24.05.2017 13:53

Ärzte

«Bersets Plan wäre das Ende der Notfall-Praxen»

Spital statt Notarzt, keine Zeit für Patienten: So warnen Ärzte vor Anpassungen im Ärztetarif, die 700 Millionen Franken einsparen sollen.

von
Nikolai Thelitz

Die Ärzte gehen in Bern auf die Strasse (Video: ZVG)

In Bern gingen heute Ärzte mit einer Riesenspritze auf die Strasse, mit der sie Gesundheitsminister Alain Berset «eine Dosis Weisheit» verabreichen wollten, wie Josef Widler, Präsident der Zürcher Ärtzegesellschaft sagt.

Die Mediziner stören sich an Bersets Plänen, das Tarifsystem Tarmed anzupassen und so im Gesundheitsbereich das Kostenwachstum zu bremsen. «Unter dem Strich führt dieser Tarifeingriff zu höheren Kosten und nicht zu den versprochenen Einsparungen von 700 Millionen Franken», sagt Widler.

«Spital-Notfall kostet dreimal so viel wie ein Notarzt»

Er kritisiert vor allem, dass Notfallzuschläge für Notärzte und 24-Stunden-Kliniken gestrichen werden sollen. Weil diese Dienste hohe Kosten und eine geringe Auslastung hätten, sei ein Betrieb ohne die Zuschläge nicht möglich. «Bersets Plan wäre das Ende der Notärzte und -praxen.» Allein bei den Kinderpermanencen in Zürich und Winterthur müssten jährlich 25'000 Fälle neu von den Spitälern übernommen werden. «Eine Ambulanz und Behandlung im Spital kosten aber dreimal so viel wie ein Notarzt.» Ausserdem würden im Spital stundenlange Wartezeiten entstehen.

Auch könne der Arzt künftig nur noch 20 Minuten Sprechzeit verrechnen – zu wenig, wie Widler findet. «Besonders bei einer komplizierten Krankengeschichte ist diese Grenze schnell erreicht.» Ärzte müssten jedoch jeden Fall genau abklären und Vertrauen aufbauen. «Passiert dies nicht, holt sich der Patient noch eine zweite und eine dritte Meinung bei anderen Medizinern ein und treibt so die Kosten in die Höhe.»

Weniger Lohn für Ärzte

Bersets Tarifeingriff würde auch die Löhne der Ärzte um rund 4 Prozent schmälern, sagt Widler. Mit 145'000 Franken verdiene ein Arzt bereits heute 17 Prozent weniger als noch 2004. Mit den zusätzlichen Einschnitten würde der Arztberuf weniger attraktiv. «So kommen wir nicht gegen den Haus- und Kinderärztemangel an.»

Für SVP-Gesundheitspolitiker Sebastian Frehner sind die Ärzte an den Vorgaben von Berset selbst schuld. «Die Ärzte hatten 14 Jahre lang Zeit, sich mit den Tarifpartnern auf neue Tarmed-Ansätze zu einigen. Wenn sie dies nicht auf die Reihe bringen, muss halt der Bundesrat einschreiten.» Die Vorgaben aus dem Innendepartement seien vergleichsweise massvoll. «Wir müssen das Kostenwachstum bremsen. Ansonsten laufen die Gesundheitskosten aus dem Ruder und unser Gesundheitssystem wird an die Wand gefahren.»

«Irgendwo muss gespart werden»

Die Ärzteverbände würden sich zudem gegen alle Vorschläge aus der Politik wehren, die ihr Tarifsystem betreffen würden. «Irgendwo muss angesichts der Prämienexplosion aber gespart werden.» Dass es nun die Sprechzeit und die Notfall-Praxen treffe, sei für die Betroffenen zwar nicht erfreulich. Der Fehler liege aber im Tarifsystem.

Die Mediziner sind laut Frehner privilegiert, als einzige Berufsgruppe in einem geschützten Tarifsystem zu arbeiten. Besonders als schlechter Arzt könne man davon profitieren. «Das System lässt sich auspressen wie eine Zitrone, indem man unnötige Behandlungen vornimmt.» Gute und sparsame Ärzte hingegen würden für ihre Leistungen nicht belohnt werden. Frehner plädiert deshalb für die Auflösung des Tarifsystems. An seine Stelle soll ein marktwirtschaftlich orientiertes System eingeführt werden. «So haben die guten Ärzte Erfolg und die schlechten verschwinden.»

Dieses Modell geht Krankenkassenexperte Felix Schneuwly zu weit. Auch er glaubt aber, dass die Kosteneindämmung von Berset noch nicht ausreicht. «Die Krankenkassen brauchen mehr Freiheiten bei den Prämien für alternative Versicherungsmodelle wie Telemedizin, Hausarzt und HMO. Versicherte mit diesen Modellen sparen Kosten, wenn sie krank sind, ohne schlechtere Medizin zu bekommen. Wer mit der normalen Grundversicherung unbedingt drei Spezialisten oder mit Bagatellen den Spitalnotfall aufsuchen will, soll für diesen Komfort auch entsprechend bezahlen.»

Arzt Josef Widler überreicht eine Spritze an Markus Binder, Mediensprecher des Innendepartements. (Bild: Karin Scheidegger)

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