20 Buben missbraucht: Berner Sex-Täter war Vorzeige-Pädagoge
Aktualisiert

20 Buben missbrauchtBerner Sex-Täter war Vorzeige-Pädagoge

Als Sozialarbeiter stand er erfolgreich im Rampenlicht, im Verborgenen missbrauchte er unzählige Kinder: der ADHS-Coach T. B. Seine Arbeitgeber wollen nichts geahnt haben.

von
A. Hirschberg
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T. B. wird beschuldigt 20 Buben missbraucht zu haben. Er war Sozialarbeiter und hat viele Projekte mit Kindern, die an ADHS leiden, durchgeführt.

T. B. wird beschuldigt 20 Buben missbraucht zu haben. Er war Sozialarbeiter und hat viele Projekte mit Kindern, die an ADHS leiden, durchgeführt.

Berner Zeitung
«Wir konnten bei allen etwas in Bewegung setzen», sagt T. B. über die Kinder von der Alp.

«Wir konnten bei allen etwas in Bewegung setzen», sagt T. B. über die Kinder von der Alp.

SRF
«Sie verfügen über andere, überragende Fähigkeiten: Sie sind feinfühliger, emotionaler, tiefgründiger», so T. B. über Kinder mit ADHS-Symptomen.

«Sie verfügen über andere, überragende Fähigkeiten: Sie sind feinfühliger, emotionaler, tiefgründiger», so T. B. über Kinder mit ADHS-Symptomen.

SRF

Die Nachricht erschüttert derzeit die Schweiz: Schulsozialarbeiter T. B. soll gemäss Berner Polizei während 16 Jahren 20 Knaben missbraucht haben. Der heute 43-Jährige ist nicht einfach irgendein Jugendarbeiter. B. ist ein Schulsozialarbeiter der ersten Stunde und hat sich später als ADHS-Coach zu einem angesehenen Experten hochgearbeitet: Er schrieb an einem Buch über die Gefühlswelt von männlichen Jugendlichen mit, trat als Experte an einem Vortrag gemeinsam mit dem deutschen Professor Gerald Hüther von der Uni Göttingen auf und war der Vorzeige-Sozialpädagoge bei einem Projekt mit ADHS-Kindern, das verfilmt und in einer Reportage beschrieben wurde.

Das Projekt war nur eines von vielen Sommerlagern und Erlebniscamps, in denen B. ADHS-Kinder betreute. Einige davon wurden von der Sinn-Stiftung aus Deutschland getragen. Bereits bevor die Kantonspolizei zum ersten Mal von Eltern alarmiert wurde und die Ermittlungen aufnahm, hatte die Stiftung im Juni 2011 von den Übergriffen B.s auf ein Kind erfahren. Eine Familie hatte die Stiftung kontaktiert. «Weil die Familie aber keine Anzeige erstatten wollte und die Übergriffe nicht in einem unserer Camps stattgefunden hatten, waren uns die Hände gebunden», so Stiftungsleiter Christian Rauschenfels.

Man habe die Zusammenarbeit mit B. zwar sofort beendet, jedoch keine Organisationen oder Familien warnen können. «Uns hätte sonst eine Verleumdungsklage gedroht», sagt Rauschenfels. Erst im Januar 2012 erstattete eine Mutter Anzeige bei der Kantonspolizei Bern, weil B. ihre Kinder missbraucht hatte.

Die Vorwürfe liessen sich lange nicht erhärten

Die Ermittlungen förderten Schockierendes zutage: Die Übergriffe von B. reichen offenbar bis ins Jahr 1996 zurück. Damals schloss er an der Höheren Fachschule im Sozialbereich in Basel seine Ausbildung als Sozialarbeiter ab und war zunächst als Jugendarbeiter tätig. Bereits 1998 arbeitete er für einige Stunden pro Woche als Schulsozialarbeiter an der Sekundarschule in Oberwil BL. 2001 wechselte er nach Köniz, wo er bis 2008 tätig war.

Ein Jahr nach seiner Anstellung in Köniz wurde die dortige Schulleitung informiert, dass B. sich an seinem alten Arbeitsort an Jugendlichen vergangen haben soll. «Wir klärten das ab, die Vorwürfe liessen sich aber nicht erhärten», sagt Gemeinderat Ueli Studer. Sie seien von einer Lehrkraft im Kanton Baselland erhoben worden, sie habe diese Informationen aber nur aus zweiter Hand gehabt.

«Es gab niemanden, der Anzeige erstattete», so Studer. Man habe B. darauf eine Auflage gemacht. «Zum Schutze aller sollte er bei Aktivitäten ausserhalb der Schule nicht mit den Kindern alleine sein.» Was sich aber in der Freizeit des Sozialarbeiters abgespielt habe, darüber habe die Schule keine Kontrolle gehabt, so Studer. Fachlich sei man mit der Arbeit des Mannes immer zufrieden gewesen.

T. B. galt als engagiert und vorbildlich

Ein ehemaliger Schüler aus Köniz kann sich noch gut an B. erinnern. «Er war sehr beliebt und galt als toller Schulsozialarbeiter.» Es sei aber bekannt gewesen, dass die Problemkinder, die «bösen Jungs», immer wieder mal zu ihm nach Hause gehen mussten. Darum habe es in Köniz mit der Zeit Gerüchte über T. B. gegeben. «Es heisst, sogar Eltern hätten sich beschwert, weil Jugendliche zu ihm nach Hause mussten», so der ehemalige Schüler. Er ist darum überzeugt, dass es auch in Köniz Opfer von B. gibt.

2008 wechselte B. in den Kanton Solothurn, wo er von der Perspektive Solothurn bis 2010 als Schulsozialarbeiter angestellt wurde. Er war in Derendingen für die Primar- und Sekundarschule tätig. Auch dort hörte man von den Gerüchten aus dem Kanton Baselland. Man habe die Vorwürfe von einer Anwältin abklären lassen. «Weil sich nichts erhärten liess, die Vorwürfe schon länger zurücklagen und T. B. bereits gekündigt hatte, verfolgten wir dies nicht weiter», sagt Geschäftsleiterin Karin Stoop von der Perspektive Solothurn. B. galt als engagierter und vorbildlicher Sozialarbeiter. Nebst seiner Tätigkeit in der Schule organisierte er noch Skilager oder eine Bubenwoche.

Keine Hinweise auf Missbrauch in der eigenen Gemeinde

Nach seiner Anstellung in Solothurn bot T.B. als Privater Lager für Buben an und arbeitete für die deutsche Sinn-Stiftung. Auf einer noch heute aktiven Facebook-Seite preist B. zusammen mit einem Sportlehrer aus dem Baselland «spannende und erlebnisreiche Outdoor-Projekte für Kinder und Jugendliche» an. Während solchen «Erlebniswochen» hat B. mehrere Kinder missbraucht.

Trotz der happigen Vorwürfe will keiner der Arbeitgeber je Anhaltspunkte erhalten haben, dass T. B. in ihrer eigenen Gemeinde ebenfalls Buben missbraucht haben könnte. «Weder die Schule noch andere Stellen haben je irgendeinen Verdacht geäussert», sagt Stoop von der Perspektive. Dennoch hat die Kantonspolizei Bern bereits 20 Opfer gefunden – die meisten stammen aus dem Kanton Bern.

Mitarbeit: Christian Holzer

Kannten Sie T. B., haben Sie Ihre Kinder zu ihm geschickt oder haben Sie sonst Hinweise oder Informationen? Schreiben Sie uns! feedback@20minuten.ch

(Quelle:YouTube/wwwlive1TV)

Frau Regula Schwager*, wie kann sich jemand wie T. B. zu einer Koryphäe im Gebiet der Sozialpädagogik hocharbeiten?

Pädokriminelle Täter handeln im Verborgenen und arbeiten logischerweise oft in Institutionen, in denen Kinder oder Jugendliche betreut werden.

Müssten psychologisch geschulte Fachleute im Rahmen einer intensiven Zusammenarbeit nicht Verdacht schöpfen?

Das wäre natürlich wünschenswert, ist aber selten der Fall. Viele Menschen kommen schlicht nicht auf die Idee, dass ihr Kollege oder Bekannter pädosexuelle Straftaten begeht. Wir erleben häufig, dass das Umfeld eines Täters aus allen Wolken fällt, wenn derartige Straftaten bekannt werden.

Was für Lehren zieht man aus diesem Fall?

Es gilt genau hinzuschauen, wenn eine Beziehung einer erwachsenen oder deutlich älteren Person mit einem Kind «allzu nahe» erscheint. Wichtig ist auch, dass man unsichere Gefühle ernst nimmt und sich mit anderen über die eigenen Ahnungen und Beobachtungen austauscht. Zudem gibt es spezialisierte Fachstellen, bei denen man seine Beobachtungen überprüfen kann.

Offenbar hat T. B. systematisch betreute Buben in seiner Freizeit getroffen und zu sich nach Hausen genommen. Wie ist so etwas möglich?

Viele pädosexuelle Täter haben einen sehr guten Zugang zu Kindern, schaffen es problemlos, deren Vertrauen zu gewinnen und so zu wichtigen Bezugspersonen zu werden. Offenbar schaffte dieser Mann es auch, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen.

In einem Fall wurde nach Beschwerden zwar dafür gesorgt, dass er Buben nur noch in Begleitung trifft – aber untersucht wurde nichts. Wo hört die Verantwortung der Aufsichtsbehörden auf?

Da es sich bei diesen Delikten um Offizialdelikte handelt, hat eine Aufsichtsbehörde die Verantwortung, weitere Straftaten zu verhindern.

Ist es möglich, dass es bei einem Projekt, wie auf dieser Alp, zu einem Missbrauch kommen kann, obwohl noch ein weiterer Betreuer anwesend ist?

Sexuelle Ausbeutung kann überall geschehen. So ist es einem Täter durchaus möglich, unbeobachtete Momente und einsame Örtlichkeiten für seine Zwecke zu nutzen.

Wie kann man weitere Vorfälle in diesem Ausmass verhindern?

Kinder, Erwachsene und Fachleute müssen detailliert über Grenzen, Grenzverletzungen, sexuelle und körperliche Gewalt informiert werden.

* Regula Schwager arbeitet bei der Beratungs- und Informationsstelle Castagna als Psychologin und Psychotherapeutin.

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