Shutdown-Verlängerung?: «Berset bringt es nicht fertig, den eigenen Impfplan einzuhalten»
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Shutdown-Verlängerung?«Berset bringt es nicht fertig, den eigenen Impfplan einzuhalten»

Bis Ende Februar sollten die verletzlichsten Personen in der Schweiz geimpft sein. Doch es mangelt am Impfstoff. Der Preis für die Verzögerungen ist laut der Covid-Taskforce hoch.

von
Daniel Waldmeier
Daniel Graf
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Der Gewerbeverband schiesst gegen Bundesrat Alain Berset. Der Grund: Beim Impfen gehts langsamer vorwärts als erhofft. 

Der Gewerbeverband schiesst gegen Bundesrat Alain Berset. Der Grund: Beim Impfen gehts langsamer vorwärts als erhofft.

AFP
Die Kantone kämpfen mit Schwankungen bei den Impfstoff-Lieferungen.

Die Kantone kämpfen mit Schwankungen bei den Impfstoff-Lieferungen.

20min/Taddeo Cerletti
Im Kanton Waadt etwa steht ein ganzes Impfzentrum still.

Im Kanton Waadt etwa steht ein ganzes Impfzentrum still.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Mit dem Impfen in den Kantonen gehts langsamer voran als erhofft.

  • Das Impfziel von Bundesrat Alain Berset ist laut Kantonsvertretern in die Ferne gerückt: Es gibt zu wenig Impfstoff.

  • Um die Abhängigkeit von einzelnen Konzernen zu reduzieren, hat der Bund inzwischen bei fünf Herstellern Impfstoffe bestellt.

Alain Berset drückte aufs Tempo: Bis Ende Februar sollten alle über 75-Jährigen in der Schweiz geimpft sein, im Juni die ganze Bevölkerung. Anfang Januar rechnete das BAG noch damit, dass die Schweiz bis Ende Februar über 1,5 Millionen Impfdosen erhalten wird. Die Hersteller Moderna und BioNtech/Pfizer sind aber seit Ende Januar nicht mehr im Zeitplan; der Impfstoff von AstraZeneca ist noch immer nicht zugelassen. Laut den letzten Zahlen erreichten bislang 790’425 Impfdosen Schweizer Territorium.

Der Impfstoffmangel bringt nun den Fahrplan der Kantone durcheinander. Im Kanton Waadt etwa steht ein ganzes Impfzentrum still. Laut Rudolf Hauri, dem obersten Kantonsarzt der Schweiz, sind die gesteckten Ziele nicht mehr realistisch. Er schätzt, dass sich die Impfung der über 75-Jährigen bis Ende März hinziehen wird. Und: «Da die Liefermengen bis Ende April nicht wesentlich grösser in Aussicht gestellt wurden, erscheint das Ziel, bis Mitte Jahr alle zu impfen, heute eher wenig realistisch.» Entscheidend seien die Liefermengen im Mai und Juni, wo man mit grösseren Ladungen rechne.

Lockerungen und Impfungen hängen zusammen

Auch der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen sagt: «Ursprünglich bestand die Hoffnung, dass die Gruppe mit der höchsten Impfpriorität schon in den nächsten Wochen geimpft sein wird. Aufgrund der weltweiten Lieferschwierigkeiten gehe ich im Moment eher davon aus, dass es April werden könnte, wobei hier im Moment keine sicheren Prognosen möglich sind.»

Steffen sagt, dass vor einer Lockerung der Corona-Massnahmen zumindest die Bewohner von Alters- und Pflegeheimen, die über 75-Jährigen und Menschen mit schweren chronischen Krankheiten geimpft sein sollten. Entsprechend rechnet er erst im Mai mit einem Lockdown-Ende, zumal sich nun noch die Virusvarianten mit einem höheren Ansteckungspotential verbreiteten.

Wieso in den USA oder in Grossbritannien gleichzeitig wie wild geimpft wird, weiss Hauri nicht. «Offenbar verfügen diese Länder schlicht über mehr Impfstoff.» Es sei unbefriedigend, könne die in den Kantonen aufgebaute Impf-Infrastruktur nicht voll ausgenutzt werden, so der Zuger Kantonsarzt. «Es bringt jedoch nichts, frustriert zu sein. Wichtig ist, dass der Bund nach Möglichkeiten sucht, Impfstoff zu beschaffen.»

Verabreichte Dosen pro 100 Einwohner, ausgewählte Länder.

Verabreichte Dosen pro 100 Einwohner, ausgewählte Länder.

Ourworldindata.org

Lockdown-Verlängerung kostet bis zu 110 Millionen pro Tag

Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sind die Verzögerungen laut dem Gesundheitsökonom Stefan Boes von der Uni Luzern fatal. Ein Paper der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes, an dem er mitgearbeitet hat, kam Mitte Januar zum Schluss: Die Schweiz spart mit jedem Tag, an dem wir dank einer Normalisierung der Wirtschaftslage durch Impfungen früher aus dem Lockdown kommen, bis zu 110 Millionen Franken. «Mit zunehmender Dauer steigt der Betrag immer stärker an, weil strukturelle Kosten wie eine steigende Arbeitslosenquote und auch Kosten im Bildungs- und Gesundheitssektor mit einberechnet werden müssen», sagt Boes.

Die Schuld an den teuren Verzögerungen gibt der Gewerbeverband Gesundheitsminister Alain Berset. Direktor Hans-Ulrich Bigler: «Wir sind davon ausgegangen, dass es es sich nur um Anfangsschwierigkeiten handelt. Wie sich jetzt zeigt, ist es aber der nächste Flop von Bundesrat Berset. Er bringt es nicht fertig, den eigenen Impfplan einzuhalten.» Die Schweiz habe nicht gut verhandelt. Auch dass die Lieferengpässe der Hersteller nicht absehbar waren, ist für Bigler «keine hinreichende Erklärung»: «Länder wie Israel oder die USA zeigen, dass es gehen würde.»

Die BAG-Vize-Direktorin Nora Kronig hat die Impfstoff-Beschaffung mehrfach verteidigt. «Vor sechs Monaten hätte niemand gedacht, dass wir heute schon mit einem hohen Rhythmus impfen», sagte sie kürzlich. Es sei eine Herausforderung für die Kantone, die Impfkampagne zu planen, wenn es zu Schwankungen bei der Auslieferung komme. «Die Lieferverzögerungen der letzten Wochen sollten jedoch bis Ende März aufgeholt werden», sagte Kronig an einem Point de Presse. Um nicht von einem Hersteller abhängig zu sein, hat der Bund inzwischen mit fünf Anbietern Verträge abgeschlossen, die den Bezug von über 30 Millionen Dosen erlauben.

Umbau von Werk

Bislang sind in der Schweiz die Impfstoffe von Moderna und BioNtech/Pfizer zugelassen. Bei Moderna fallen die Lieferungen im Februar voraussichtlich kleiner aus als geplant. Pfizer hat im Januar ein Werk in Belgien umbauen lassen, um statt 1,3 Milliarden Dosen zwei Milliarden Dosen produzieren zu können. Das führte zwischenzeitlich zu einer tieferen Produktion. Kommende Woche soll nun die nächste Lieferung in der Schweiz eintreffen, bis Ende Februar der Rückstand aufgeholt sein. Bis Ende Jahr hat sich die Schweiz beim Konzern 3 Millionen Dosen gesichert.

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