Pillshaming wegen Ritalin und Antidepressiva

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PillshamingBetroffene werden wegen Antidepressiva angefeindet

Drei Leser*innen werden verurteilt, weil sie auf Medikamente angewiesen sind. Sie erzählen von Anfeindungen und lebensbedrohlichen «Ratschlägen».

von
Deborah Gonzalez
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Twitter-User*innen erzählen von ihren Erfahrungen mit Pillshamern, die sie verurteilen, weil sie auf Medikamente angewiesen sind.

Twitter-User*innen erzählen von ihren Erfahrungen mit Pillshamern, die sie verurteilen, weil sie auf Medikamente angewiesen sind.

Unsplash
Unter dem Hashtag #pillshaming erzählen sie, wie sie von Pillshamern angegriffen werden. (Symbolbild)

Unter dem Hashtag #pillshaming erzählen sie, wie sie von Pillshamern angegriffen werden. (Symbolbild)

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Eine Userin klagt darüber, dass sie das Pillshaming dermassen internalisiert hat, dass sie schon darüber nachgedacht hat, ihre Medikamente vor ihrer Familie zu verstecken.

Eine Userin klagt darüber, dass sie das Pillshaming dermassen internalisiert hat, dass sie schon darüber nachgedacht hat, ihre Medikamente vor ihrer Familie zu verstecken.

Twitter

Darum gehts

Unter dem Hashtag #pillshaming erzählen User*innen auf Twitter, wie sie von ihrem Umfeld, Fremden oder sogar von Ärzt*innen verurteilt wurden, weil sie Medikamente zu sich nehmen. Ein Problem, das auch die 20-Minuten-Community kennt: «Psychische Krankheiten und Medikamente haben anscheinend keinen Platz in der Gesellschaft», sagt etwa die 26-jährige Yasmin*.

Homöopathie, mehr Schlaf und Ruhe sollen viel bessere Heilungsmethoden sein – solche «Ratschläge» sind gefährlich. Psychiaterin Anna Buadze warnt davor, Medikamente wie Antidepressiva und Ritalin einfach abzusetzen. 

«Mein Vorgesetzter sagte, Antidepressiva machen abhängig»

Yasmin* (26) nimmt seit einem Jahr Antidepressiva, weil sie unter Depressionen leidet: «Die Medikamente helfen mir sehr. Sie heben meine Stimmung und nur so kann ich meine Probleme überhaupt in Angriff nehmen. In meinem Umfeld gehe ich offen damit um, viele haben aber ein Problem damit: Mein Vorgesetzter meinte, dass mich die Antidepressiva nur abhängig machen. Ich war schockiert! Er meinte noch, ich solle zu mir selbst sagen, dass es mir «gut gehe», dann ginge es mir automatisch besser.

Solche Situationen habe ich immer wieder erlebt. Das ist einfach übergriffig! Vor ein paar Jahren verletzte mich das noch, nun habe ich in der Therapie gelernt, wie ich mit solchen Menschen umgehen muss: Sie ignorieren und mich auf mein Bauchgefühl verlassen. Dennoch: Es ist ein ständiger Kampf.»

«Das Pillshaming-Phänomen kenne ich nur allzu gut»

Der 30-jährige Sebastian* wurde aufgrund seiner Depression lange Zeit mit Antidepressiva therapiert und leidet zudem unter der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS): «Das Pillshaming-Phänomen kenne ich nur allzu gut. Das Unverständnis gemischt mit esoterischen Weltanschauungen führt leider immer wieder zu Aussagen wie: «Du musst mit dir ins Reine kommen», «Geh doch einfach mehr in die Natur - das ist das beste Antidepressivum», «Du hast doch gar keinen Grund, dich schlecht zu fühlen». 
Ich musste mir schon von Bekannten anhören, dass ich gar kein ADHS hätte und dass ich deswegen unter keinen Umständen diese Medikamente nehmen dürfe. Solche Aussagen sind sehr verletzend.»

«Hobby-Heilpraktiker*innen wollen meine ADHS mit Ernährung heilen»

Die 33-jährige Lena* ist auf Medikamente gegen ihre ADHS angewiesen: «Pillshaming gehört zu meinem Alltag. Schwierig wird es, wenn ich in meinem Umfeld auf Hobby-Heilpraktiker*innen treffe, die meine ADHS mit Ernährung heilen wollen und mir sagen, dass «Ritalin nur eine Ausrede ist, um sich zu dopen». Sowas macht mich wütend. Ich brauche und will diese Medikamente. Mit solchen Aussagen sprechen sie einfach meine Krankheit und somit meine Realität ab. Das geht nicht! Deshalb rede ich kaum mehr darüber.»

*Name der Redaktion bekannt.

«Pillshaming kann lebensbedrohlich sein»

Hast du mit Antidepressiva, Ritalin oder anderen Medikamenten negative Erfahrungen gemacht? Dann melde dich im Formular.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Hast du Fragen zu deinen Rechten als Patientin oder Patient?

Hier findest du Hilfe:

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