Aktualisiert 13.01.2014 16:41

Kritik an Doris Leuthard«Berufspendler zu bestrafen ist ungerecht»

Zugfahren wird teurer, sagt Bundesrätin Leuthard. Berufspendler könnten Fahrten in den Stosszeiten besonders teuer zu stehen kommen. Der Vorschlag kommt unterschiedlich gut an.

von
Christoph Bernet

Im Bahnverkehr sind weitere Preiserhöhungen absehbar. In der «SonntagsZeitung» kündigte Verkehrsministerin Doris Leuthard Preiserhöhungen für 2017 an. Zusätzlich will Leuthard flexiblere Billettpreise ermöglichen, um die vollen Züge während den Spitzenzeiten zu entlasten. Damit wird klar: Berufspendler müssen auch bei einem Ja zum Bahnausbaupaket Fabi in Zukunft mehr bezahlen, wenn sie in den Stosszeiten unterwegs sind. Die Idee: Wer die Bahnkapazitäten morgens und im Feierabendverkehr belastet, soll für die gleiche Strecke mehr zahlen, als wer tagsüber oder spätabends unterwegs ist.

Mit den moderaten Preiserhöhungen, die Leuthard für 2017 angekündigt hat, kann SP-Nationalrätin Evi Allemann leben. Sie seien Teil des Fabi-Kompromisses. An der Finanzierung der Ausbauvorlage beteiligten sich der Bund, die Kantone und die Bahnunternehmen. Dass auch die Bahnkunden einen Beitrag leisten, spricht laut Allemann für die Ausgewogenheit der Vorlage. «Die Bahnkunden werden dank Fabi in hohem Mass von mehr Komfort, besseren Verbindungen und erhöhter Sicherheit profitieren.»

«Es darf kein Preisdschungel entstehen»

Den Vorschlag, Berufspendlern während den Spitzenzeiten höhere Billettpreise aufzubürden, lehnt Allemann hingegen ab. Dass ein Streckenbillett immer gleich viel koste und zur Fahrt in jedem Zug auf der gewählten Strecke berechtige, sei ein grosser Vorteil des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz, sagt die SP-Nationalrätin: «Es darf kein Preisdschungel entstehen.» Das gefährde die Transparenz und Offenheit des ÖV und verspiele so einen der wichtigsten Trümpfe.

Auch Kurt Schreiber von Pro Bahn, dem Interessenverband der Bahnkunden, lehnt Leuthards Vorschlag ab: «Berufspendler zu bestrafen ist ungerecht und kontraproduktiv.» Schliesslich könnten Arbeitstätige, die um 8 Uhr im Büro erscheinen müssten, nichts dafür, dass sie während der Stosszeiten unterwegs seien.

Schiesst Leuthard mit ihrer Forderung Fabi ab?

Es sei falsch, über eine Flexibilisierung der Preisgestaltung «den Pendlern mit dem finanziellen Mahnfinger zu drohen». Vielmehr müssten sich Arbeitgeber und Schulen endlich offen dafür zeigen, die Präsenzzeiten flexibler zu gestalten, sagt Schreiber: «Ausser in Dienstleistungsberufen mit Kundenkontakt ist es keine Notwendigkeit, dass alle Leute um 8 oder 8.30 Uhr zur Arbeit erscheinen.»

Pro Bahn lehne eine massvolle Anpassung der Billettpreise nicht kategorisch ab, sagt Schreiber. Er betont aber, dass die Bahnkunden und insbesondere die Berufspendler schon heute ihren Beitrag zur Finanzierung der zukünftigen Infrastruktur leisten. Die Botschaft, Berufspendler zukünftig stärker zur Kasse zu bitten, die Doris Leuthard mit ihren Aussagen aussende, könne in der Debatte um Fabi zum «Killerargument» werden.

«Flexible Preisgestaltung ist marktwirtschaftlich sinnvoll»

GLP-Nationalrat Josias F. Gasser hingegen findet Gefallen an Leuthards Vorschlag. Er befürwortet die Einführung eines Mobility Pricing ab 2020, also eine flexible Preisgestaltung für die Benutzung der Bahn- und Strasseninfrastruktur: «Die Ausrichtung der Bahnkapazitäten auf die Spitzenzeiten ist sehr teuer.» Wie jedes Unternehmen hätten auch Bahnbetriebe das Ziel, die eigenen Kapazitäten optimal auszulasten. Es sei deshalb marktwirtschaftlich sinnvoll, über höhere Preise in den Stosszeiten eine bessere Verteilung der Zugauslastung zu erreichen.

Für den Grünliberalen ist auf lange Sicht eine höhere Belastung für Berufspendler während der Stosszeiten unausweichlich: «Wir werden längerfristig nicht daran vorbeikommen, die Nachfrage nach Mobilität über den Preis zu steuern», sagt Gasser. Ein ungebremstes Wachstum bei der Mobilität sei nicht wünschenswert. Wohn- und Arbeitsort müssten zukünftig wieder näher beieinanderliegen, «um das Problem bei der Wurzel zu packen».

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