Aktualisiert 27.08.2012 12:43

Doch keine Blase?Beruhigungspille für den Immo-Markt

Überraschende Ankündigung der Nationalbank: Sie macht den Banken keine weiteren Auflagen im Hypo-Geschäft. Als Entwarnung will die Notenbank den Entscheid aber nicht verstanden wissen.

von
Balz Bruppacher
Die Nationalbank sieht die Fehlentwicklungen auf dem Immobilienmarkt nicht mehr so dramatisch wie vor einigen Monaten.

Die Nationalbank sieht die Fehlentwicklungen auf dem Immobilienmarkt nicht mehr so dramatisch wie vor einigen Monaten.

Die Nervosität rund um die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist in den letzten Tagen wieder gestiegen. Am 6. September 2011 jährt sich die Einführung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken zum ersten Mal. Nach einer Verschnaufpause in der ersten August-Hälfte müssen die Währungshüter wieder tiefer in die Taschen greifen, um diese Untergrenze zu verteidigen. Und in Europa spitzt sich die Kontroverse über das richtige Rezept gegen die Eurokrise zu.

In dieser Situation haben sich SNB-Chef Thomas Jordan und seine Leute entschieden, an einer anderen Front ein Beruhigungssignal auszusenden. Seit Wochen wird nämlich darüber spekuliert, dass die Banken bald zusätzliche Auflagen im Hypothekargeschäft erfüllen müssen. Antizyklischer Kapitalpuffer – so lautet der technische Begriff für das Instrument, das seit Mitte Jahr zur Verfügung steht, um der Gefahr einer Immobilienblase vorzubeugen.

Nun teilt die Nationalbank mit, dass sie vorerst nicht zu dieser Massnahme greift. Das heisst, die Banken müssen mindestens bis Ende dieses Jahres das Hypothekargeschäft nicht mit zusätzlichen Eigenmitteln unterlegen. Begründet wird das Zuwarten mit dem Umstand, dass seit Jahresmitte bereits zwei andere Massnahmen gegen die Fehlentwicklungen auf Immobilienmarkt in Kraft sind.

Angst vor dem eigenen Mut?

Bevor das Hypothekargeschäft für die Banken weiter verteuert wird, soll die Wirkung dieser Massnahmen abgewartet werden. Jordan geht damit auf die Argumente der Banken ein. Die Kantonalbanken hatten sogar das Gespenst einer Kreditklemme an die Wand gemalt, falls die Nationalbank die Kreditbremse aktiviert. Die SNB macht einzelne Hinweise auf eine mögliche Entspannung aus. Allerdings scheint sie der Sache selber nicht recht zu trauen. «Dieser Entscheid (...) sollte nicht als Entwarnung aufgefasst werden», fügte sie selber hinzu. Die Gefahr von Fehlentwicklungen mit Risiken für die Finanzstabilität sei nach wie vor gross.

Überraschend kommt nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form. Man habe in letzter Zeit zahlreiche Anfragen gehabt, begründete SNB-Sprecher Walter Meier auf Anfrage die Mitteilung des Nicht-Entscheids. Tatsächlich hatten einzelne Bankökonomen damit gerechnet, dass der Bundesrat schon an seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause auf die zusätzliche Bremse für das Hypothekargeschäft treten werde. Denn formell muss der Bundesrat auf Antrag der Nationalbank entscheiden. Überdies ist die SNB gehalten, die Finanzmarktaufsicht Finma zu konsultieren.

Weniger resolut als im Fall CS

Der komplizierte Entscheidungsmechanismus ist das Resultat von Differenzen zwischen Finma und Nationalbank über die Zuständigkeit für solche vorbeugende Massnahmen. Analysten hatten erwartet, dass Jordan im Falle des Eigenmittelpuffers ähnlich resolut vorgehen wird wie bei der Aufforderung an die Credit Suisse, ihr Kapital zu erhöhen. Zumal der SNB-Präsident schon vor fast zwei Jahren das Fehlen von präventiven Instrumenten im Notenbankarsenal als eklatantes Defizit angeprangert hatte. Hintergrund ist das Dilemma, dass die Notenbank wegen des starken Frankens nicht mit einer Erhöhung der Zinsen auf die Überhitzung auf dem Immobilienmarkt zu reagieren.

Heikle Gratwanderung

Mit dem Zuwarten begibt sich die Nationalbank auf eine Gratwanderung. Mitte Juni hat sie noch davor selber gewarnt, dass die Kosten des Nichthandelns erheblich sein können und an die Immobilienkrise vor 30 Jahren erinnert. Sie kostete den Bankensektor rund 50 Milliarden Franken. Die Hauptgefahr bestehe darin, dass mit Gegenmassnahmen zu lange zugewartet werde, schreibt der renommierte Ökonom Charles Wyplosz in der jüngsten Ausgabe der «Finanz und Wirtschaft» und fügt hinzu: «Sobald eine Blase sich zu bilden beginnt, wird es immer schwieriger, den Prozess zu stoppen und die Kosten des folgenden Platzens steigen exponentiell.»

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