Aktualisiert 26.08.2012 15:23

Nach knapper NiederlageBetrug oder Fahrerlager-Latein?

Tom Lüthi (26) ist beim GP von Tschechien von WM-Leader Marc Marquez (19) nur ganz knapp besiegt worden. Nun wird eine Frage ganz heiss diskutiert: War Betrug im Spiel?

von
Klaus Zaugg, Brünn

Tom Lüthi hat in Brünn im Kampf um den GP-Sieg die drittknappste Niederlage seiner Karriere eingefahren (siehe unten). Was die Niederlage in Brünn anders als alle bisherigen und deshalb brisant macht: Die Gerüchte wollen im Fahrerlager einfach nicht verstummen, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Weil die Techniker von Marc Marquez am Motor geschraubt haben. Das ist in der Moto2-Klasse streng verboten. Alle Teams haben die gleichen Honda-Motoren. Die Triebwerke sind plombiert und werden alle drei Rennen den Teams neu zugelost.

Nach der Niederlage des Schweizers hier in Brünn sagte ein hochrangiger, langjähriger GP-Techniker gegenüber 20 Minuten Online. «Ich bin sicher, dass Marquez über eine manipulierte Maschine verfügt. Das können Sie schreiben. Aber lassen Sie meinen Namen aus dem Spiel.»

Abenteuerliche Tricks

Die Rede hinter vorgehaltener Hand ist von abenteuerlichen Tricks: Beispielsweise davon, dass ein Italiener einen Weg gefunden hat, Veränderungen am Motor vorzunehmen, die auf der Telemetrie (den Computeraufzeichnungen über die Motorendaten) nicht mehr ersichtlich seien.

Die Verschwörungstheoretiker verweisen in Brünn darauf, dass Tom Lüthi und Marc Marquez die absolut identischen Maschinen haben – also nicht nur den gleichen Motor und die gleichen Reifen wie alle anderen, sondern auch das gleiche Fahrwerk (Suter) mit den genau gleichen technischen Weiterentwicklungen. Trotzdem gibt es einen Unterschied im Topspeed: Marquez erreichte hier in Brünn maximal Tempo 248,80 km/h, Lüthi 244,70 km/h.

Vorwürfe gab es immer wieder

Was ist von diesen Vorwürfen zu halten? Nun, Geschichte über technische Manipulationen gehören seit den ersten Tagen (seit 1949) zum GP-Zirkus. Legendär sind etwa die Gerüchte, Manfred Herweh, der 1984 einen teuflisch schnellen 250er-Rotax-Motor hatte, fahre mit mehr als den erlaubten 250 ccm. Und als Dirk Raudies 1993 den 125ern auf und davon fuhr, wollten die Gerüchte nicht verstummen, er habe einen Motor mit 175 ccm Hubraum. Beide Vorwürfe konnten nie bewiesen werden – und «Bschiss» wäre bei der technischen Kontrolle sowieso aufgeflogen.

Manipulationen an den plombierten Moto2-Triebwerken wären zwar theoretisch möglich. Doch Fahrwerkshersteller Eskil Suter, der auch über sehr viel Erfahrung im Motorenbau verfügt und Einblick ins Team von Marquez hat, schliesst solche Manipulationen gegenüber 20 Minuten Online gänzlich aus. «Erstens ist es gar nicht machbar. Zweitens ist niemand so dumm, mit illegalen Machenschaften um den WM-Titel zu fahren – Karriere und Glaubwürdigkeit wären auf Lebzeiten ruiniert. Aber die Techniker von Marquez holen bei der Abstimmung ein Maximum heraus. Die haben die Technik perfekt im Griff und das macht die Differenz. Es war hier in Brünn eben ein knappes Rennen und einer musste halt gewinnen. So ist Rennsport.»

Lüthi äussert sich nicht

Tom Lüthi mag übrigens auf solche Spekulationen nicht einmal eingehen. Die Teams können übrigens eine technische Kontrolle der Motoren verlangen. Wer das will, muss aber eine Kaution von 30 000 Euro einzahlen. Und die ist verloren, wenn alles in Ordnung ist.

Die Verschwörungstheorien dürften im Unbehagen über die spanische Dominanz im GP-Zirkus wurzeln und es dürfte sich um «Fahrerlager-Latein» handeln. Tom Lüthi hat für 20 Minuten Online ganz natürliche Erklärungen für seine knappe Niederlage: «Ich war auf Augenhöhe mit Marquez. Aber es hat einfach nicht ganz gereicht. Er war auf der Gerade ein bisschen schneller und so kam ich nicht nahe genug heran um ihn auszubremsen und auch beim Beschleunigen aus der Kurve heraus war er ein wenig schneller.»

WM-Titel für Lüthi kein Thema mehr

Tom Lüthi sagt, er habe damit gerechnet, dass er mit seiner Soloflucht (er führte vom Start weg) nicht unbehelligt ins Ziel kommen würde. «Aber weil mich keiner überholen wollte, habe ich versucht, meinen Rhythmus zu fahren und die Reifen zu schonen. Ich spürte, dass Marquez in meinem Windschatten war und wusste deshalb, dass ein Angriff kommen würde. Ich habe dann alles versucht, um noch einmal heranzukommen. Aber es hat einfach nicht gereicht.»

Die Niederlage wurme ihn schon ein wenig. «Aber ich bin fahrerisch auf Augenhöhe mit Marquez.» Der WM-Titel sei jedoch kein Thema mehr. Der Rückstand auf den spanischen WM-Leader beträgt jetzt 59 Punkte. «Das müssen wir realistisch sehen: Dieser Rückstand ist nicht aufzuholen. Ich kann jetzt von Rennen zu Rennen ein Maximum herausholen und freue mich jedenfalls schon auf Misano.» Dort wird in drei Wochen an der Adria das nächste Rennen ausgefahren.

Tom Lüthis knappste Niederlagen

1. Silverstone 20.06.2010

0,057 Sek. hinter Cluzel/Moto2

2. Mugello 05.06.2005

0,060 Sek. hinter Talmacsi/125 ccm

3. Brünn 26.08.2012

0,061 Sek. hinter Marquez/Moto2

4. Barcelona 03.06.2012

0,083 Sek. hinter Iannone/Moto2

5. Motegi 18.09.2005

0,111 Sek. hinter Kallio/125 ccm

6. Sachsenring 31.07.2005

0,134 Sek. hinter Kallio/125 ccm

7. Barcelona 15.06.2003

0,137 Sek. hinter Pedrosa/125 ccm

8. Assen 28.06.2008

4,597 Sek. hinter Bautista/250 ccm

9. Barcelona 04.07.10

5,037 Sek. hinter Iannone/Moto2

10. Jerez 03.04.2011

7,850 Sek. hinter Iannone/Moto2

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