Berlin: Hohe Strafe für türkischen «Ehrenmörder»
Aktualisiert

Berlin: Hohe Strafe für türkischen «Ehrenmörder»

Für die Ermordung seiner Schwester (Bild) hat das Berliner Landgericht einen jungen Türken zu einer Haftstrafe von neun Jahren und drei Monaten verurteilt. Das Strafmass liegt knapp unter der Höchststrafe für Minderjährige.

Die beiden älteren der drei angeklagten türkischen Brüder wurden am Donnerstag mangels eindeutiger Beweise vom Vorwurf des gemeinschaftlich begangenen Mordes freigesprochen. Gegen das Urteil ist Revision möglich.

Die zwei Freisprüche wurden im Zuschauerraum des Kriminalgerichts Moabit mit lautem Jubel kommentiert. Die Verwicklung der beiden älteren, 25 und 26 Jahre alten Brüder in die Tat habe nicht zweifelsfrei bewiesen werden können, erklärte das Gericht in seiner Urteilsbegründung. Die Aussagen der einzigen Hauptbelastungszeugin seien bruchstückhaft und überwiegend nur vom Hörensagen, sagte der Vorsitzende Richter Michael Degreif. Die Staatsanwaltschaft hatte für beide lebenslange Haftstrafen gefordert.

Dagegen sei die Schuld des jüngsten, heute 20 Jahre alten Bruders klar bewiesen, erklärte Degreif. Er habe am 7. Februar 2005 seine 23-jährige Schwester mit drei Schüssen in den Kopf - davon zwei aus kurzer Distanz - ermordet, weil ihm ihr Lebensstil nicht gefallen habe. Er habe ein Geständnis abgelegt, es gebe entsprechende Zeugenaussagen. Das Gericht stellte die Schwere der Schuld und schädliche Neigungen fest. Da der Angeklagte zum Tatzeitpunkt erst 18 Jahre alt war, sei er nach Jugendstrafrecht zu verurteilen.

Dem Neffen die Mutter genommen

Die Höchststrafe für diesen Mord hätte zehn Jahre betragen. Die Abweichung nach unten erklärte das Gericht mit der langen Untersuchungshaft und dem Geständnis, das allerdings vor dem Hintergrund einer sehr guten und konkreten Beweislast zu sehen sei. Ausserdem habe der Angeklagte Reue gezeigt, er stehe «mit der Aufarbeitung seiner Tat aber noch sehr, sehr am Anfang», sagte Degreif.

Eine verminderte Schuldfähigkeit könne nicht angenommen werden. «Man muss dann auch sagen, dass er an diesem Abend eiskalt vorgegangen ist», sagte der Richter. Der Bruder habe ausserdem «in vollem Bewusstsein» einem kleinen Kind, seinem Neffen, die Mutter genommen. Die Tat habe durchaus Hinrichtungscharakter gehabt. Die Staatsanwaltschaft hatte für den jüngsten Bruder neun Jahre und acht Monate Freiheitsstrafe, sein Anwalt ein Strafmass deutlich darunter gefordert.

Zunächst war gemutmasst worden, ein Familienrat habe die Ermordung der Schwester angeordnet. Dies und auch ein religiöser Hintergrund der Tat habe nicht bewiesen werden können, erklärte das Gericht.

Der als «Ehrenmord» titulierte Fall hatte bundesweit Aufsehen erregt und und zu einer kontroversen Debatte unter anderem über Zwangsheirat und Integration von Ausländern geführt.

Berlins Innensenator Ehrhart Körting erklärte vor der Urteilsverkündung, er sehe Fortschritte beim Kampf gegen häusliche Gewalt. Inzwischen zeigten bei derartigen Taten viele türkische Frauen ihre Männer an, sagte der SPD-Politiker im ZDF-»Morgenmagazin». «Ich glaube schon, dass wir einen Mentalitätswechsel haben, aber er dauert.» (dapd)

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