Frau tötet ihren Hund: «Besitzer glauben, es sei ein Liebesbeweis»
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Frau tötet ihren Hund«Besitzer glauben, es sei ein Liebesbeweis»

Chantal Boss hat ihren nach einem Unfall im Sterben liegenden Hund von Hand getötet, um ihn von den Schmerzen zu befreien. Forensiker Thomas Knecht erklärt, wie es dazu kommen konnte.

von
qll

Der fünfeinhalbjährige Parson-Russell-Terrier Jackson ist Anfang Februar von einem Auto in Olten angefahren und schwer verletzt worden. Um ihn von den Schmerzen zu erlösen, griff sein Frauchen Chantal Boss zu einer unkonventionellen Methode: Mit einem Hammer und einem Beil tötete sie das Tier.

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Auch 20 Minuten berichtete von dem Fall – die Meinungen sind gespalten. Einige Leser können das Handeln von Boss nicht nachvollziehen. «Unglaublich! Sie hat Gefängnis verdient» oder «Sie musste mehrmals zuschlagen und nennt das Erlösen? Mir tut es in der Seele weh, wenn ich das lese. Wenn sie wenigstens gewusst hätte, wo und wie der Hund innerhalb von einer Sekunde tot gewesen wäre. Aber so....?»

Andere Leser können Boss' Tat nachvollziehen: «Ich glaube diese Frau hat es nur gut gemeint mit ihrem Tier», «Es musste schnell gehandelt werden. Ich verstehe die Frau. Und ich finde nicht, dass sie etwas falsch gemacht hat. Abwarten bis der Tierarzt kommt? Genau das ist Tierquälerei» und «Ich kenne Boss und kann eines sagen: wenn jemand den Hund liebte, dann sie und zwar von ganzem Herzen.»

«Vorfall ist nur auf den ersten Blick widersprüchlich»

Thomas Knecht, leitender Arzt für forensische Psychiatrie am psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden, findet den Fall hoch interessant, «zeigt er doch die eigenartige Logik unserer Gefühle auf». «Dieser Vorfall ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch», sagt Knecht, «aus psychologischer Sicht ist die Situation stimmig.»

Laut Knecht leidet der Besitzer mit dem Tier, bis er es ab einem gewissen Punkt nicht mehr aushält und dem Tier den «Gnadenstoss» gibt. «Die Besitzer haben das Gefühl, es sei ein Liebesbeweis. Man erweist dem Tier die letzte Ehre.»

«Empathie für das Tier ist wichtig»

Um zu so einer Tat überhaupt in der Lage zu sein, ist laut Knecht die Empathie mit dem Tier die wichtigste Voraussetzung. «Erst durch dieses Verbundensein kann man das Leiden des Tiers so intensiv miterleben, dass man selbst den Punkt erreicht, wo die Tötungshemmung überwindbar wird», so Knecht. Zudem brauche es eine gewisse Entschluss- und Tatkraft: «Wenn diese fehlt, kann man das, was man zu diesem Zeitpunkt für richtig hält, nicht ausführen. Man ist handlungsunfähig.»

Knecht ist überzeugt: Boss' Handeln spricht für eine starke Bindung und gute Beziehung zu dem Tier. «Die Beziehung zwischen Mensch und Haustier ist sehr innig. Oft sogar inniger als zu einem Menschen», sagt Knecht. Wenn starke Gefühle im Spiel seien, täten Menschen im Affekt oft etwas, das von der Gefühlslogik her richtig sei, jedoch kulturell strafrechtliche Folgen nach sich ziehen könne.

Polizei ermittelt

Wieso das so ist, erklärt David Spreng, akademischer Leiter der Kleintierklinik Uni Bern: «Die Massnahmen, die in diesem Fall angewandt wurden, entsprachen nicht dem in der Schweiz herrschenden Tierschutzgesetz», so Spreng. Eine Tötung müsse schnell und ohne weitere Schmerzen geschehen. «Bei der hier angewandten Methode war das vermutlich nicht der Fall. Sowieso kann ein Halter sein Haustier ohne Hilfe von Fachleuten nicht tierschutzgerecht töten.»

Ob gegen die Frau ein Strafverfahren wegen Tierquälerei eröffnet wird, ist noch unklar. Melanie Schmid, Sprecherin der Kantonspolizei Solothurn, sagt auf Anfrage von 20 Minuten: «Wir ermitteln bereits in diesem Fall. Die Frau wird sich verantworten müssen. Da der Fall aber etwas kompliziert ist, ist noch nicht klar, wie der Tatbestand lauten wird.»

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