Berner Musiker evakuiert Ukrainer : «Eine Flucht nach Rumänien kostet uns 15 Dollar»
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Berner Musiker evakuiert Ukrainer «Eine Flucht nach Rumänien kostet uns 15 Dollar»

Der 44-jährige Bänz Margot organisiert in der Ukraine Evakuierungen per Bus und bietet humanitäre Hilfe vor Ort an. Doch abnehmende Solidarität, mangelnde Spenden und teure Dieselpreise stellen seinen Verein vor Herausforderungen.

von
Seline Bietenhard
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Seit Kriegsbeginn setzt sich der 44-jährige Berner Musiker Bänz Margot in der Ukraine mit seiner Hilfsorganisation «Human Front Aid» für sich auf der Flucht befindende Menschen ein. 

Seit Kriegsbeginn setzt sich der 44-jährige Berner Musiker Bänz Margot in der Ukraine mit seiner Hilfsorganisation «Human Front Aid» für sich auf der Flucht befindende Menschen ein. 

Human Front Aid
Fast 3000 Menschen hätten sie mittlerweile eine Ausreise nach Moldawien, Rumänien oder Polen ermöglichen können.

Fast 3000 Menschen hätten sie mittlerweile eine Ausreise nach Moldawien, Rumänien oder Polen ermöglichen können.

Human Front Aid
Vor Ort unterstützt der Verein die lokale Bevölkerung auch mit der Versorgung mit Vorräten, Medikamenten oder Hygieneprodukten.

Vor Ort unterstützt der Verein die lokale Bevölkerung auch mit der Versorgung mit Vorräten, Medikamenten oder Hygieneprodukten.

Human Front Aid

Darum gehts

Seit Kriegsbeginn setzt sich der 44-jährige Berner Musiker Bänz Margot in der Ukraine mit seiner Hilfsorganisation «Human Front Aid» für sich auf der Flucht befindende Menschen ein. «Wir helfen den Leuten, die Ukraine zu verlassen, wir organisieren Busfahrten über die Grenze», sagt Margot. Fast 3000 Menschen hätten sie mittlerweile eine Ausreise nach Moldawien, Rumänien oder Polen ermöglichen können. Eine Flucht nach Moldawien kostet die Hilfsorganisation laut Margot pro Person etwa neun US-Dollar, nach Rumänien etwa 15 Dollar und nach Polen gegen 50 Dollar. Für die Flüchtenden sei die Ausreise natürlich kostenlos.

Vor Ort unterstützt der Verein die lokale Bevölkerung auch mit der Versorgung mit Vorräten, Medikamenten oder Hygieneprodukten. «Wir arbeiten eng mit lokalen Hilfsorganisationen, Behörden und auch der Polizei zusammen», sagt der Berner.

«Die Leute brauchen mich hier»

Die Ukraine sei seine zweite Heimat; er sei in den letzten Jahren beinahe häufiger dort gewesen als in der Schweiz. «Als der Krieg ausbrach, war ich gerade in Odessa. Am Abend zuvor sass ich noch mit Freunden in einer Bar – am Tag darauf musste ich die Ukraine überstürzt verlassen», sagt Margot. Er flüchtete nach Moldawien, wo er sich für dort angekommene Ukrainerinnen und Ukrainer einsetzte und zusammen mit Kollegen «Human Front Aid» gründete.

Seit einer Woche ist der 44-Jährige nun wieder zurück. «Ich bin wieder nach Odessa gereist. Ich habe es einfach nicht ausgehalten, weg zu sein», sagt Margot. «Die Leute brauchen mich hier.» Es sei für ihn nie eine Option gewesen, zurück in die Schweiz zu gehen. «Ich hatte das Gefühl, Hilfe vor Ort ist die beste Lösung», sagt Margot. Doch die Situation sei nicht einfach, in den letzten Tagen habe es mehrere Bombenabwürfe und Raketeneinschläge gegeben, wobei am Dienstag ein Einkaufszentrum und ein Warenlager zerstört wurden.

«Ich kann erst aufhören, wenn der Krieg zu Ende ist»

Die Erfahrungen der Ukrainerinnen und Ukrainer beschäftigen den 44-Jährigen: «Man kann es gar nicht in Worte fassen, es sind andere Dimensionen an Leid.» Der einzige Weg, damit umzugehen, sei zu helfen und Leute zu retten. Einfach nur zuzuschauen, sei keine Option. «Ich habe das Glück, dass ich einen Schweizer Pass habe und jederzeit wegkönnte, gleichzeitig werde ich von Freunden und Familie unterstützt. Die Leute hier haben diesen Luxus nicht», sagt Margot. Deshalb sei es besonders wichtig, die Probleme und Ängste der Flüchtenden ernst zu nehmen.

«Es tut gut, den Leuten ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern – sei es auch nur für einen kleinen Augenblick», sagt der Berner. Viele würden ihm danken, für ihn und sein Team sei es jedoch selbstverständlich, zu helfen. Für ihn sei es schon fast zu einer Art Zwang geworden, denn: «Wenn ich nicht helfe, dann macht es keiner.» Er könne erst damit aufhören, wenn der Krieg zu Ende sei.

Spendenmangel und teurer, rarer Diesel

Die Arbeit von «Human Front Aid» läuft aber laut Margot nicht immer nach Plan ab. Es mangle an Spenden. «Wir erleben weniger finanzielle Solidarität als noch vor einigen Wochen. Wir sind aber nach wie vor auf Unterstützung angewiesen, anders geht es gar nicht», sagt Margot. Zurzeit werde die Organisation hauptsächlich durch Privatpersonen und Firmen unterstützt, mittlerweile wird das Geld regelmässig knapp. «Letztens versuchten wir zum Beispiel, irgendwie noch 900 Franken zusammenzukratzen, damit wieder ein Bus über die Grenze fahren konnte», sagt der Berner. Am teuersten sei derzeit der Diesel für die Busse, an Treibstoff fehle es der Ukraine zurzeit besonders.

«Wir haben zwar das Privileg, dass wir Bons bekommen und so einen Vorrang auf Diesel, aber wir bezahlen alles selber», sagt der Musiker. Mit der Zeit gehe dies ins Geld.  Ein Liter Diesel kostet derzeit 1.90 Dollar. «Im Verein arbeiten alle auf freiwilliger Basis. Den ukrainischen Busfahrern bezahlen wir Lohn», sagt Margot. «Wenn ich einen Spendenaufruf in den sozialen Medien teile, und keiner reagiert, dann schmerzt mich das», so Margot. Laut dem 44-Jährigen sehen die Leute in der Schweiz den Ernst des Krieges gar nicht mehr. «Aber hier in Odessa ist er einfach immer präsent.» 

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