«Unverantwortlich und traurig»: Frau liegt wochenlang tot in ihrer Wohnung
Aktualisiert

«Unverantwortlich und traurig»Frau liegt wochenlang tot in ihrer Wohnung

Im Westen Berns hat die Polizei die Leiche einer Frau gefunden. Sie lag seit Wochen tot in ihrer Wohnung. Zuvor hatten Nachbarn der Hausverwaltung mehrmals verdächtige Beobachtungen gemeldet.

von
Simon Ulrich
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In diesem Hochhaus an der Holligenstrasse verstarb die 61-jährige Cecilia K.

In diesem Hochhaus an der Holligenstrasse verstarb die 61-jährige Cecilia K.

zVg
Die Polizei fand ihren Leichnam am Freitag vergangener Woche.

Die Polizei fand ihren Leichnam am Freitag vergangener Woche.

zVg
Ein Siegel an der Tür zeugt vom Polizeieinsatz.

Ein Siegel an der Tür zeugt vom Polizeieinsatz.

zVg

Darum gehts

  • In einem Wohnhaus in Bern-West wurde die Leiche einer 61-jährigen Frau gefunden.
  • Bereits Anfang April hatten Bewohner Unstimmigkeiten bemerkt und diese der Verwaltung gemeldet.
  • Die Verwaltung wurde laut den Nachbarn jedoch nicht aktiv.

Es muss ein einsamer und trauriger Tod gewesen sein, den eine 61-jährige Bernerin im achten Stock eines Wohnhauses an der Holligenstrasse in Bern starb. An welchem Tag Cecilia K.* verschied, weiss niemand. Jedoch muss davon ausgegangen werden, dass die Frau seit mehreren Wochen leblos in ihrer Wohnung lag.

Bereits Anfang April häuften sich die Anzeichen, dass etwas nicht stimmte. «Seit Tagen hatte niemand mehr die Frau gesehen, ihre Rollläden blieben geschlossen und der Briefkasten quoll über», erzählt Petra F.*, die zwei Stockwerke unter K. wohnt. Auch im Waschplan hatte sich K. nicht mehr eingetragen.

Nach etwa einer Woche ergriffen besorgte Nachbarinnen die Initiative und meldeten ihre Beobachtungen der Hausverwaltung, der Privera. Diese sah sich aber laut den Nachbarn nicht veranlasst, irgendwelche Schritte einzuleiten. «Es hiess, man dürfe hier nichts unternehmen, da dies als Hausfriedensbruch gelten würde», sagt F. Nicht weniger als fünfmal habe man die Verwaltung in den darauffolgenden Wochen kontaktiert, doch immer habe es geheissen: abwarten. F. ist überzeugt: «Die Verwaltung hat die Sache nicht ernst genommen.»

Beamte brachen die Wohnung auf

Doch warum haben die Bewohnerinnen nicht selber die Polizei verständigt? «Die Privera hat es uns verboten», erklärt F. Es handle sich um die Privatsphäre der Frau und man dürfe sich nicht einmischen, habe die Begründung gelautet.

Mitte Mai, rund sechs Wochen nach dem ersten Anruf, wurde die Privera dann doch noch aktiv. «Sie schickte einen Lehrling vorbei, der eine Notiz an die Tür der Frau heftete, sie solle sich bei der Verwaltung melden», so F. Zu diesem Zeitpunkt sei längst ein unangenehmer Geruch aus der Wohnung gedrungen.

Als eine Bewohnerin am Freitag vergangener Woche abermals bei der Verwaltung nachhakte, rückte am Mittag schliesslich die Polizei an die Holligenstrasse aus. Die Beamten brachen die Wohnung auf und fanden die verweste Leiche von K. «Nach der Türöffnung stank es bestialisch im Treppenhaus», sagt F. Auch Tage später schlage einem noch ein heftiger Verwesungsgeruch entgegen.

Mit der Privera geht F. hart ins Gericht: «Jemanden in seiner Wohnung verwesen zu lassen, obwohl man mehrfach gewarnt wurde, ist unverantwortlich und traurig.»

«Nichts hätte Zutritt gerechtfertigt»

Die Immobilienverwalterin Privera wehrt sich gegen diesen Vorwurf: Das Unternehmen halte sich lediglich an die geltenden Gesetze und Vorgaben. «Insbesondere dürfen wir als Verwaltung die Wohnungen unserer Mieterinnen und Mieter nicht unbefugt betreten», sagt Sprecher Philipp Bigler. Man habe mehrmals versucht, die Mieterin und ihr Umfeld zu erreichen, sei auch vor Ort gewesen und habe sich mit den Nachbarn ausgetauscht. «Wir konnten jedoch nichts feststellen, was einen Zutritt in die Wohnung gerechtfertigt hätte», so Bigler. Die Privera nehme die Angelegenheit jedoch zum Anlass, ihr Vorgehen für solche Fälle «nochmals eingehend zu prüfen». Die Frage, weshalb man auch den Bewohnern untersagt habe, die Polizei zu verständigen, liess der Immobiliendienstleister unbeantwortet.

Zur Todesursache von K. macht die Kantonspolizei keine Angaben. Sie sagt lediglich, dass es keine Hinweise auf eine Dritteinwirkung, also ein Delikt, gibt. Auch Petra F. weiss nicht, woran die Frau gestorben ist. Sie sei ein sehr zurückgezogener und in sich gekehrter Mensch gewesen. «Sie sprach kaum ein Wort und wandte sich im Lift stets von einem ab. Sie wirkte ängstlich auf mich.» Besuch bekommen habe sie nie. Eine Bewohnerin, die seit über 20 Jahren im Hochhaus lebt und die Verstorbene etwas besser kannte, habe einmal gesagt, K. habe ein schwieriges Leben gehabt.

*Name geändert

Notruf wählen!

Die Storen bleiben unten, der Briefkasten quillt über: Was tun, wenn einen das Gefühl beschleicht, dass beim Nachbarn etwas nicht stimmt? Die Antwort der Berner Kantonspolizei ist klar: «Wer eine Notlage vermutet oder verdächtige Wahrnehmungen macht, kann und soll jederzeit die Polizei über die Notrufnummer kontaktieren», so Sprecher Patrick Jean. Dafür seien Notrufnummern schliesslich da. Gestützt auf die eingehenden Meldungen könne rasch abgeklärt werden, ob weitere polizeiliche oder medizinische Massnahmen getroffen werden müssten. «Allenfalls führen solche Abklärungen eben auch dazu, dass Entwarnung gegeben werden kann», so Jean. In Fällen wie dem beschriebenen müsse der Melder selbstverständlich nicht damit rechnen, dass er die Kosten des Polizeieinsatzes zu tragen habe.

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