Kritik an Grippe-Vergleich – «Berset torpediert die Booster-Kampagne»
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Kritik an Grippe-Vergleich«Berset torpediert die Booster-Kampagne»

Scharfe Kritik an Bersets Grippe-Vergleich: Ein Infektiologe warnt, damit habe der Bundesrat die aktuell so wichtige Booster-Kampagne noch weiter geschwächt.

von
Joel Probst
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Eine Erkrankung an Omikron sei für Geimpfte eher «wie eine Erkältung oder eine Grippe», sagte Bundesrat Alain Berset diese Woche.

Eine Erkrankung an Omikron sei für Geimpfte eher «wie eine Erkältung oder eine Grippe», sagte Bundesrat Alain Berset diese Woche.

20min/Simon Glauser
Für den Tessiner Infektiologen Andreas Cerny ist Bersets Aussage «eine einzige Kommunikationspanne».

Für den Tessiner Infektiologen Andreas Cerny ist Bersets Aussage «eine einzige Kommunikationspanne».

zVg
Der Vergleich von Omikron mit einer Grippe wirke verharmlosend.

Der Vergleich von Omikron mit einer Grippe wirke verharmlosend.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

Die Booster-Kampagne stockt – obwohl die Omikron-Welle die Schweiz vollständig erfasst hat: «Es gibt viele Leute, die bei der Auffrischungsimpfung zögern», sagte Rebecca Ruiz, Vizepräsidentin der Gesundheitsdirektorenkonferenz, am Freitag anlässlich der Pressekonferenz mit Alain Berset: «Den Schutz braucht es aber jetzt, die Auffrischungsimpfung bietet das.»

Doch während Ruiz dazu aufrief, sich zur Boosterimpfung anzumelden, verglich Bundesrat Berset den Verlauf von Omikron mit demjenigen einer Grippe: Eine Erkrankung an Omikron sei für Geimpfte eher «wie eine Erkältung oder eine Grippe», sagte der Gesundheitsminister diese Woche gegenüber RTS. Ob das der Booster-Kampagne hilft?

«Schuss ins eigene Bein»

Der Tessiner Infektiologe Andreas Cerny hat null Verständnis für Bersets Vergleich: «Diese Aussage ist eine einzige Kommunikationspanne.» Der Vergleich von Omikron mit einer Grippe wirke verharmlosend. «Berset schiesst sich damit in den eigenen Fuss und torpediert die Booster-Kampagne. Dabei müsste man die Menschen gerade jetzt unbedingt vom Nutzen der Boosterimpfung überzeugen.»

Denn die Pandemie sei im Moment so virulent wie noch nie, sagt Cerny mit Verweis auf die hohen Fallzahlen. «Nur der Booster kann Infektionen verhindern, da Omikron enorm ansteckend ist.» Die Auffrischimpfung spiele deshalb eine zentrale Rolle, um das Gesundheitswesen zu entlasten, genauso wie die Infrastruktur und Grundversorgung aufrechtzuerhalten.

Omikron belastet Gesundheitssystem stärker als Grippe

Omikron führt zwar laut Cerny insgesamt zu weniger schweren Verläufen, trotzdem könne von einer Grippe keine Rede sein: «Omikron ist viel ansteckender als eine Grippe und generiert deshalb eine ganze Flut von Infizierten. Diese schiere Menge an Erkrankungen belastet das Gesundheitssystem stark und in einem völlig anderen Ausmass als etwa eine Grippewelle.»

Dazu kommen laut dem Infektiologen zwei weitere Faktoren: «Einerseits wissen wir noch kaum etwas über die Langzeitfolgen dieser Virusvariante. Andererseits können Personen mit geschwächtem Immunsystem trotz Booster nur eine beschränkte Immunität aufbauen.»

Massnahmenkritiker fühlen sich bestätigt

Bersets Aussage ist Wasser auf den Mühlen der Massnahmenkritiker und -kritikerinnen, wie ein Blick in die sozialen Medien zeigt. Sie fühlen sich in ihrer Wahrnehmung bestätigt, Corona sei – auch für Ungeimpfte – nur eine harmlose Grippe. Ein Twitter-Nutzer lobt etwa Bersets «Einsicht». Zuspruch erhält der Bundesrat auch vom Verein «Massvoll»: «Die Blase platzt», kommentiert die Organisation in ihrem Telegram-Kanal.

Solche Schlussfolgerungen aus Bersets Vergleich hält Cerny für völlig deplatziert: «Wir dürfen nicht vergessen, dass das Virus in der Schweiz bereits über zwölftausend Menschen das Leben gekostet und unser Gesundheitswesen zeitweise komplett lahmgelegt hat.»

Berset verteidigte seinen Vergleich

Berset verteidigte seinen Grippe-Vergleich an der gestrigen Pressekonferenz. Er betonte: «Die Aussage habe ich in Bezug auf Menschen mit Immunität getroffen.» Für Personen mit tiefer oder fehlender Immunität gehe noch immer eine nicht zu unterschätzende Gefahr vom Virus aus. Ein Berset-Sprecher wollte keine Stellung zur Kritik von Andreas Cerny nehmen.

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