Bildungsstudie: Beruflicher Status hängt stark vom Elternhaus ab

Aktualisiert

BildungsstudieBeruflicher Status hängt stark vom Elternhaus ab

Eine neue Studie über die Bildungshintergründe der Schweizer zeigt: Unsere Berufswahl wird vom Elternhaus und dem sozialen Status bestimmt.

von
Nikolai Thelitz

Bestimmt unser Elternhaus, was aus uns wird? Eine neue Studie des Bundesamts für Statistik legt dies zumindest nahe. Umfassender als bisher wurde die soziale Herkunft von Studenten und Lehrlingen in der Schweiz untersucht. Dabei zeigt sich: Von den Unistudenten haben 61 Prozent Akademiker-Eltern, bei den Lehrlingen sind es nur 27 Prozent.

Auch wenn man die verschiedenen Studienrichtungen betrachtet, offenbaren sich Unterschiede. Am höchsten ist der Akademikeranteil in den technischen Wissenschaften: 63 Prozent der zukünftigen Ingenieure haben Eltern mit einem höheren Bildungsabschluss. In der Medizin sind es 57 Prozent, in der Kunst 55. Allgemein sind vor allem Uni-Fächer auf den vorderen Plätzen, an den Fachhochschulen studieren weniger Akademikerkinder.

Bei den Lehrlingen stammen die Informatiker am häufigsten aus Akademikerhaushalten. 38 Prozent ihrer Eltern besitzen einen Hochschulabschluss. Im Bereich Verkehrsdienstleistungen oder persönliche Dienstleistungen trifft dies nur auf 21 beziehungsweise 22 Prozent zu.

Grosse Unterschiede zeigen sich auch bezüglich Migrationshintergrund. Bei den Studenten sind vor allem die Studierenden an der Pädagogischen Hochschule (PH) häufig gebürtige Schweizerinnen. An Unis und Fachhochschulen sind eher internationale Studenten zu finden als an der PH oder der höheren Fachschule. Zur zweiten Generation gehört hier, wer in der Schweiz geboren ist, die Eltern aber nicht. Zur ersten Generation gehören alle, die im Ausland geboren sind, aber Teile des Schweizer Schulsystems durchlaufen haben. Ausländische Studierende haben einen ausländischen Abschluss und studieren an einer Schweizer Hochschule.

Während Lehrlinge im Bereich Gesundheit oder persönliche Dienstleistungen besonders oft einen Migrationshintergrund haben, sind Lehrlinge in der Landwirtschaft zu 95 Prozent gebürtige Schweizer. Als Secondos werden in dieser Statistik in der Schweiz geborene Ausländer definiert. Im Ausland geborene Ausländer gelten als Einwanderer.

Regula Leemann, Professorin für Bildungssoziologie an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, hat drei Erklärungen, weshalb unser Elternhaus unsere Bildungslaufbahn derart beeinflusst: Erstens hätten Kinder aus Akademikerhaushalten eine bessere Leistungsentwicklung in der Schule, weil die Eltern dem Kind dazu das bessere Umfeld und einen besseren Zugang zur Bildung bieten würden. «Das ist oft ganz unbewusst, und beginnt eigentlich schon, sobald das Kind geboren ist.» Schon wie sich die Eltern ausdrückten, wie sie mit dem Kind kommunizierten und was für einen Zugang sie zum Lesen hätten, würde erste Weichen für den Bildungsweg des Kindes stellen.

Zweitens gingen Akademikerkinder auch bei gleicher Leistung häufiger aufs Gymi als andere Schüler. Das habe einerseits damit zu tun, dass dieser Weg den Eltern besser vertraut sei. «Zudem wollen sie oft einfach ihren sozialen Status wahren.» Eltern aus Arbeiterfamilien hingegen seien teilweise froh, wenn das Kind eine Lehre mache und der Familie nicht noch bis 30 auf der Tasche liege.

Drittens leiste auch die Schule ihren Beitrag. «Wenn es um die Übertrittsentscheidungen geht, votieren die Lehrer beim Sohn eines Arztes eher für das Gymnasium als beim Arbeiterkind, weil sie ihm das auf längere Sicht eher zutrauen, und das bei gleicher Leistung», so Leemann.

Dass verhältnismässig viele Secondos an der Uni prestigeträchtige Fächer wie Jura oder Medizin studieren, führt Leemann auf eine hohe Karriereorientierung zurück. «Meine Vermutung ist, dass Secondos mehr leisten müssen als Schweizer Mittelstands-Studenten, um an die Uni zu kommen», sagt Leemann. «An der Uni sind darum eher leistungs- und aufstiegsorientierte Secondos zu finden, die ein Studium mit guten Berufsaussichten und hohem Prestige wählen wie Recht oder Medizin und nicht Soziologie oder Ethnologie.»

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