«Pandemie in der Pandemie»: Berset bereitet Bevölkerung auf Shutdown-Verlängerung vor
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«Pandemie in der Pandemie»Berset bereitet Bevölkerung auf Shutdown-Verlängerung vor

Bundesrat Alain Berset sieht wegen der Ausbreitung der mutierten Virusvarianten keinen Spielraum für Lockerungen Ende Februar.

von
Bettina Zanni

Darum gehts

  • Gesundheitsminister Alain Berset (SP) sieht die Schweiz in einem «Corona-Dilemma». Der Bundesrat legt darum keinen Lockdown-Exit-Plan vor.

  • Bürgerliche Politiker drängen weiterhin auf die Öffnung von Läden und Restaurants.

  • Andere Stimmen warnen davor, die Fehler vom Frühjahr zu wiederholen.

Lockern? Verschärfen? Der Bundesrat hat am Mittwoch die Lockerungsstrategie diskutiert. Zu einem Entscheid kam er nicht. «Der Bundesrat hat festgestellt, dass wir mit einem echten Dilemma umgehen müssen», sagte Gesundheitsminister Alain Berset (SP) an einer Medienkonferenz.

Zwar gehe die Zahl der Neuinfektionen runter, so Berset. Gleichzeitig breiteten sich die neuen, viel ansteckenderen Virusvarianten aus, sodass sich die Schweiz in derselben Situation wie Anfang Oktober befinde. «Wir haben es mit einer Pandemie in der Pandemie zu tun.» Die neue Mutante verdränge die bisherige Form des Coronavirus. Das führe dazu, dass in mehreren Kantonen der R-Wert bereits wieder über 1 gestiegen sei. Dort sei mit stagnierenden oder gar steigenden Fallzahlen zu rechnen. Berset machte deutlich, dass er keinen Spielraum für baldige Öffnungen sehe: «Grossflächige Lockerungen auf Ende Februar sind nicht realistisch.»

«Öffnung der Restaurants könnte im März folgen»

Berset antwortete damit auf Forderungen von SVP und Gewerbe, die den Shutdown beenden wollen. Diese reagieren enttäuscht auf die abwartende Haltung des Bundesrates und legen nun nach. «Eine Verlängerung des Lockdowns Ende Februar muss unbedingt vermieden werden», sagt etwa FDP-Nationalrat und Unternehmer Marcel Dobler. Schaden und Wirkung der geschlossenen Läden stünden in keinem Verhältnis.

Als zweckdienlich betrachtet Dobler deshalb eine Öffnung der Läden Mitte Februar. «Dann kann man beobachten, wie sich die Ansteckungen entwickeln.» Zeigten die Öffnungen, dass die Ansteckungen nicht zunähmen, sollten im März die Restaurants öffnen können. Zudem sollten ab März die Kantone wieder im Lead sein. Die FDP forderte den Bundesrat erneut auf, so schnell wie möglich eine klare und nachvollziehbare Ausstiegsstrategie zu präsentieren.

Auch SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi tobt nach Bersets Auftritt: «Der Bundesrat kann das Volk nicht länger einsperren.» Die SVP werde weiter Druck ausüben, um die Läden, Restaurants und Fitnesszentren wieder zu öffnen. Der Bundesrat habe «null Evidenz», dass es in den geschlossenen Betrieben zu besonders vielen Ansteckungen gekommen sei. Laut Aeschi funktionieren die Schutzkonzepte und die Bürger hielten diese eigenverantwortlich ein, um Ansteckungen zu vermeiden.

Zu wenige Leute seien im Homeoffice

Linke und Mitte-Politiker befürworten hingegen den Kurs des Bundesrats. «Ich verstehe das Dilemma. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht denselben Fehler machen wie im Herbst und vorschnell Öffnungen beschliessen», sagt SP-Nationalrätin Barbara Gysi. Die Infektionszahlen gingen zurzeit nur minimal runter. «Wenn man jetzt zu schnell öffnet, sind wir vielleicht in wenigen Wochen an einem Punkt, an dem wir mit noch stärkeren Massnahmen reinfahren müssen.»

Abwarten und die Kontakte noch stärker zu reduzieren, helfe gegen steigende Zahlen, so Gysi. «Ich sehe, dass immer noch Leute nicht im Homeoffice arbeiten, die es könnten.» Auch Sitzungen fänden teilweise noch vor Ort statt online statt.

Jetzt sei Geduld gefragt

Auch für Grünen-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber sind die rückläufigen Zahlen noch kein Grund, um sofort über Öffnungen zu reden. «Ich weiss, dass es nicht einfach ist, aber die Leute müssen jetzt geduldig sein und abwarten, ob die Massnahmen reichen.» Viele weitere Massnahmen blieben nicht mehr. «Schulschliessungen und Ausgangssperren sollen auf jeden Fall verhindert werden.»

Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel sieht den Weg aus dem «Präventionsdilemma» in einem schnelleren Vorgehen bei der Verimpfung, dem Testen und der Sequenzierung der Viren. Auf diese Weise liessen sich die Ausbreitungsketten gut erfassen, sagt sie. «Damit die Fallzahlen weiter sinken, ist es wichtig, dass wirklich sämtliche Einreisende am Flughafen einen negativen Corona-Test vorweisen.»

Der Bundesrat will sich nun am 17. Februar erneut mit dem weiteren Vorgehen befassen.

Das sagt der Infektiologe

Andreas Cerny, Infektiologe am Moncucco-Spital in Lugano, befürwortet das Abwarten des Bundesrats. «Es geht darum, einen Tsunami zu verhindern», sagt er. Das Beispiel von Portugal zeige, wie fatal sich zu schnelle Lockerungen in einer dritten Welle auswirken könnten. «Das Gesundheitssystem ist dort überlastet.»

Um die Mutation in Schach zu halten, sind Massentests laut Cerny zentral. «Regelmässige Tests zum Beispiel in Schulen, Betrieben und Altersheimen sind dringend nötig.» Schärfere Massnahmen seien nicht nötig, solange die Infektionszahlen abnähmen. «Sobald die Zahl der Neuinfektionen wieder ansteigen, sollten die Massnahmen gezielt auf der Basis der Daten der Massentests in den besonders betroffenen Bereichen verschärft werden.»

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«Eine Verlängerung des Lockdowns Ende Februar muss unbedingt vermieden werden», sagt etwa FDP-Nationalrat und Unternehmer Marcel Dobler.

«Eine Verlängerung des Lockdowns Ende Februar muss unbedingt vermieden werden», sagt etwa FDP-Nationalrat und Unternehmer Marcel Dobler.

20min/Marco Zangger
Als zweckdienlich betrachtet Dobler deshalb eine Öffnung der Läden Mitte Februar.

Als zweckdienlich betrachtet Dobler deshalb eine Öffnung der Läden Mitte Februar.

«Der Bundesrat hat festgestellt, dass wir mit einem echten Dilemma umgehen müssen», sagte Gesundheitsminister Alain Berset (SP) an einer Medienkonferenz. 

«Der Bundesrat hat festgestellt, dass wir mit einem echten Dilemma umgehen müssen», sagte Gesundheitsminister Alain Berset (SP) an einer Medienkonferenz.

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