Nach Abstimmungsdebakel: Bersets Masterplan gegen Hausärztemangel
Aktualisiert

Nach AbstimmungsdebakelBersets Masterplan gegen Hausärztemangel

Der Schweiz gehen die Hausärzte aus. Kaum ein Medizinstudent ist bereit, den wenig attraktiven Beruf zu ergreifen. In einer breit angelegten Aktion soll nun der Hausärztemangel bekämpft werden.

Die Herren des Masterplans: Carlo Conti, Präsident der Kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), Bundesrat  Alain Berset und Peter Tschudi, Präsident «Ja zur Hausarztmedizin» (von links).

Die Herren des Masterplans: Carlo Conti, Präsident der Kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), Bundesrat Alain Berset und Peter Tschudi, Präsident «Ja zur Hausarztmedizin» (von links).

Nach der Abstimmungsniederlage vom Wochenende demonstriert Gesundheitsminister Alain Berset Entschlossenheit, Reformen im Gesundheitswesen voranzutreiben. Mit einem «Masterplan» will er den Hausärztemangel bekämpfen.

Das Abstimmungsresultat habe gezeigt, wie schwierig es sei, in der Gesundheitspolitik mehrheitsfähige Lösungen zu finden, sagte Berset am Dienstag vor den Medien in Bern. Der Masterplan zur Hausarztmedizin aber werde von allen betroffenen Akteuren unterstützt. Erstmals seit langem sässen alle an einem Tisch.

Bersets Ziel ist es, die Probleme in der Grundversorgung rasch anzugehen und so die Hausärzte zum Rückzug ihrer Volksinitiative zu bewegen. Laut dem Präsidenten des Initiativkomitees, Peter Tschudi, ist ein Rückzug tatsächlich eine Option. Überstürzen wollen die Initianten aber nichts.

Erst am Anfang

«Plötzlich outen sich alle pro Hausarztmedizin», stellte Tschudi fest. Der Masterplan sei zu begrüssen. «Doch wir stehen erst am Anfang.» Ob sie das Volksbegehren zurückziehen, wollen die Initianten im März 2013 entscheiden. Entscheidend ist, welche Resultate bis dahin vorliegen.

Zum Masterplan bekannt haben sich auch die Ärztevereinigung (FMH), die Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK), die Universitätskonferenz (SUK) und das Staatssekretariat für Bildung und Forschung (SBF). Deren Vertreter zeigten sich einhellig überzeugt von Bersets Vorgehen.

Details wohl doch umstritten

Die bisherigen Arbeiten des Innendepartements stimmten die Kantone «sehr zuversichtlich», sagte GDK-Präsident Carlo Conti. «Das haben wir noch nicht gesehen.» Der scheidende FMH-Präsident Jacques de Haller sprach von einem «offenen, konstruktiven Geist».

Bei den Einzelheiten dürften sich allerdings kaum von Beginn weg alle einig sein. So betonte Berset, das Ziel seien kostenneutrale Massnahmen. Tschudi dagegen machte deutlich, dass für die Hausärzte eine finanzielle Besserstellung entscheidend ist - und dass diese möglicherweise nicht kostenneutral sein wird.

Gesamtrevision des TARMED

Es brauche dringend Anreize, um den Nachwuchs zu sichern, stellte Tschudi fest. Bis in zehn Jahren seien nämlich drei Viertel der heute praktizierenden Hausärzte pensioniert, dann drohe ein Versorgungsnotstand. Mit einer Stärkung der Hausarztmedizin könnten Kosten eingespart werden, doch brauche es zunächst Investitionen.

Damit die Hausärzte nicht mehr so viel weniger verdienen als Spezialisten, soll das Tarifsystem TARMED revidiert werden. Geplant ist ein separates Kapitel für die Grundversorger. Auch bei den Labortarifen sind Anpassungen vorgesehen: Schnellanalysen sollen besser abgegolten werden. Bis das neue System greift, wird der heute geltende Übergangszuschlag für Praxislabors verlängert. Damit macht Berset eine Sparmassnahme des ehemaligen Gesundheitsministers Pascal Couchepin rückgängig.

Praktikum beim Hausarzt

Weitere Massnahmen setzen bei der Aus- und Weiterbildung an. Um die Hausarztmedizin an den Universitäten zu fördern, sollen kurzfristig Gelder bereit gestellt werden. Geplant sind ferner Anpassungen im Gesetz über die universitären Medizinalberufe. Wer eine Weiterbildung in Allgemeiner Innerer Medizin absolviert, soll in einer Hausarztpraxis ein Praktikum absolvieren müssen.

Die Hausarztmedizin wird gemäss dem Plan auch in der Forschung gefördert, ab 2016 mit einem Nationalen Forschungsgprogramm. Im Fokus stehen ferner integrierte Versorgungsnetze. Das Volk habe sich lediglich gegen einen Zwang ausgesprochen, solchen Netzen beizutreten, sagte Conti dazu. Das Abstimmungsresultat sei nicht als Votum gegen Versorgungsnetze zu deuten.

Den Initianten entgegen kommen

Koordiniert werden die Arbeiten vom Bundesamt für Gesundheit. Der Masterplan komme der Hausarztinitiative entgegen, schreibt dieses. Die Initiative verlangt eine gezielte Förderung der Hausarztmedizin in Bildung und Forschung, bessere Bedingungen bei der Berufsausübung und eine höhere Abgeltung der Leistungen.

Der Bundesrat möchte der Initiative einen Gegenvorschlag zur Seite stellen, der nicht auf die Hausärzte, sondern allgemeiner auf die Grundversorgung fokussiert. Im Parlament stiess der Gegenvorschlag allerdings nicht auf Begeisterung.

Berset brachte in der ständerätlichen Gesundheitskommission in der Folge die Idee mit dem Masterplan ein. Die Kommission unterstützt den Plan: Sie hiess am Dienstag einstimmig eine Motion gut, die Bersets Absichten aufnimmt. Die Initianten hoffen nun auf ein «Schnellzugtempo», wie Tschudi sagte. Berset bezeichnete er als «Lokomotivführer». (sda)

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