Aktualisiert 03.01.2010 18:39

Illegales Filesharing

Bestseller für 0 Franken

Amazons eBook-Reader Kindle ist der iPod für Bücher. Ob das auch im negativen Sinn gilt, den Verlagen also ein ähnliches Schicksal wie der Musikindustrie droht, wollte 20 Minuten Online wissen und ist im Internet auf Piratenfahrt gegangen.

von
Henning Steier

Als Amazon kürzlich seine Geschäftszahlen für das abgelaufene Quartal präsentierte, gab das Unternehmen neben einem um fast 70 Prozent höheren Nettogewinn von 199 Millionen US-Dollar auch einen Umsatzsprung von 28 Prozent auf 5,45 Milliarden Dollar bekannt. Ein wichtiger Grund war der Kindle, der sich nach eigenen Angaben mittlerweile zum meistverkauften Produkt des US-Versandhändlers gemausert hat. Seit dem 19. Oktober ist die zweite Version des Lesegeräts für elektronische Bücher auch hierzulande erhältlich und konnte im Kurz-Test von 20 Minuten Online durchaus überzeugen.

Zwar sind mittlerweile auch Geräte wie Sonys PRS-600, der txtr reader des Berliner Unternehmens Wizpac oder der Dualscreen-Reader nook des US-Buchhändlers Barnes & Noble auf dem Markt. Doch weil der erste Kindle bereits pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2007 verkauft wurde und damit eine Vormachtstellung besitzt, hat sich 20 Minuten Online mit ihm auf Kaperfahrt im Netz begeben. Das Ziel war es herauszufinden, ob der «iPod für Bücher», wie das Magazin BusinessWeek ihn einst beschrieb, sich ähnlich leicht mit gestohlenen eBooks befüllen lässt wie Apples Multimedia-Player mit raubkopierten Songs.

Keine Seite fehlt

Im Unterschied zu Konkurrenzgeräten unterstützt der Kindle nicht das populäre Dateiformat EPUB. Daher machen wir uns zunächst auf die Suche nach Büchern, die im von Amazon gewünschten Format azw vorliegen. Wer sich in einschlägigen Foren umsieht, in denen Links zu Filehostern wie RapidShare oder Megaupload präsentiert werden, stösst schnell auf tausende azw-eBooks. Allein für Dan Browns aktuellen Bestseller «Das verlorene Symbol», der kürzlich mit einer deutschsprachigen Startauflage von 1,2 Millionen gedruckt wurde, fanden wir in drei Foren etwa 50 Links, von denen 40 noch aktiv waren. Ähnliche Ergebnisse ernteten wir auf Torrent-Tracker-Seiten, von denen wir drei testeten. Hier gab es 40 Links, von denen 32 zu Torrents führten, die den Download des elektronischen Buches ermöglichten. Da in der Schweiz der reine Download noch nicht kriminalisiert ist, ist BitTorrent für Piraten allerdings nur zweite Wahl.

Insgesamt testen wir die Ergiebigkeit der Piratenquellen mit zehn Titeln der aktuellen New York Times-Bestsellerliste und hatten in allen Fällen Erfolg. Binnen Sekunden gelangten die in der Regel nicht einmal zwei Megabyte grossen Bücher auf den Rechner. Der Kindle wird - wie ein USB-Stick - als externes Laufwerk erkannt und lässt sich einfach per Drag and Drop befüllen. Aber auch eBooks in anderen Formaten, die ebenfalls auf einer Vielzahl einschlägiger Seiten als Raubkopien zu finden sind, bereiten dem Kindle und seine Konkurrenten keine Probleme, wenn man nachhilft. Denn wie in der obigen Bilderstrecke zu sehen ist, lassen sich mit dem Gratis-Tool «Calibre» leicht und schnell Dateien umwandeln. In zehn Versuchen misslang dies nicht ein einziges Mal.

«Wir respektieren Urheberrechte»

Natürlich ist das Angebot an deutschsprachigen Piraten-eBooks im Verhältnis zu englischen vergleichsweise gering. Das liegt daran, dass der erstgenannte Markt viel kleiner und ausserhalb der USA erst viel später erschlossen wurde. So ist beispielsweise Dan Browns «Das verlorene Symbol» für europäische Kunden gar nicht bei Amazon erhältlich. «Wir halten aber an unserem Ziel fest, jedes veröffentlichte Buch der Welt in allen Sprachen binnen 60 Sekunden auf jeden Kindle bringen zu können», sagte eine Firmensprecherin gegenüber 20 Minuten Online. Von 100 Büchern, die es als Papier- und Kindleversion gibt, würden bereits 33 auf einen Reader heruntergeladen. «Insgesamt gibt es mittlerweile für US-Nutzer rund 360 000 eBooks bei Amazon, für Schweizer Kunden sind etwa 290 000 verfügbar. Beim US-Start des ersten Kindle vor zwei Jahren waren es noch 90 000», so die Sprecherin weiter. Zum Thema Piraterie sagte sie nur: «Wir respektieren Urheberrechte und erwarten das auch von unseren Kunden.» Ähnlich zugeknöpft gab sie sich bei der Frage, wie viele von Amazons Partnern aus der Branche ihre eBooks mit einem System des Digital Rights Management (DRM) ausstatten: «Wir äussern uns nicht zu Vertragsdetails.»

Wie die Financial Times Deutschland unlängst schrieb, gibt es im Nachbarland zwar einzelne Verlage wie die Verlagsgruppe Thieme, welche auf digitale Wasserzeichen setzt, um Piraten abzuschrecken. Die deutsche Buchbranche konnte sich aber bislang nicht auf einen einheitlichen Kopierschutz einigen. Von diesem rät Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbands (SBVV), den Mitgliedern aber ab: «Die Verlage sollten kein allzu hartes Digital Rights Management für ihre eBooks verwenden. Denn im Fall der Musikindustrie hat sich gezeigt, dass jeder Kopierschutz irgendwann geknackt wird. Ausserdem verprellt ein zu strenges DRM die Kunden», sagte Landolf zu 20 Minuten Online, «wir müssen in erster Linie gute Angebote machen, und anwenderfreundliche, offene Plattformen, wo eBooks in Formaten für unterschiedliche Lesegeräte zu fairen Preisen heruntergeladen werden können.» Mit Libreka.de habe der Partnerverband aus Deutschland, der Börsenverein des deutschen Buchhandels, eine passende Plattform lanciert. Landolf hofft, sich dieser bald anschliessen zu können. Allerdings machte Libri.de kürzlich mit einer Sicherheitslücke Schlagzeilen: Einem Leser von netzpolitik.org war aufgefallen, dass man in Links zu Rechnungen, welche Libri Kunden zum Download anbietet, nur die invoiceId austauschen musste und sich so eine andere Rechnung herunterladen konnte. Laut der Webseite konnte man auf rund 500 000 Dokumente zugreifen. Libri hat die Lücke aber mittlerweile geschlossen.

«Unser Verband kämpft für die Einhaltung des Urheberrechts auch im Internet. Gegen einzelne Piraten vorzugehen, ist aber Sache der einzelnen Verlage, die beispielsweise Anbieter wie RapidShare darauf aufmerksam machen müssen, dass sich raubkopierte eBooks auf ihren Servern befinden», so SBVV-Geschäftsführer Landolf weiter. Er rechnet damit, dass es ab dem Frühjahr 2010 ein nennenswertes Angebot an deutschsprachigen eBooks geben wird. «Bis signifikante Umsätze erzielt werden, dürften aber noch einige Jahre ins Land gehen. In den USA, wo die Entwicklung am weitesten fortgeschritten ist, entfallen erst rund ein Prozent der gesamten Branchenerlöse auf elektronische Bücher», sagte er. Piraterie werde natürlich ein Thema werden, auch wenn es hierzulande noch keinen Fall gegeben hätte, in dem gegen Raubkopierer vorgegangen wurde. «Der Kindle ist natürlich prädestiniert für Piraten, weil man nicht mal eine Software braucht, sondern die gestohlenen eBooks einfach auf dem Reader speichern kann.»

Apples Tablet-PC vor dem Start

Erst gestern waberten wieder zahlreiche vermeintliche Belege dafür durchs Internet, dass Apple kurz vor dem Marktstart seines Tablet-PCs namens «Slate» stehen soll. Dieser soll unter anderem prädestiniert sein, um eBooks zu lesen, wie 20 Minuten Online berichtete. Wohl um auch dieser etwaigen Konkurrenz Herr zu werden, kündigte Amazon für den November den Start seiner Gratis-Software «Kindle for PC» an, die es ermöglichen solle Kindle-Books am Rechner zu lesen. Eine Version für Macs sei ebenfalls geplant, wie eine Sprecherin 20 Minuten Online sagte. Seit März 2009 ist in Apples App Store bereits die Applikation «Kindle for iPhone and iPod touch» kostenlos erhältlich. Dank der integrierten Funktion WhisperSync kann man beispielsweise auf einem anderen Gerät weiterlesen - und zwar genau an der Stelle, wo man aufgehört hat. Die Software ist allerdings bislang nur für US-Kunden verfügbar. Für alle Kindle-Besitzer ist hingegen das Angebot des Portals thekindlewarehouse.com. Es präsentiert seinen Besuchern 19 Webseiten, auf denen man kostenlose und legale eBooks für Amazons Reader herunterladen kann.

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