Sexskandale: Berlusconi fühlt sich von Mafia verfolgt
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SexskandaleBerlusconi fühlt sich von Mafia verfolgt

Nach den jüngsten Sexskandalen geht der italienische Ministerpräsident in die Offensive: Er sieht sich als Opfer finsterer Mächte und droht mit Neuwahlen.

von
pbl

«Niemand kann ausschliessen, dass gewisse Ereignisse nicht die Frucht einer Venedetta der Unterwelt sind», sagte der 74-jährige Regierungschef am Donnerstag bei einer Sitzung seiner Partei Volk der Freiheit (PDL) in Rom. Damit spielte Berlusconi offenkundig auf die jüngsten Erfolge im Kampf gegen das organisierte Verbrechen an: Allein in den letzten Tagen wurden Dutzende mutmasslicher Mafiosi in Sizilien, Neapel und Apulien verhaftet.

Mit dem Begriff «Ereignisse» wiederum sind die immer neuen Enthüllungen über angeblich wilde Partys mit jungen Frauen gemeint. Nach den Schlagzeilen über seine Kontakte zu der damals 17-jährigen Marokkanerin «Ruby» geht es jetzt um ein Callgirl, das zweimal Sex mit dem Ministerpräsidenten gehabt und dafür 10 000 Euro kassiert haben will. Die 28-jährige Nadia Macrì soll auch von Drogenkonsum während der Partys berichtet haben.

«Finianer» drohen Regierung mit Sturz

Zwei Abgeordnete, Daniele Toto und Roberto Rosso, haben die Konsequenzen gezogen und Berlusconis «Volk der Freiheit» verlassen. Sie schlossen sich Parlamentspräsident Gianfranco Fini an, der sich im Juli von Berlusconi losgesagt hatte. Damit steigt die Zahl der Fini-Anhänger in der Abgeordnetenkammer auf 37. Sie nehmen am Wochenende in Perugia an einem Nationalkonvent teil, um über die Gründung einer neuen Partei zu diskutieren.

Vorgestellt wird dort erstmals das Logo der neuen Rechts-Gruppierung. Auch die künftige Strategie nach den neuen Skandalen, die Silvio Berlusconis Privatleben betreffen, wollen die Fini-Vertrauten in Perugia besprechen. Der Sprecher der «Finianer», Italo Bocchino, schloss nicht aus, dass seine Fraktion der Regierung das Vertrauen entziehen könnte, was zum Sturz des Kabinetts führen würde.

Kein Verfahren gegen Berlusconi

Der Regierungschef gab sich am Donnerstag kampflustig: «Wir sind bereit, den Fehdehandschuh aufzunehmen und Neuwahlen durchzuführen.» Dabei verlässt sich Berlusconi darauf, dass es trotz der jüngsten Skandale keine glaubwürdige Alternative gibt: Gianfranco Finis Basis ist noch schmal und die linke Opposition schwach. Auch Wirtschaftskreise warnen angesichts des fragilen Aufschwungs in Italien vor Neuwahlen.

«Berlusconi hat es ziemlich einfach», sagte James Walston von der American University in Rom dem «Guardian», «die Leute ausserhalb Italiens verstehen nicht, dass er immer noch aussergewöhnlich stark ist.» Juristisch hat der in zahlreiche Verfahren verwickelte Premier vorerst nichts zu befürchten: Am Donnerstag erklärte die Staatsanwaltschaft Mailand, es gebe keine Hinweise, wonach der Ministerpräsident im Fall «Ruby» sein Amt missbraucht habe. (pbl/sda)

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