Pannenserie wird länger - «Berset hat weder das Corona-Dossier noch das BAG im Griff»
Publiziert

Pannenserie wird länger«Berset hat weder das Corona-Dossier noch das BAG im Griff»

Das BAG habe bei den Antikörper-Medikamenten auf das falsche Pferd gesetzt. Spätestens diese Aktion bringe das Fass zum überlaufen, finden Vertreter aus Politik und Wirtschaft.

von
Leo Hurni
Daniel Graf
Daniel Krähenbühl
1 / 6
Bundesrat Alain Berset steht erneut im Kreuzfeuer der Kritik. Grund ist ein Medikament, das vom Pharmariesen Roche zusammen mit der US-Firma Regeneron entwickelt wurde. 

Bundesrat Alain Berset steht erneut im Kreuzfeuer der Kritik. Grund ist ein Medikament, das vom Pharmariesen Roche zusammen mit der US-Firma Regeneron entwickelt wurde.

20min/Taddeo Cerletti
Deutschland hat bereits das hochwirksame Medikament gegen Corona bestellt. Die Schweiz zögert. «Wir stehen momentan mit mehreren Anbietern von Covid-Arzneimitteln in Kontakt», heisst es beim BAG.

Deutschland hat bereits das hochwirksame Medikament gegen Corona bestellt. Die Schweiz zögert. «Wir stehen momentan mit mehreren Anbietern von Covid-Arzneimitteln in Kontakt», heisst es beim BAG.

20min/Taddeo Cerletti
Das bringt das Fass endgültig zum Überlaufen, findet SVP-Nationalrat Thomas Aeschi. Er fordert einen Krisenstab, der die Entscheidungsverantwortung von Berset übernimmt. 

Das bringt das Fass endgültig zum Überlaufen, findet SVP-Nationalrat Thomas Aeschi. Er fordert einen Krisenstab, der die Entscheidungsverantwortung von Berset übernimmt.

PARLAMENTSDIENSTE

Darum gehts

  • Dass das BAG bei einem neuen Corona-Medikament von Roche noch nicht zugegriffen hat, sorgt in der Wirtschaft und der Politik für viel Ärger.

  • Kritisiert werden die vielen Fehlentscheide, die unter Gesundheitsminister Alain Berset passiert seien.

  • Deshalb wird die Forderung nach einem Krisenstab, der im BAG entscheidet, immer lauter.

  • Berset und das BAG machen einen guten Job, findet hingegen SP-Fraktionschef Roger Nordmann.

Der Schweizer Pharmariese Roche hat zusammen mit der US-Firma Regeneron ein hochwirksames Medikament gegen Covid-19 entwickelt (siehe unten). Deutschland hat bereits 200’000 Dosen von solchen Medikamenten bestellt, darunter auch das von Roche. In den USA hat das Medikament eine Notzulassung erhalten.

In der Schweiz ist man noch nicht so weit: «Wir stehen momentan mit mehreren Anbietern von Covid-Arzneimitteln in Kontakt. Da Verhandlungen am Laufen sind, werden keine Kommentare zum Inhalt dieser Verhandlungen gemacht», sagt ein Sprecher des Bundesamts für Gesundheit. Die Zulassung bei Swissmedic läuft, gemäss einem Sprecher.

SVP urteilt scharf

Nach dem «nicht brauchbaren» Pandemieplan, dem «Maskendebakel», der «gescheiterten Impfdatenbank» und der «mangelhaften Impfstoffbeschaffung» bringt für SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi das Fass zum Überlaufen, dass das BAG auch bei den Medikamenten von Roche schon wieder nicht zugegriffen habe. «Bundesrat Alain Berset hat nach mehr als einem Jahr seit Beginn der Pandemie das BAG noch immer nicht so aufgestellt, dass es wie ein Krisenstab bei einer Naturkatastrophe agiert.»

Für Aeschi ist deshalb klar: Es braucht einen Krisenstab, der die Schlüsselpositionen im BAG übernimmt und die Verantwortung von Berset abnimmt. «Wir brauchen Leute, die Erfahrung haben, im Umgang mit Krisen. Dazu gehören Leute vom BAG, aber auch etwa Leute mit militärischem Hintergrund, die geübt sind, im Umgang mit Extremsituationen.»

Auch SVP-Präsident Marco Chiesa hält die «versäumte Beschaffung» des Medikaments von Roche für einen weiteren strategischen Fehler. «Es ist unverständlich, dass das BAG bei den Verhandlungen nicht vorwärts macht. Die Schweiz hätte an vorderster Front dabei sein müssen», sagt Chiesa. All die Verzögerungen bezahlten die Menschen in der Schweiz teuer – in gesundheitlicher, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. «Offenbar hat Gesundheitsvorsteher Alain Berset weder das Corona-Dossier noch sein BAG im Griff.»

Professionelles Krisenmanagement gefordert

Ein professionelles Krisenmanagement fordert auch Hans Klaus. Er war Informationschef des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD), Sprecher von Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold und Kommunikationsdirektor bei der Fifa. Das Problem sei, dass in der derzeitigen Konstellation fast sämtliche Entscheide «verpolitisiert» würden: «Als Bundesrat muss Berset immer versuchen, alle Ansprüche zu berücksichtigen. So wird oft nicht das entschieden, was das Problem am besten löst, sondern was politisch opportun ist.» Ein Krisenmanager darf laut Klaus Fehler machen und kann diese auch wieder korrigieren. «Ein Politiker, der um seine Akzeptanz besorgt ist, tut sich damit schwerer.»

Dass nach über einem Jahr immer noch ein Bundesamt für das Krisenmanagement verantwortlich ist, ist für Klaus enttäuschend. «Es ist aber noch nicht zu spät für eine Korrektur. Ich bin überzeugt, dass problematische und unverständliche Entscheide zu Massnahmen, intransparente Impfstoffbeschaffung, die Probleme bei der Maskenbeschaffung oder die diffus kommunizierte Zulassung von Covid-Medikamenten so seltener vorkommen und schneller korrigiert würden.»

«Brauchen eine Impfung gegen Besserwisser»

Kritik gibt es auch aus der Wirtschaft: «Die Ungereimtheiten häufen sich», sagt Roland Müller, Direktor des Arbeitgeberverbands. Das BAG brauche im Krisenmanagement dringend Verstärkung. Doch obwohl man im VBS Leute mit Erfahrung im Krisenmanagement habe, die dem BAG unterstützend zur Seite stehen könnten, verzichte man auf ihr Know-How. «Das ist nicht nachvollziehbar», sagt Müller.

Verteidigt werden Berset und das BAG von SP-Fraktionschef Roger Nordmann: «Beim Impfstoff hat sich herausgestellt, dass die Schweiz sich früh viele Dosen der einzigen zwei Impfstoffe gesichert hat, bei denen bis heute keine Probleme aufgetreten sind.» Dass einige bürgerliche Politiker in der Krise nichts anderes täten als kritisieren, sei für Nordmann pathologisch: «Die SVP sollte froh sein, dass Alain Berset, das BAG und Swissmedic so einen guten Job machen und sich nicht über den Tisch ziehen lassen. Was wir dringend bräuchten, wäre eine Impfung gegen Besserwisserei.»

Grosse Hoffnungen auf Roche-Medikament

Ein Antikörper-Cocktail gegen das Coronavirus macht Hoffnung: Die Kombination der sogenannten monoklonalen Antikörper Casirivimab und Imdevimab verringert das Risiko symptomatischer Corona-Infektionen laut einer Studie um etwa 81 Prozent. Bei Patienten mit symptomatischer Infektion klangen die Symptome demnach im Durchschnitt innerhalb einer Woche ab, verglichen mit drei Wochen in der Placebo-Gruppe. Unerwartete ernste Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten. Dies zeigte jüngst eine Phase-3-Studie. Hinter dem Corona-Medikament stehen der Schweizer Konzern Roche und die US-Firma Regeneron. Die Therapie erhielt bereits Ex-Präsident Donald Trump nach seiner Corona-Infektion.

Deine Meinung

463 Kommentare