Aktualisiert 15.03.2011 08:03

AKW MühlebergBern, Fribourg, Murten und Biel wären betroffen

Wäre 20 Kilometer rund um das AKW Mühleberg eine Evakuierung wie in Japan nötig, müssten bis zu einer halben Million Menschen flüchten. Nur: Wohin?

von
Ronny Nicolussi
Stünde Fukushima 1 in Mühleberg, würden die Menschen in diesem Gebiet evakuiert. (Grafik: Sven Rüf/Google Maps)

Stünde Fukushima 1 in Mühleberg, würden die Menschen in diesem Gebiet evakuiert. (Grafik: Sven Rüf/Google Maps)

Von Bern bis Murten, von Biel bis Fribourg: Müssten im Umkreis von 20 Kilometern rund um das Atomkraftwerk Mühleberg Menschen evakuiert werden wie derzeit in Japan, wären Hunderttausende unterwegs. Wie das in einem Notfall funktionieren sollte, darüber sind sich die zuständigen Stellen längst nicht bis ins Detail im Klaren. Denn eine vorsorgliche Evakuierung der Bevölkerung gehört erst seit kurzem zum Notfallkonzept für Umgebungen von Atomkraftwerken.

Bis Ende 2010 sahen sämtliche diesbezüglichen Pläne des Bundes lediglich Aufenthalte in Schutzräumen vor. Die Menschen hätten im Katastrophenfall in ihren Kellern ausharren und Radio hören sollen, bis die Gefahr vorüber gewesen wäre. Dies ist auch heute noch die primäre Schutzmassnahme in den Szenarien des Bundes, erkärt Kurt Münger, Informationschef des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (BABS), auf Anfrage von 20 Minuten Online: «Grundsätzlich bietet der geschützte Aufenthalt in einem Haus einen sehr hohen Schutz vor Radioaktivität.»

Keine Evakuierung während der Wolkenphase

Aber was, wenn es dennoch nötig sein sollte, eine Evakuierung anzuordnen? Das auf Anfang Jahr überarbeitete «Konzept für den Notfallschutz in der Umgebung der Kernanlagen» sieht Aussiedelungen in Vorphasen vor, also im Zeitraum nach einem Unfall, der noch keine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung bildet und vor der so genannten Wolkenphase: «Voraussetzung ist, dass keine Freisetzung von radioaktiven Stoffen während der Evakuation [sic] zu erwarten ist.»

Bei möglichen Evakuierungen in der Bodenphase, wenn der Grad der Gefährdung durch die Ablagerungen am Boden steigt, sieht das Konzept vor, dass eine Kontaminationsverschleppung möglichst vermieden werden sollte. Wie solche Evakuierungen konkret abgewickelt werden sollten, darauf findet sich im Konzept keine Hinweise. Bevölkerungsschutz-Sprecher Münger räumt ein, dass entsprechende Berechnungen erst noch durchgeführt werden müssen. Das BABS arbeitet derzeit in einer auf drei Jahre angelegten Studie mit der ETH Zürich zusammen. Konkrete Ergebnisse liegen noch keine vor.

Unterschlupf bei Verwandten

Sollte sich morgen in der Schweiz ein vergleichbares Unglück wie in Fukushima ereignen, ist nicht klar, wie gut die Behörden vorbereitet wäre. «Niemand kann mit absoluter Sicherheit behaupten, dass wir bei einer solchen Katastrophe die Situation im Griff hätten», sagt Münger.

Explosion im Atomkraftwerk

Sicher ist, eine Evakuierung würde nicht vom Bund koordiniert, sondern vom Führungsstab des betroffenen Kantons. Dieser wäre auch für die Unterbringung der Bevölkerung zuständig. «Zu diesem Zweck gibt es viele Möglichkeiten: Turnhallen, Zivilschutzanlagen und nicht zuletzt private Einrichtungen», so Münger. Zudem sei zu erwarten, dass viele Menschen bei Bekannten oder Verwandten ausserhalb der Gefahrenzone Unterschlupf fänden.

Explosion im Atomkraftwerk

«Kaum realistisches Szenario»

Doch würde das ausreichen, um 500 000 Flüchtlinge unterzubringen? «Ein Szenario mit so vielen Betroffenen ist kaum realistisch», findet der BABS-Sprecher, «denn bei einer Evakuierung müsste vorerst die Zone 1 (im Umkreis von 3 bis 5 Kilometern) und je nach Wettersituation ein Sektor der Zone 2 (im Umkreis von 20 Kilometern) evakuiert werden.» Zöge eine radioaktive Wolke von Mühleberg Richtung Bern, beträfe es gleichwohl mehrere hunderttausend Personen.

100313 atomkraftwerk sicherheitspruefung

Die Gefahrensektoren der Schweizer AKW

(Quelle: Eidgenössische Kommission für ABC-Schutz)

Zweite Explosion im AKW-Fukushima

AKW-Unfall-Zonen (Quelle: Eidgenössische Kommission für ABC-Schutz)

Wie denken Sie über Kernenergie?

Haben die Ereignisse Ihre Einstellung zur Atomenergie beeinflusst? Sollte die Schweiz aus der Kernenergie aussteigen? Und sollten alternative Energieformen stärker gefördert werden? Nehmen Sie teil an der grossen Umfrage!

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.