Angst vor Ansteckungen in der Firma: Betriebe nehmen Lernende aus dem Präsenzunterricht
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Angst vor Ansteckungen in der FirmaBetriebe nehmen Lernende aus dem Präsenzunterricht

Kurz vor den Sportferien hatten einige Firmen genug: Aus Angst vor Ansteckungen schickten sie die Lernenden in den Fernunterricht.

von
Bettina Zanni
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Einige Betriebe, in denen Homeoffice unmöglich ist, zogen ihre Lernenden vor den Sportferien vom Präsenzunterricht ab.

Einige Betriebe, in denen Homeoffice unmöglich ist, zogen ihre Lernenden vor den Sportferien vom Präsenzunterricht ab.

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Den Schutzkonzepten in den Berufsschulen trauen die Betriebe nicht.

Den Schutzkonzepten in den Berufsschulen trauen die Betriebe nicht.

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Zum Beispiel die Starrag, ein auf Präzisions-Werkzeugmaschinen spezialisiertes Industrieunternehmen, schickte die Lernenden nicht mehr in den Berufsschulunterricht vor Ort.

Zum Beispiel die Starrag, ein auf Präzisions-Werkzeugmaschinen spezialisiertes Industrieunternehmen, schickte die Lernenden nicht mehr in den Berufsschulunterricht vor Ort.

Screenshot/starrag.com

Darum gehts

  • Einige Lehrbetriebe zogen ihre Lernenden vor den Sportferien vom Präsenzunterricht in den Berufsschulen ab.

  • Damit wollten sie verhindern, dass das Coronavirus aus der Berufsschule in den Betrieb eingeschleppt wird.

  • Etwa das Industrieunternehmen Starrag spricht von einem «fürsorglichen Entscheid des Arbeitgebers».

Hygieneschutzmasken und Abstandsregeln gehören für die Schweizer Berufsschüler längst zum Alltag. Einige Betriebe, in denen Homeoffice unmöglich ist, trauen den Schutzkonzepten jedoch nicht: Sie zogen ihre Lernenden vor den Sportferien vom Präsenzunterricht ab.

«Wir haben unsere Lernenden in den letzten beiden Wochen vor den Sportferien nicht mehr in den Präsenzunterricht der Berufsschulen geschickt», sagt Sasa Colic, Leiter Human Resources bei der Starrag, einem auf Präzisions-Werkzeugmaschinen spezialisierten Industrieunternehmen mit Sitz in Rorschacherberg SG. Das Vorgehen bezeichnet er als «fürsorglichen Entscheid des Arbeitgebers».

«Mitarbeiter vor Ansteckung mit Virus schützen»

Die Gesundheit der Mitarbeitenden sei dem Arbeitgeber wichtig, sagt Colic. «Im Betrieb führten wir strenge Schutzkonzepte ein, um die Mitarbeiter vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen.» Da in den Berufsschulen viele Menschen zusammenkämen, seien diese potenzielle Ansteckungsorte. «Durch die vorübergehende Nicht-Teilnahme am Präsenzunterricht bestand weniger die Gefahr, dass Lernende das Virus aus der Schule in den Betrieb einschleppten.» Die Berufsschulen hätten ihnen den Schulstoff im Fernunterricht vermittelt.

Mittlerweile besuchen die Lernenden laut Colic den Präsenzunterricht wieder. Im Kanton St. Gallen waren sämtliche Berufs- und Mittelschüler in den ersten beiden Wochen nach den Weihnachtsferien im Fernunterricht. Exakt auf das Datum, an dem der kantonale Fernunterricht endete, fiel die Einführung der nationalen Homeofficepflicht – ein Widerspruch für die Starrag.

«Potenzieller gegenseitiger Ansteckung weniger ausgesetzt»

Auch Berufsschulen berichten von Lehrbetrieben, die ihre Lernenden nicht mehr in den Präsenzunterricht schickten. «In den vier Wochen vor den aktuellen Sportferien, die am Sonntag endeten, stellten wir für Schüler aus den Branchen Gesundheit und Soziales auf Fernunterricht um», sagt Marc Kummer, Rektor des Berufsbildungszentrums des Kantons Schaffhausen. Diese Massnahme sei in Absprache zwischen den Betrieben, den Lernenden und den Lehrpersonen des Berufsbildungszentrums geschehen.

«Die Lernenden waren an ihren Arbeitsplätzen unter erhöhter psychischer Anspannung, und es waren immer wieder mehrere Lernende in Quarantäne», sagt Kummer. Es sei den Lernenden, die durch ihre Arbeit dem Virus besonders exponiert sind, entgegengekommen, durch den Fernunterricht der potenziellen gegenseitigen Ansteckung weniger ausgesetzt zu sein. Die Wochen vor den Ferien hätten sich in Absprache mit den Betroffen für eine Ausnahme aufgedrängt.

Verzicht auf Präsenzunterricht zugunsten von Spital

Ähnliche Erfahrungen machte das Berufsbildungszentrum BBZ Pfäffikon im Kanton Schwyz. «Die Lernenden von einzelnen Spitälern und Altersheimen bearbeiteten den Schulstoff auf Wunsch des Betriebes an einzelnen Tagen von zuhause aus», sagt Rektor Roland Jost. Damit hätten die Betriebe verhindern wollen, dass sich die Lernenden in der Schule mit dem Coronavirus ansteckten und es im Betrieb zu einem personellen Engpass komme.

«Ich erhielt aber auch E-Mails von Betrieben ausserhalb des Gesundheitswesens, die uns baten, ‹endlich auf Fernunterricht› umzustellen», sagt Jost. Etwa habe ein Inhaber eines technischen Betriebs in der ersten Phase vorgebracht, dass er eine ganze Abteilung schliessen müsse, wenn ein Lernender das Virus aus der Berufsschule einschleppe.

«Präventive Gründe»

Inzwischen hätten sich solche Ängste aber klar gelegt, sagt Jost. Den Betrieben sei bewusst, dass die Schutzkonzepte wirksam seien. Zusätzlich habe sich die Situation wegen der sinkenden Fallzahlen sehr entspannt.

Andernorts bleibt die Skepsis. So setzen die Berufsschulen der Gesundheitsberufe in den beiden Basel weiterhin auf Fernunterricht. Dies auch auf Rücksicht auf die Arbeitgeber der Lernenden im Gesundheitsbereich. Die Regelung hat etwa die Organisation der Arbeitswelt Gesundheit beider Basel in Absprache mit dem Kantonsarzt im November beschlossen. «Es waren präventive Gründe im Rahmen des Schutzkonzeptes der Berufsfachschule Gesundheit», sagt eine Sprecherin. Auch im Kanton Zürich und im Kanton Solothurn gilt bei Lernenden im Gesundheitsbereich Fernunterricht.

Fernunterricht müsse sichergestellt sein

Ivo Zimmermann, Geschäftsleitungsmitglied von Swissmem, dem Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, hält fest, dass die Aufrechterhaltung des Unterrichts in der beruflichen Grundbildung an allen drei Lernorten für den Lernerfolg zentral sei. Dazu zählten die Betriebe, die Berufsfachschule und überbetriebliche Kurse.

Dispensiere ein Betrieb Lernende vom Präsenzunterricht, müssen diese laut Zimmermann trotzdem in den Genuss des Unterrichts kommen. «Die Qualität für die Lernenden im Fernunterricht muss dabei derjenigen des Präsenzunterrichts entsprechen.»

Das gilt bei Dispensationsgesuchen

Die Berufsschulbildung ist grundsätzlich obligatorisch und steht unter kantonaler Aufsicht. «Über Dispensationsgesuche entscheidet die Berufsschule und – sofern das berufliche Qualifikationsverfahren zur Diskussion steht – der Kanton», sagt die auf Schulrecht spezialisierte Anwältin Margrit Weber-Scherrer.
Allgemein dürfte die Angst vor einer Corona-Ansteckung für eine Dispensation nicht genügen, sagt sie. Selbstverständlich habe die Berufsschule selber ein Corona-Sicherheitskonzept einzuhalten, das für alle gelte. «Im Einzelfall und je nach Branche in einem zum Beispiel gesundheitlich heiklen Bereich könnte eine Dispens zur Schutz vor Ansteckung nach einer sorgfältigen Abwägung der entgegenstehenden Interessen möglich sein.» In diesem Fall müsste sichergestellt werden, dass die Lernenden den zu erarbeitenden Stoff der Berufsschule trotzdem erhielten.

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