Aktualisiert 15.01.2015 15:30

UBS-Chefökonom

«Besser ein Ende mit Schrecken»

Die SNB habe stets geplant, nach spätestens drei Jahren aus dem Mindestkurs auszusteigen, sagt UBS-Chefökonom Daniel Kalt. Die Risiken hätten zuletzt stark zugenommen.

von
S. Spaeth
«Wenn eine Nationalbank eine solche Massnehme durchziehen will, muss sie Knall auf Fall reagieren. Es braucht den Big Bang», sagt Daniel Kalt, Chefökonom von UBS Schweiz.

«Wenn eine Nationalbank eine solche Massnehme durchziehen will, muss sie Knall auf Fall reagieren. Es braucht den Big Bang», sagt Daniel Kalt, Chefökonom von UBS Schweiz.

Herr Kalt, die Nationalbank hat sich vom Mindestkurs verabschiedet. Hat Thomas Jordan die Notbremse gezogen?

Die Massnahme der Nationalbank ist keine Notbremse. Es ist ein Sprung ins kalte Wasser. Die Schweizer Währungshüter mussten ständig zwischen zwei Risiken abwägen. Einerseits ist da die Gefahr einer sich ständig vergrössernden SNB-Bilanz, andererseits die negativen Auswirkungen für die Schweizer Exporteure, wenn sich deren Produkte plötzlich stark verteuern. Offensichtlich kam das Direktorium zum Schluss, dass die Verlustrisiken aus einer steigenden Bilanz zu gross wurden. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Liess sich SNB-Chef Thomas Jordan von den lauter werdenden Kritikern beeindrucken?

Klar ist: Die Stimmung im Land begann zu drehen. Als 2011 der Mindestkurs eingeführt worden war, wollte man die Exportwirtschaft schützen. Man gab ihr mit der Kursuntergrenze zum Euro Zeit, sich anzupassen. Das erklärte Ziel der Nationalbank war es aber damals, in zwei bis drei Jahren wieder aus dem Mindestkurs auszusteigen. Man glaubte, die angeschlagenen Euroländer wären dann über dem Berg. Nun zeigt sich: Europa ist noch nicht so weit.

Hat die SNB Glaubwürdigkeit verloren? Jahrelang hat man betont, am Mindestkurs festzuhalten.

In einem gewissen Sinne hat die Glaubwürdigkeit mit Sicherheit gelitten. Wenn man den Märkten während Jahren verspricht, durchzuhalten, und dann plötzlich eine Kehrtwende macht, richtet das einen gewissen Schaden an.

Gab es eine andere Möglichkeit, diesen Schritt anzukündigen?

Wenn eine Nationalbank eine solche Massnahme durchziehen will, muss sie Knall auf Fall reagieren. Es braucht den Big Bang. Bis gestern musste die SNB deshalb beteuern, am Kursziel festzuhalten. Die Marktteilnehmer auf diesen Schritt vorzubereiten, ist nicht möglich.

Seit wann wusste die SNB, dass sie vom Mindestkurs abkehrt?

Das kann ich nicht beantworten. Die SNB hat sich sicher ständig Gedanken gemacht, wie man wieder aus der Situation herauskommt. Zuletzt wurden die Verlustrisiken aber immer grösser. Für die Aufgabe des Mindestkurses sprach auch, dass sich der Franken gegenüber dem Dollar jüngst stark abgewertet hat.

Ist die Aufgabe des Mindestkurses der richtige Schritt?

Das werden wir erst in zwei bis drei Jahren wissen. Es ist ein Abwägen von Szenarien mit sehr grosser Unsicherheit. Schon bei der Einführung im Jahr 2011 mussten die Schweizer Währungshüter abwägen, wie gross der Schaden für die kommenden Jahre sein könnte.

Hatte Thomas Jordan Angst vor Mario Draghi? Dieser hat bekanntlich angekündigt, im grossen Stil europäische Staatsanleihen zu kaufen.

Das hat bestimmt eine Rolle gespielt bei den Überlegungen. Vereinfacht gesagt, ist es so: Je mehr Geld Mario Draghi druckt, desto stärker wird der Druck auf den Franken. Die SNB hätte wohl noch stärker auf den Märkten intervenieren müssen, um die Untergrenze von 1.20 Franken zum Euro zu halten.

Ändert der Kurswechsel der SNB etwas an den Zielen von Mario Draghi?

Nein, es wird ihn nicht vom Kurs abbringen, seiner Eurozone unter die Arme zu greifen. Draghi kämpft gegen die lahmende Wirtschaft und gegen die Deflation.

Wie sieht es jetzt mit der Deflationsgefahr für die Schweiz aus?

Diese Deflationstendenzen sind grösser geworden. Aber eine Deflation ist nicht immer gleich gefährlich. Deflationäre Tendenzen bei Vollbeschäftigung und einer soliden Wirtschaft sind weit weniger schlimm, als wenn die Wirtschaft schon strukturell schwach ist.

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