehr positive Rückmeldungen.»

Zu einem Anstieg der Nachfrage nach Ferien in Bergün haben die weltweiten Schlagzeilen über das Fotografierverbot bisher allerdings nicht geführt, wie der Gemeindepräsident einräumt.

Gesetz verletzt laut Experte die Verfassung

Wenig übrig für das Verbot haben auch die 20-Minuten-Leser: Bei einer Umfrage mit über 2000 Teilnehmern gaben 81 Prozent an, sie hielten es für eine «Frechheit».

Gegen das Gesetz sprechen auch verfassungsrechtliche Überlegungen. Rainer Schweizer, emeritierter Rechtsprofessor der Universität St. Gallen, sagt auf Anfrage: «Der Beschluss der Gemeindeversammlung scheint mir verfassungswidrig zu sein, weil er, ohne dass ein besonderes öffentliches Interesse dies rechtfertigen würde, die Informationsfreiheit bezüglich allgemein zugänglicher Informationen unverhältnismässig einschränkt.»

Aufhebung des Verbots geplant

Bald jedoch wird das Verbot wieder Geschichte sein: Bergün will das entsprechende Gesetz an der nächsten Gemeindeversammlung wieder aufheben. Dies steht in der Antwort, die die Gemeindekanzlei Bergün am Donnerstag an eine Person verschickt hat, die sich über das Fotografierverbot beschwerte.

Weiter heisst es in dem Mail, das 20 Minuten vorliegt: «Die Reaktionen haben gezeigt, dass niemand auf die schönen Fotos von Bergün verzichten möchte.»

«Marketingaktion mit einer grossen Prise Humor»

Begründet worden war das Verbot damit, dass Menschen, die gerade nicht im schönen Bergdorf weilen, von in den Sozialen Medien geposteten Fotos aus Bergün nicht unglücklich gemacht werde sollen. Orchestriert wurde die Aktion von der Zürcher Werbeagentur Jung von Matt/Limmat. Im Mail der Gemeinde heisst es: «Beim Fotografierverbot handelt es sich um eine Marketingaktion mit einer grossen Prise Humor.»

In einer Medienmitteilung bestätigte die Gemeinde am Donnerstagabend, dass das Verbot wieder aufgehoben werden soll. Bereits ab sofort erteile man allen einen Sonderbewilligung, in Bergün Bilder zu schiessen. Hinter dem Fotografierverbot steht neben der Gemeinde auch die Organisation Graubünden Ferien.Deren CEO Martin Vincenz sagt: «Das Interesse an Bergün ist riesig und wir sind vom Erfolg überwältigt.» Millionen Menschen auf der ganzen Welt sei Bergün durch die Aktion ein Begriff geworden.

Das sagt Gemeindepräsident Peter Nicolay im Video zum Marketing-Gag:

Bergüns Gemeindepräsident zur Aktion

Bergün hebt das Fotografierverbot in der Gemeinde wieder auf. Der Gemeindepräsident äussert sich im Video.

Video: Bergün/Graubünden Ferien

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