Erpresser-Telefonate: Berlusconi schimpft über sein «Scheissland»
Aktualisiert

Erpresser-TelefonateBerlusconi schimpft über sein «Scheissland»

«Ein Scheissland, bei dem ich kotzen könnte»: Das hält Silvio Berlusconi von seinem Italien. Die Aussage stammt aus einem abgehörten Telefonat – und könnte seine Beliebtheit rapide sinken lassen.

von
ast

Wegen mutmasslicher Erpressung des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi hat die italiensche Polizei am Donnerstag zwei Personen festgenommen. Der Geschäftsmann Giampaolo Tarantini hatte eingeräumt, Prostituierte für Partys im Anwesen des Politikers engagiert zu haben. Nun wird er verdächtigt, Schweigegeld für seine Kooperation bei laufenden Ermittlungen gefordert zu haben. Tarantini wurde gemeinsam mit seiner Ehefrau Angela Devenuto in Rom verhaftet, wie die Polizei in Neapel mitteilte.

Nach einer dritten Person wird noch gefahndet. Dabei handelt es sich allem Anschein nach um Valter Lavitola, den Herausgeber einer Online-Zeitung. Lavitola hält sich gemäss Medienberichten im Ausland auf. Er soll als Mittelsmann die Zahlungen von Berlusconi an Tarantini vermittelt und die regelmässigen Transfers sichergestellt haben.

Berlusconi zahlte Schweigegeld

Tarantini soll von Berlusconi eine halbe Million Euro für Falschaussagen über Callgirls kassiert haben, die in seiner römischen Residenz Palazzo Grazioli verkehrten. Zudem soll er monatlich weitere Summen vom Premier erhalten haben. Laut der Zeitschrift «Panorama» floss das Geld, damit Tarantini Ermittlern gegenüber glaubhaft machte, Berlusconi habe nichts von Zahlungen an die Frauen gewusst. Denn wenn Geld im Spiel ist, wären es keine peinlichen Ausschweifungen mehr, sondern mit «Förderung der Prostitution» in Italien ein Straftatbestand.

Gegen Berlusconi wird nicht ermittelt - denn die Polizei sieht den Ministerpräsidenten als Erpressungsopfer. Und jetzt wirds kurios: Berlusconi selbst bestreitet die Zahlungen nicht. Er will allerdings nicht erpresst worden sein, sondern die Zahlungen aus purer Menschenliebe getätigt haben. «Ich habe eine Familie mit Kindern unterstützt, die sich in einer schwierigen finanziellen Situation befand», wurde Berlusconi in der «Panorama» zitiert. «Ich habe einem verzweifelten Mann geholfen, ohne irgendetwas im Gegenzug zu erwarten.»

Berlusconi findet Italien ein «Scheissland» - nicht zum ersten Mal

Die Vorwürfe der Ermittler basieren auf abgehörten Telefongesprächen. Und die haben es in sich: Italienische Tageszeitungen zitieren für Berlusconi unvorteilhafte Passagen. «Ich bin völlig transparent und sauber, in allem, was ich mache. Man kann mir nichts vorwerfen. Die Leute können sagen, dass ich vögle. Das ist das Einzige. In ein paar Monate werde ich fortgehen und mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern. Ich verlasse dieses Scheissland, bei dem ich kotzen könnte», soll Berlusconi gegenüber Lavitola gesagt haben.

Dabei ist das nicht der erste verbale Ausrutscher des Cavaliere: Bereits im Juni 2011 hatte er in einem Interview mit der renommierten italienischen Tageszeitung «La Stampa» gegen seine Heimat geschimpft. «Man könnte Lust bekommen, Italien zu verlassen. Gäbe es meine Kinder nicht, hätte ich schon längst alles verkauft und wäre weg», wurde Berlusconi damals zitiert.

Sollten sich nun die jüngsten Berichte bewahrheiten, könnten Berlusconis sinkende Beliebtheitswerte noch stärker ins Rutschen geraten. Der «Cavaliere» bestätigte seine Wortwahl indirekt: «Das ist eine dieser Sachen, wie man sie spätabends am Telefon so sagt, wohl in einem entspannten Augenblick und mit einem Lächeln», wird der 74-Jährige gegenüber italienischen Medien zitiert.

Und er holt schon zum Gegenschlag aus. Berlusconi nannte das Abhören seiner Telefonate am Donnerstagabend einen «Überfall», «unerträglich» und einen Grund, warum er Italien doch nicht verlassen wolle: «Ich bleibe hier, um dieses Land zu verändern.»

Gegen Berlusconi läuft derzeit in Mailand ein Prozess, weil er ein damals 17-jähriges Mädchen für Geschlechtsverkehr bezahlt haben soll. Sowohl er als auch die junge Frau bestreiten die Vorwürfe.

Callgirl brachte alles ins Rollen

Der 34-jährige Tarantini hatte bereits vor zwei Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Der Unternehmer, gegen den unter anderem Justizermittlungen wegen mutmasslicher Korruption laufen, soll Berlusconi das süditalienische Callgirl Patrizia D'Addario für Partys in seiner Residenz vermittelt haben.

Die Affäre rund um Partys und Prostitution, die Berlusconi damals sehr unter Druck gesetzt hatte, wurde von D'Addario ausgelöst. Diese hatte in einem Interview und vor den Ermittlern berichtet, dass sie von Tarantini zu zwei Partys in Berlusconis Privatresidenz eingeladen worden sei.

Dafür seien ihr 2000 Euro versprochen worden. Da sie bei Berlusconi nicht übernachtet hatte, wurden ihr angeblich nur 1000 Euro gezahlt. Ein zweites Mal habe sie bei Berlusconi die Nacht verbracht, dafür aber kein Geld bekommen. (ast/sda/dapd)

Berlusconi rudert zurück

Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat seine Aussage, er wolle das «Scheißland» Italien verlassen, relativiert. Das sei eines dieser Dinge, die man am späten Abend mit einem Lächeln sage und nicht ernst meine, zitierten italienische Medien den Regierungschef am Freitag, nachdem er mit seinen Worten in Italien für einen Sturm der Empörung gesorgt hatte. «Ich werde bleiben, um dieses Land zu verändern», fügte Berlusconi hinzu.

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