Dekadent-absurd: Bewegende Abschiedsfeier für Schlingensief
Aktualisiert

Dekadent-absurdBewegende Abschiedsfeier für Schlingensief

Rund 2000 Freunde, Fans und Weggefährten des vor wenigen Wochen im Alter von 49 Jahren verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief haben ein Abschiedsfest in der Beliner Volksbühne gefeiert.

von
Holger Mehlig
dapd

Schlingensiefs Energie, sein Enthusiasmus, sein Idealismus wurden noch einmal erfahrbar. Filme, Fotos, Dias, Plakate, Lesungen, Diskussionen und Aufführungen erinnerten an einen der grössten deutschsprachigen Regisseure der vergangenen Jahrzehnte.

Auf Leinwänden und Monitoren, die überall im Theater verteilt waren, wurden seine Projekte gezeigt. Zu sehen war ein junger, wild entschlossener Mann, der die Partei Chance 2000 gründete, der Regie bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth führte, der provozierende Filme wie «Das deutsche Kettensägenmassaker» drehte.

Dekadent-absurde Schau

Volksbühnen-Intendant Frank Castorf, gekleidet in einen grauen Trainingsanzug, eröffnete den Abend. An einem grossen, übervollen Tisch sitzend gab er das Startsignal für die Ausstellung, wie er das Fest nannte. Eine junge Sängerin im roten Kleid stand in Stöckelschuhen auf der Tafel und sang Schubert-Lieder.

So herrlich dekadent-absurd hätte es wohl auch dem grossen Provokateur Schlingensief gefallen, der am 21. August an Lungenkrebs gestorben war. Er fehlte - der Platz auf der Bühne im grossen Saal der Volksbühne, der Ledersessel vor der Leinwand, auf der seine Filme liefen, blieb leer.

Berührend, als Super-8-Filme aus seiner Kindheit gezeigt wurden - und der Regisseur mit brechender Stimme von der niederschmetternden Prognose seiner Ärzte erzählte. Viele Kollegen Schlingensiefs waren gekommen. René Pollesch, Sophie Rois, Angela Winkler, Carl Hegemann und Jürgen Kuttner waren da, auch Claus Peymann schaute vorbei.

Der Schauspieler Martin Wuttke las Texte aus Schlingensiefs Drehbüchern vor. Auch Behinderte, die Schlingensief für einige seiner Projekte ausgewählt hatte, amüsierten sich und sahen sich Dokumentationen über ihre Arbeiten mit dem Kultregisseur an.

Ambitioniertes Projekt

Viel Raum beim Abschiedsfest nahm das Projekt ein, das Schlingensief bis zu seinem Tod nicht mehr losliess - und für das er prominente Fürsprecher, unter anderem den ehemaligen deutschen Aussenminister Frank-Walter Steinmeier gefunden hatte: Ein Operndorf in Afrika.

Eine schwarze Künstlerin trug mitreissende Gospels vor, ein grosser, lebendiger Hase scharrte in einem Holzkäfig, Monitore und Poster zeigten Bilder von Afrika und Entwürfe vom ambitionierten, in Burkina Faso geplanten Projekt, für das Schlingensief im Februar den Grundstein gelegt hatte.

Ohne Schlingensief fehlt nun aber der grosse Antreiber. Vielleicht kann sein Traum aber doch Realität werden. Spenden werden eifrig gesammelt - auch oder gerade in dieser Nacht des Abschieds.

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